Der Ausnahmezustand schlägt mir auf’s Gemüt

Ach, ich bin so ein wütender, ausrastender, ungehöriger Mensch! Statt dass ich froh bin, dass der Magen-Darm-Virus mich bisher verschont hat, ärgere ich mich über so unwichtige Dinge.

Zum Beispiel, dass meine Therapien (Physio- und Ergotherapie) ausfallen, weil die Praxis alle Bewohner des GTH momentan nicht therapiert, da sie dem Virus aus dem Weg gehen will. Das schließt dann die bisher Gesunden mit ein.

Das keiner mein Frühstückstablett abgeräumt hat und daher mein Tisch voll ist und ich dort nichts mehr machen kann. Also will ich das Tablett selber in die Küche bringen. Das scheitert dann daran, dass die Tür nach innen aufgeht, ich wieder rückwärts ausweichen muss und dabei das ganze Tablett auf dem Boden landet mit viel Radau und Scherben.

Ich klingele, damit jemand von der Pflege kommt. Keiner kommt. Ich rase dann wutentbrannt mit dem Rolli durch die Scherben auf den Flur. Da sehe ich meine Pflegerin am Computer am Stützpunkt sitzen. Als ich ihr dann sage, was passiert ist, sagt sie: „Ach, ich dachte das wär der XXX gewesen, aber da war alles in Ordnung.“ Daraufhin bekommt sie von mir eine hitzige, ausfallende Antwort. Ich falle komplett aus der Rolle. Ich bin ja so was von wütend!!!

Ich nehme den Aufzug und verlasse das verseuchte Haus, kochend. Ich musste nur kurz bei dm etwas einkaufen. Als ich dann zurück war, erinnerte ich mich daran, dass Frau Faust mir mal angeboten hatte, zu ihr oder Frau Kubens zu kommen bis ich wieder etwas runter gekommen war. Und??? Die beiden Damen sind entweder krank oder haben Urlaub. Beide sind also nicht da. Na klasse!!!

Jetzt sitze ich am Compi und lenke mich ab. Langsam komme ich wieder runter.

Frau Ga. macht sich Luft

„Die ist ja so bekloppt!!! Rücksichtslos fährt sie mir da über beide Füße… über die Zehen… !!“, Frau Ga. schäumt vor Wut. Wütend tippt sie mit ihrem Zeigefinger an ihre Stirn. vogel-zeigen-smilies-0001.gif von smiliesuche.deDa ist ihr wohl eine andere Bewohnerin mit ihrem Rolli über die Zehen gerollt. Ergebnis: Frau Ga.s Zehen sind blau!

„Die soll es bloß noch mal wagen… 😤 … dann lernt sie mich aber richtig kennen!!! 😤 „

Irgendwie musste ich an Gernot Hassknecht denken, von der ZDF Heute Show, als ich sah, wie sie sich aufregte.

Ich weiß, das sollte ich nicht denken. Aber Frau Ga. ist absolut niedlich, wenn sie sich so in Rage redet. 😊 Sie hat sich so sehr aufgeregt über diese gedankenlose Person, die ihr einfach über die Zehen fuhr. Das wird sie ihr nie verzeihen!

Mordswut!!!

Als ich Freitag in den Speisesaal kam, war mein Tisch schon vollständig versammelt. Dabei war ich früher unten als sonst. Ich wollte nämlich mit Frau Ga. den Speiseplan ausfüllen. Die anderen hatte ich alle heute morgen schon erwischt.

Frau Ga. stand an ihrem Ende des Tisches… eine wutschnaubende kleine Person und kriegte sich gar nicht mehr ein:Mordswut Gedankenblase„Die sind doch alle verrückt!!! Die sind alle plemplem!!! Das gibt’s doch gar nicht!!! Diese Bekloppten!!! Wollen die MIR erzählen, was ich zu tun hab!!??!!! Die spinnen ALLE!!!“

„Setzen Sie sich lieber erst mal hin“, meinte ich besorgt. Sie war so wütend! Sie wird im November 91. Da ich ja selber manchmal ziemlich wütend sein kann, konnte ich sie so gut verstehen. Ich seufzte.

Sie setzte sich, zitternd vor Wut.

„So… nun ziehen Sie schon mal Ihren Kleiderschutz über und dann fangen wir mit dem Speiseplan an. Soll ich Ihnen mit dem Kleiderschutz helfen?“

„Das kann ich selber!!“, immer noch wutschnaubend zog sie sich den zugeknöpften Kleiderschutz über den Kopf.

„OK, dann wollen wir mal mit dem Speiseplan anfangen“, sagte ich ruhig.

Ach ja, Speiseplan, das müssen wir ja AUCH noch machen. Aber Sie MÜSSEN das nicht mit mir machen!…

„Ich weiß…“, war meine Antwort.

Aber das ist sehr freundlich!„, langsam schien sie ruhiger zu werden.

Zügig erledigten wir das mit dem Plan und sie bedankte sich ganz lieb bei mir.

Ich bekam ein ganz warmes, weiches Gefühl in meinem Inneren. Ich liebe meine Tischfamilie, jeden einzelnen von ihnen!

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Manchmal frisst mich der Neid auf

Es gibt Momente, da kann ich es sehr schwer ertragen, von den ach so tollen Erlebnissen anderer zu hören. Oder zu sehen. Oder zu lesen.

Es frisst mich auf, wenn ich ‚Gesunde‘ sehe, die zur Arbeit gehen und abends wieder nach Hause.

Die ihre ‚eigenen 4 Wände‘ haben.

