Sie würde ich sofort heiraten!

Herrn L. kenne ich schon seit längerem. In den ersten Jahren, in denen ich im Gerhard Tersteegen Haus wohnte, sah ich ihn oft aus dem Seiden Carré (Betreutes Wohnen) kommen und bei uns das Mittagessen abholen. Er hatte im Seiden Carré mit seiner Frau zusammen eine Wohnung.

Dann wurde seine Frau sehr krank und siedelte zuletzt um ins Pflegeheim, ins GTH. Hier starb sie dann auch vor einigen Jahren.

Dann kam auch Herr L. als Bewohner ins GTH. Er bekam einen Platz im Wohnbereich für verwirrte, demente Bewohner. Das ist keine „geschlossene Station“. So eine haben wir im Tersteegen Haus nicht. Hier können Bewohner von jedem Wohnbereich aus ganz normal das Haus verlassen. Der beschützte Wohnbereich, in dem Bewohner mit schwererer Demenz leben, arbeitet ebenfalls nur mit geschlossenen Türen, nicht mit verschlossenen. Aber oft reicht eine geschlossene Tür, die dementen Bewohner auf der Station zu halten.

Herr L. wandert gerne durch das Haus. Jeden Morgen kommt er im Speisesaal vorbei. Es gab eine Zeit, in der er erbost zu seinem alten Platz kam und zu der Bewohnerin, die jetzt dort sitzt, sagte: „Das ist mein Platz!“ Dass er schon länger nicht mehr unten isst, sondern oben auf seinem Wohnbereich, hatte er dann wieder vergessen.

Seit neuestem hat er vergessen, dass er mal verheiratet war. Letztens sagte er zu mir: „Die sagen mir immer, ich sei verheiratet gewesen!“

„Das waren Sie doch auch“, sagte ich.

„Nein! Wirklich nicht!“, sagte er lauter. „Wir waren höchstens befreundet! Das war eine Freundin!“, sagte er auf die Frage, wer denn dann bei ihm gewohnt habe.

Sie hätte ich sofort geheiratet! … Das könnten wir ja eigentlich immer noch…“, meinte der Schlawiner, „Waren Sie denn mal verheiratet?“

Ich verneinte.

„Wohnen Sie denn hier?“, fragte er.

Ich: „Ja.“

Er: „Haben Sie schon immer hier gewohnt? … Sind Sie hier geboren?“

Ich: „Nein! Ich wurde im Krankenhaus geboren.“

Er: „Waren Sie denn krank?“

Ich: „Nein. Das ist mittlerweile normal so. Hausgeburten sind eher selten.“

Er: „Ach!!!“

So würde es ewig weitergehen, wenn ich mich nicht irgendwann verabschiedete.

Aber morgen ist ein neuer Tag. Dann wird es ähnlich weitergehen. 😉

Wo bin ich hier eigentlich?

ursprünglich erschienen August 17, 2014

„Wo bin ich hier eigentlich?“, fragte neulich Frau W.

„Ich weiß gar nicht, was ich hier will.“ Frau M. umrundet schon zum x. Mal den Speisesaal, unseren Frühstückstisch. Gefrühstückt hat sie schon längst. Und zum Rauchen draußen gewesen, ist sie auch schon.

Frau B. sitzt alleine an ihrem Tisch, wiegt den Oberkörper vor und zurück und gibt in regelmäßigen Abständen Summlaute von sich.

Frau S. versucht ihr Sonntagsei zu pellen. Da es sehr frisch ist, scheitert sie kläglich. Bevor sie das Eigelb, was aus dem Eiweiß herausgerollt ist, frustriert durch die Gegend wirft, eilt eine Hauswirtschaftskraft herbei und hilft ihr.

„Die Eier sind ganz frisch. Deshalb lassen sie sich schlecht pellen“, erklärt sie.

Andreas Hermsdorf / pixelio.de
Andreas Hermsdorf / pixelio.de

Ja, die Eier sind ganz frisch! Sie sind innen goldgelb und schmecken wunderbar! Das besänftigt mich ein wenig, denn sie schmeckten wirklich toll! Ansonsten war ich kurz davor, mit Frau W.s Worten zu fragen:

„Wo bin ich hier eigentlich?“

„Im Irrenhaus???“

 

Hören Sie das auch?

Frau Mt. ist schon 98 Jahre alt. Langsam überfordert sie das alltägliche Leben.

Als ich heute morgen zum Frühstück nach unten fahren wollte, sah ich sie. Sie war angezogen, als müsse sie zu irgendeinem auswärtigen Termin. Unruhig und wachsam ging ihr Kopf nach links… nach rechts… nach links… als suche sie jemanden.

„Guten Morgen, Frau Mt.“, sagte ich, „Suchen Sie irgendetwas?“

Ihr Kopf ging suchend nach links… nach rechts… nach links… Dann vernahm sie meinen Gruß und sie sah mich an. „Hören Sie das auch?“

„Was? Was soll ich hören?“, fragte ich sie.

