Wurzelsepps Sohn getroffen

Am Freitag klingelte mein Handy und Wurzelsepps Sohn rief an! Ich war ganz perplex, hatte ich doch nach Wurzelsepps Tod viele Male versucht, den Sohn zu erreichen. Ich wollte damals fragen, ob ich Bilder vom Vater mit im Nachruf zeigen dürfe. Da ich ihn nie erreichen konnte, sondern nur die Mailbox seines Handys, erschien mein Nachruf letztlich ohne Fotos vom Verstorbenen.

Jetzt war der Sohn wieder in Krefeld, um sich um die Trauerkarten zu kümmern. Er rief mich an, und fragte, ob er mir etwas vorbeibringen dürfe.

Ich sagte: „Ja!“

Kurz darauf war er da. Er überreichte mir eine der Traueranzeigen. Außerdem gab er mir ein Gedicht, das er für seinen Vater geschrieben hatte. Wir sprachen über den Wurzelsepp. Dann sprach er davon, dass ich wohl versucht hätte ihn zu erreichen.

„Ich bin nicht so firm mit dem Handy. Ich habe das eben erst gesehen!“, sagte er fast schuldbewusst.

Ich erzählte ihm, dass ich fragen wollte, ob ich im Nachruf im Blog Bilder von seinem Vater zeigen dürfe.

„Na klar!“, sagte er, „Vater hätte da bestimmt nichts gegen gehabt!“

„Na toll!!!“, dachte ich, „Jetzt ist es zu spät!“

Obwohl… dann zeige ich eben jetzt noch ein Foto, das ich schon im Nachruf zeigen wollte:

Herr F. 2014_06 grau

Auch der Wurzelsepp hat es geschafft

Genau einen Tag nach Herrn R. ging auch der Wurzelsepp. Auch er wollte schon lange zu seiner geliebten Frau, die vor einigen Jahren starb. Genau wie bei Herrn R. kann man sagen: Jetzt hat er es geschafft!

Auch bei ihm steht ein Spruch auf seiner Todesanzeige unten im Speisesaal der sehr tröstlich ist:

2016-04-04 18.05.21 ohne Namen

Einschlafen dürfen, wenn man müde ist,
Und eine Last fallen lassen dürfen,
die man lange getragen hat,
das ist eine köstliche, eine wunderbare Sache.

(Hermann Hesse)

Zu seiner jüngeren, aktiven Zeit war er ein leidenschaftlicher Wandersmann. Das zeigte sich auch noch zu Anfang seiner Zeit hier im GTH. Damals spazierten wir oft gemeinsam durch den Garten des GTH. Er mit Wanderstock, ich mit E-Rolli.

Jetzt stehen meine beiden Freunde also nebeneinander im Speisesaal auf dem Gedenk-Schränkchen. Innerhalb von zwei aufeinanderfolgenden Tagen haben Sie diese Welt verlassen. Ich werde noch oft an sie denken.

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Wurzelsepp wird immer kleiner

Gestern habe ich wieder einmal meinen Physio-Therapie-Termin genutzt, um beim Wurzelsepp vorbei zu schauen.

Laufen mit Rollator war angesagt. Draußen regnete es. Also wollte ich mit dem Physio-Ritter zum Wohnbereich (WB) des Wurzelsepp laufen und nach ihm sehen.

Er saß im kleinen Speisesaal des WB am Tisch im Rolli. Er war ganz in sich zusammengesunken. Seine Augen waren geschlossen.

Ich ging ganz nah an ihn heran und drehte den Rollator, so dass ich mich auf ihn setzen konnte. Dann strich ich über seinen Arm und sagte laut:

„Hallo H…, wie geht es dir?“

Hmpf„, war die Antwort und er öffnete die Augen zu schmalen Schlitzen.

„Ich bin’s, Katrin“, sagte ich und strich weiter über seinen Arm.

Wer ist da???“

Katrin!„, sagte ich noch lauter.

„Hat er seine Hörgeräte drin?“, fragte ich den Physio-Ritter. Er schaute nach und schüttelte dann den Kopf.

„Na klasse“, murmelte ich.

Ich versuchte dem Sepp noch das ein oder andere zu entlocken, erntete jedoch nur unverständliches Gebrabbel. Mit ihm war heute nicht viel anzufangen. Wie er da so zusammengesunken saß, sandfarbene Kleidung, graues Haar, verschwand er förmlich.