Die Kinder haben.

Die Auto fahren können, Fahrrad.

Die laufen, joggen, rennen, springen können.

Die Freunde treffen können und nicht überlegen müssen, ob diese Freunde auch ebenerdig wohnen oder einen Aufzug haben.

Dann will ich vor Neid und Eifersucht am liebsten zerspringen, etwas zerstören, etwas kaputt machen.

Dann rase ich mit meinem E-Rolli polternd durch die Gegend, ramme Wände, rase haarscharf an anderen vorbei, knalle Türen.

Bin wütend.

Bin traurig.

Die Tränen fließen nur so.

Die Nase schwillt zu und es ist schwer zu atmen.

Ich bin unendlich unglücklich und traurig und fühle mich doch so hilflos.

Dann sagt man mir: „Es gibt andere hier, die sind viel ärmer dran. Die können sich gar nicht wehren. Sie haben wenigstens Ihren Computer. Ihren Blog.“

Stimmt. Aber geht es mir deshalb besser?

NEIN Vielleicht doch?

Die Wut wütet weiter in mir.

Dazu kommt höchstens, dass ich mich schlecht fühle, dass ich solche Gefühle habe.

Ich habe dann das Gefühl, dass die anderen Verständnis bekommen, mich stören, nerven können. Sie sind ja so arm. Ich soll ertragen.

Dann könnte ich vor Wut platzen.

Und wer versteht mich?

Alles in mir schreit und wütet

Ich hatte gerade mal wieder einen dieser total unpassenden Entgleisungen im Speisesaal.

Ich wurde laut,
zerdepperte einen Teller,
setzte den Tisch unter Tee-Überflutung…
und verließ dann wutentbrannt
andere Bewohner anrempelnd den Saal
und verschwand im Aufzug,
mein Tablett mit meinem Abendbrot auf den Knien.

WAAA-RUMM???

Ich fühlte mich wieder einmal nicht wahrgenommen,
keiner Hilfe würdig,
scheinbar zu gesund aussehend,
um mir Hilfe zukommen zu lassen.

Aber dann waren plötzlich alle Hauswirtschaftshilfen da.

Das funktioniert nur dann, wenn ich mich daneben benehme.

Also benehme ich mich ab und zu daneben.

Aber ich fühle mich nicht gut dabei. Kaum hatte ich den Speisesaal verlassen, flossen die Tränen.

Ich war so wütend! Auf mich! Auf die besch…… Krankheit! Ich bin voller Wut… Hass… Neid… Eifersucht… … … Mitleid!!!

kostenlose Vektorgrafik von pixabay

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Ich benehme mich wie ein kleines Kind. Nicht wie eine Frau, die nächste Woche 48 Jahre alt wird!

Unglücklich und wütend

Momentan bin ich sehr schwer zu ertragen. Ich habe Angst vor der nächsten Chemo. Dadurch sind meine Nerven noch angespannter und dünner als sonst.

Ich kann es nicht ertragen, von anderen, gesunden Menschen und ihren ach so tollen Erlebnissen zu hören. Obwohl ich es ihnen eigentlich gönnen sollte. Ich will das momentan einfach nicht hören. 😒

Im nächsten Moment fühle ich mich schlecht. Nicht einmal meiner Schwester, meinen Eltern gönne ich das, was ich nicht haben kann.

Ich könnte mich mit ihnen freuen. Aber nein. Ich werde zerfressen von Neid und Missgunst.

Ich werde so wütend! Ich möchte dann am liebsten irgendetwas kaputt machen! Zerstören! Ich rase mit meinem E-Rolli los… ohne Rücksicht auf Verluste. Möchte etwas rammen, zerkratzen, zerstören… Jemandem Angst einjagen… Und richte letztlich die ganze Zerstörungswut gegen mich selbst. 😢

Kratzer am Rolli, blaue Flecken und Kratzer an meinen Armen und Beinen sind die Folge. – TOLL!!!

Wie alt bin ich??? Bald 48??? Ich verhalte mich wie ein kleines, trotziges Kind! 👶

Zwei der sieben Todsünden

Am Montag schrieb ich so weise, so klug. Und dann holen mich meine Sünden wieder ein und ich zerreiße mich.

Die katholische Kirche kennt sieben Todsünden, für die man nach dem Tod für alle Zeiten in der Hölle schmort. Es sind:

1. Hochmut (Stolz, Übermut)
2. Geiz (Habgier)
3. Neid (bzw Eifersucht)
4. Zorn (Wut, Rachsucht)
5. Wollust
6. Völlerei (Maßlosigkeit)
7. Trägheit

Nun bin ich nicht katholisch, habe also keine Angst vor der Hölle. Aber zwei dieser Todsünden fressen auch meine Seele auf, nämlich

3. Neid (bzw Eifersucht)
und
4. Zorn (Wut, Rachsucht)

Ich weiß, dass diese Charaktereigenschaften mir überhaupt nicht gut tun. Ich weiß, dass es überhaupt nichts bringt, wenn ich wüte und tobe, weil ich mich ungerecht behandelt fühle.

Alles basiert letztendlich auf der Trauer um den Verlust so vieler Dinge durch die Multiple Sklerose.

Soviel zur Erklärung.

Doch ich will diese Gefühle überwinden! Denn sie tun mir nicht gut. Doch wenn ich der Psychologin in der Psychotherapie lausche, denke ich immer: „Das werde ich NIE schaffen!“

Und ob! Ja, ich schaffe das!!!

Sieben Todsünden

Angst essen Seele auf