Wenn ich denke, dass wir zwei vor anderthalb Jahren noch gemeinsam durch den Garten des GTH zogen, er zu Fuß mit Stock, ich mit E-Rolli… Die Zeiten haben sich geändert… und mit ihnen auch wir. * seufz*

Wieder einmal auf dem WB der verwirrten Seelen

Da diese Woche mein Physio-Ritter Urlaub hat und ich auch sonst keine Arztbesuche habe, ich weniger Besuch bekomme, da jeder in Weihnachtsstress zu sein scheint, ist mehr Zeit zu meiner freien Verfügung.

Also entschloss ich mich letztens, mal wieder auf dem WB der verwirrten Seelen einen Besuch zu machen. Dort wohnt ja auch der Wurzelsepp. Vielleicht könnte ich ihn ja sehen. Es war zwar noch nicht weit nach der Mittagspause. Vielleicht schlief er also noch. Nun, ich würde es bald erfahren.

Ich schaffte es, die schwere Tür zum WB zu öffnen und rollte also zuerst in Richtung Zimmer des Wurzelsepps. Ich konnte ihn schon auf dem Flur zetern hören. 😉 Die Pflegerin sprach streng mit ihm. Ansonsten hat man ja keine Chance bei ihm und sie wusste das. 😀

Ich blieb auf dem Flur stehen und lugte zur offenen Tür ins Zimmer hinein. Die beiden waren noch im Bad.

Die Pflegerin schaute aus der Badezimmertür: „Einen Moment noch… wir sind gleich fertig.“ Sie hatte wohl meinen E-Rolli gehört.

Mir war klar, dass ich noch nicht einrollen sollte. Ich wartete geduldig. Ich war ja froh, dass ich den Sepp gleich treffen konnte. 🙂

„So“, sagte die Pflegerin, „jetzt ist er so weit. Ich weiß aber nicht, ob er viel sprechen wird. Gestern war er ganz in sich gekehrt.“

Oh… er sah so klein und zusammengesunken aus, wie er da schief in seinem Rolli saß. :-/

Ich kam näher. „Hallo!“, sagte ich und strich über seinen Arm, dann seine Hand.

„Oh ja!“, sagte er ganz begeistert, blickte aber immer noch zu Boden.

Ich streichelte ihn weiter. „Guck mich mal an!“

„Oh ja, das ist gut!“, genoss er immer noch meine Streicheleinheiten. Dann schaute er auf. „Hier ist viel Platz. Du kannst bleiben. Wir können zu zweit hier wohnen. Das Bett ist auch sehr groß. Da ist genug Platz für zwei!“

Der Schlawiner!

„Komm, lass uns Kaffee trinken gehen“, meinte ich, „im kleinen Speisesaal gibt es Kaffee und Kuchen.“

„Ja, gut. Wo ist das?“, er war einverstanden. Der kleine Speisesaal ist nur ein paar Meter von seiner Tür entfernt.

„Kannst du selbstständig mit dem Rolli fahren?“, ich war mir da nicht so sicher.

„Ja!“, sagte er  selbstbewusst, kam dann aber doch nicht von der Stelle.

„Pass auf“, sagte ich, manövrierte mit dem E-Rolli direkt vor ihn und streckte meine Hand nach hinten aus. Ich spürte, wie er nach ihr griff und fest zufasste. „OK, es geht los!“, rief ich und wir setzten uns ganz langsam in Bewegung. Ich hätte nicht gedacht, dass das klappen würde, aber schon waren wir am Ziel.

Im kleinen Speisesaal waren schon eine ganze Menge Bewohnerinnen. Sie warteten auf den Kaffee. Als unser kleiner Zug dort ankam, wurden wir mit lautem ‚Hallo!!‚ begrüßt. Der Wurzelsepp ließ meine Hand los und trippelte an seinen Stammplatz.

Ich will Kaffee!„, rief er mit autoritärer, lauter Stimme.

„Einen Moment dauert es noch! Er ist noch nicht ganz durchgelaufen“, sagte die Hauswirtschafterin.

Also versuchte ich den Wurzelsepp ein wenig zu beschäftigen, damit er friedlich blieb. Immerhin war mein Streicheln über Arm und Hand ja sehr beliebt. 😉

Dann wurde eine Tasse Kaffee und ein Teller mit Butterkuchen vor dem Sepp abgesetzt. Sofort nahm er einen großen Schluck… und jammerte: „Oh, der ist aber heiß!“ Die Hauswirtschafterin goss noch mehr Milch in die Tasse. Er nahm einen zweiten Schluck. Jetzt war die Temperatur wohl gut, denn er biss herzhaft in seinen Kuchen. Dann meinte er bestimmt zu mir: „Du kannst jetzt gehen!“

Aha, ich war also entlassen. 😉

 Altersdemenz

Wie geht es dem Wurzelsepp?

Immer wieder werde ich gefragt, wie es dem Wurzelsepp geht. Seit er auf dem Wohnbereich für die verwirrten Seelen wohnt, sehe ich ihn nur noch selten. Ich muss den WB aufsuchen, um ihn zu sehen. Um diesen WB zu betreten, benötige ich aber immer Hilfe, weil ich die schwere Tür alleine nicht öffnen kann.

Also nutze ich meist meine Physiotherapie-Einheit, in der ich das Laufen am Rollator übe. Der  Physio-Ritter kann dann die Tür öffnen. 🙂 Aber es ist nicht gesagt, dass ich den Sepp dann auch sehen kann. Oft schläft er dann noch seinen Mittagsschlaf.

Doch letztens hatte ich Glück. Er wurde gerade von der Pflegerin zum Kaffeetrinken fertig gemacht. Das heißt, sie hatte ihn geweckt, gekämmt, und setzte ihn gerade in seinen Rolli. Allerdings war er noch recht schlaftrunken. 😉

„Sie haben Besuch, Herr … „, sagte die Pflegerin.

„Hmpf… Besuch… wer ist das???“

„Ich bin’s, Katrin!“, sagte ich und setzte mich vor ihm auf meinen Rollator.

„Wer ist das?“, er blinzelte in meine Richtung, nahm mich aber nicht richtig ins Visier.

„H… „, sprach ich ihn laut mit seinem Vornamen an, „guck mich mal an! Ich bin’s, Katrin!“

„Kenn ich nich“, brummelte er nur.

Mann, Mann, was hatte er abgebaut, wenn ich das mit dem Wanderer vergleiche, der 2014 mit mir durch den Garten marschiert war. Erschreckend. :-/

Ich wollte ihn nicht länger belagern. Außerdem wollte ich noch ein wenig laufen. Wir verließen den WB also wieder.

Den Wurzelsepp überlisten

Letzten Dienstag bin ich mit meinem Physio-Ritter wieder auf den Wohnbereich vom Wurzelsepp gelaufen. Ich wollte mal wieder nach ihm sehen. Ich hoffte, dass er nicht schlief wie letztes Mal.

Das tat er nicht. Im Gegenteil! Wir hörten ihn schon wettern, als wir auf den Wohnbereich kamen. 😀

Er saß im Rolli im kleinen Speisesaal des Wohnbereichs und lieferte sich ein Wort-Duell mit einer Pflegerin.

Schmollend, den Kopf auf die Brust gesenkt, sagte er: „Nein!! Ich muss lie-gen!! Ich will auf mein Zimmer!! Ich will aufs Bett!!

„Wenn Sie das Glas Wasser ausgetrunken haben, bringe ich Sie auf ihr Zimmer“, sagte die Pflegerin mit Nachdruck.

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Nein!! Ich muss lie-gen!! Ich will auf mein Zimmer!! Ich will aufs Bett!!„, wiederholte der Sepp.

Die Pflegerin schaute mich an und rollte mit den Augen: „Das geht schon eine ganze Weile so. Aber er MUSS trinken! Versuchen Sie ihr Glück. Vielleicht trinkt er ja dann!“

Ich ging ganz nah  an den Wurzelsepp heran und setzte mich auf meinen Rollator. Ich sah ihn an. Er hatte den Kopf missmutig gesenkt.

H., guck mich mal an!„, sagte ich laut.

Nein!! Ich muss lie-gen!! Ich will auf mein Zimmer!! Ich will aufs Bett!!„, wiederholte der Wurzelsepp erneut.

H., guck mich mal an!„, kommandierte ich noch lauter und fordernd.

Jetzt hob er den Kopf. Sein Blick war trotzig. „Ich muss lie-gen!„, grummelte er.

„Das kannst du auch. Aber erst musst du das Glas austrinken.“

Hmpf…„, grollte er. Hastig nahm er das Glas, trank einen winzigen Schluck und wollte dann los.

„Halt! Da ist noch ganz viel drin! Du sollst es austrinken! Das ist wichtig! Vorher geht es nicht auf dein Zimmer!“

Hmpf…„, grummelte er erneut, nahm das Glas und trank es tatsächlich aus!

„Super!“, lobte ich, „Dann wollen wir mal!“

Der Physio-Ritter nahm den Rolli des Sepps und schob ihn in Richtung Wurzelsepps Zimmer. Ich folgte mit Rollator. Im Zimmer angekommen, half der Physiotherapeut dem Grantler aufs Bett. Ich setzte mich wieder auf meinen Rollator.

Während der Sepp noch versuchte, es sich bequem zu machen, hatte der Therapeut ein Glas erneut mit Wasser gefüllt und trat ans Bett.

So, und jetzt noch das Wasser austrinken. Das hatten Sie ja versprochen„, meinte der Physio-Ritter (das Schlitzohr!).

Hatte ich? Na gut…„, der Sturkopf nahm das Glas und leerte es in einem Zug.

Ich sah den Physiotherapeuten an und wir grinsten. 😀

Trinken im Alter

Starrsinn im Alter kann ein Zeichen von Überforderung sein (SZ)

 

Gang über den Wohnbereich der verwirrten Seelen

Letztens war in der Physiotherapie wieder Laufen angesagt.

Mein Physio-Ritter fragte mich: „Wohin soll es gehen?“

Ich überlegte kurz und meinte dann: „Den Wurzelsepp habe ich schon lange nicht mehr gesehen… „

„Also gut, dann auf seinen Wohnbereich“, sagte er.

Gesagt, getan. Also erst einmal Treppen steigen.

Dann waren wir auf der Etage mit dem „Wohnbereich der verwirrten Seelen“, wie ich ihn für mich getauft habe.

Ich gehe gerne über diesen speziellen WB. Die Wände sind in lebensfrohen Farben gestrichen. Es gibt Mobiles und Drehscheiben, Spiegel und Fühlmodule, verschiedene Finger- und Handgriffe, beruhigende Bilder. Es ist einfach gemütlich dort.

Während ich über den Gang lief, trafen wir auch verschiedene Bewohner.

„Kommst du zu mir?“, fragte Frau K. den Physio-Ritter. Sie saß zusammen mit Frau W. an einem kleinen Tischchen auf dem Flur.

„Nein“, antwortete der Physiotherapeut, „heute nicht. Heute ist Frau S. dran.“

„Na gut“, sagte Frau K. enttäuscht, ging dann aber lachend zum nächsten Thema über: „Wir sind jetzt beim DU!“ Sie zeigte auf Frau W. und beide strahlten. 🙂

So schnell die Stimmungen wechseln, so schnell werden auch die Themen gewechselt.

Als wir weitergingen, hörte ich die Stimme einer Pflegerin aus einem Zimmer: „Hallo Herr P.. Wie geht es Ihnen? Kommen Sie gleich zum Kaffee-Trinken in den kleinen Speisesaal?“

Der Bewohner sagte zu, er wolle kommen.

„Dann machen Sie aber die Hose zu, bevor Sie kommen“, sagte die Pflegerin.

Ich musste schmunzeln.

Als nächstes kamen wir an einer mageren, verhuscht blickenden Bewohnerin vorbei.

„Hallo Frau X.“, grüßte ich. Zum Glück stand sie direkt an ihrer Zimmertür wo auch ihr Name an der Tür stand.

„Bringen Sie mich zurück in mein Zimmer?“, flüsterte sie.

„Ihr Zimmer ist doch hier. Da steht doch Ihr Name an der Tür“, sprach ich beruhigend.

Sie blickte sich um. „Ja, das ist mein Zimmer. … Ist das mein Zimmer???“

„Aber sicher“, sagte ich freundlich. Dann gingen wir weiter. Als wir auf dem Rückweg wieder dort vorbei kamen, stand sie immer noch da.

Manchmal tun mir die armen, verwirrten Seelen Leid. Aber mit viel Geduld und Liebe bekommt man sehr viel Wärme und Dankbarkeit zurück. Das tut sooo gut!

Den Wurzelsepp haben wir dann doch nicht gesehen. Die Pflegerin sagte, er schlafe und wir sollten ihn schlafen lassen.

Alzheimer’s Association Deutschland

Beschäftigungsmaterial