„Ach, das sind doch alles Verbrecher hier! Kürzlich hat man mich wieder bestohlen…“, sie schüttelte den Kopf und umklammerte ihre Handtasche ganz fest. Die hatte die Dame natürlich auch dabei.

Ich fuhr in Richtung Pflegestützpunkt. Dort saß der Wohnbereichsleiter und stellte die Tabletten für die kommende Woche.

„Hat Frau Mt. einen Termin? Wird sie abgeholt? Oder kann ich sie mit nach unten zum Frühstück nehmen?“, fragte ich ihn.

Matt lächelte er, schüttelte den Kopf bei den ersten beiden Fragen, nickte zustimmend zur letzten. Dann widmete er sich weiter den Tabletten. Es war klar, er wollte momentan nicht gestört werden.

Ich rollte zurück zur alten Dame und sagte: „Na, dann kommen Sie mal mit. Wir fahren nach unten zum Frühstück!“

„Nein… nein… nicht nach unten… gleich kommen die Kinder und dann wollen wir feiern“, murmelte sie und hielt sich an ihrer Handtasche fest.

„Aber eine Tasse Kaffee können wir noch trinken“, meinte ich.

Ich drückte die Ruftaste am Aufzug. Die Tür öffnete sich und wir beide fuhren nach unten. „Ach… ich bin zu alt“, sagte sie nur.

Ich nahm sie unten im Speisesaal mit ans Buffet. Auf Nachfrage, was sie essen wolle, füllte ich ihren Teller und setzte ihn an ihren Platz. Kaffee goß sie sich alleine ein und begann ihr Frühstück.

Jetzt konnte ich mich um mein Frühstück kümmern.

Rasch kam sie mit ihrem Rolli wieder an meinen Tisch. „Ach, ich hatte gar keinen richtigen Hunger. Ich konnte nur eine halbe Scheibe Brot essen. Aber den Kaffee habe ich getrunken!“, sagte sie mir. Dann verließ sie den Speisesaal wieder.

Sie wirkt so verloren

Ende November letztes Jahr schrieb ich schon einmal über Frau Kv.. Damals schlurfte sie über den Flur, hin und her. Auf die Frage, wohin sie denn wolle, antwortete sie: „Ich weiß nicht… “ Seitdem sehe ich sie immer wieder einmal auf der Suche nach…???

Letztens kam sie nach unten in den Speisesaal. Sie lahmte, die Füße über den Fußboden schiebend, am Frühstücksbüfett entlang. Dann schlug sie die Richtung zum Tisch ein, an dem sie früher immer saß. Das war ganz auf der anderen Seite des Speisesaals, von mir aus gesehen. Daher konnte ich nicht sehen, was dort passierte.

Doch es dauerte nicht lange, da wankte sie wieder zum Büfett. Ich fühlte mit ihr. Sie war unglücklich und verloren, wusste nicht was sie wollte, was sie sollte.

Frau T. fragte sie: „Was suchen Sie denn?“

Keine gute Frage. Das wusste Frau Kv. doch selber nicht.

Ich schaltete mich ein: „Frau Kv., sie müssen wieder mit dem Aufzug nach oben auf die 2 fahren. Dort bekommen sie jetzt ihr Frühstück.“

Frau Kv. guckte mich ganz hilflos an: „Auf die 2? Was soll ich da?“

Frau T. fragte mich: „Wohnt sie auf Wohnbereich 2?“

„Genau!“, sagte ich.

Frau T. wandte sich Frau Kv. zu: „Ich wollte eh gerade hoch fahren. Da können wir ja zusammen fahren.“ Sie hatte die Lage erkannt und sagte genau das Richtige! Die beiden Damen verschwanden gemeinsam.

Nachmittags, ich kam gerade vom Einkaufen zurück, begegnete ich Frau Kv. wieder. Ich stand am Aufzug, wollte gerade auf meinen WB fahren. Als der Aufzug im Erdgeschoss ankam und sich die Tür öffnete, kam Frau Kv. aus dem Aufzug.

„Hallo Frau Kv.. Müssen Sie hier unten etwas erledigen? Oder wollen Sie mit mir nach oben fahren?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht… wollte ich unten etwas? Ach… ich fahre mit Ihnen“, sie war wieder ganz desorientiert.

Als wir oben ankamen, merkte ich schnell, dass ich sie besser nicht sofort alleine lassen sollte.

„Und was soll ich jetzt hier?“, fragte Frau Kv..

„Wollen wir gemeinsam ‚Mensch ärgere dich nicht‘ spielen?“, fragte ich sie. Ich weiß, dass sie das gerne spielt. Sie spielt es auch manchmal mit einer Bekannten.

Frau Kv. fragte: „Wollen wir?“

„Wollen SIE?“, fragte ich sie.

„Ja!“, sagte sie.

„Dann folge Sie mir bitte ganz unauffällig!“, sagte ich lachend zu ihr. Auf dem WB steht in einer Ecke das große ‚Mensch ärgere dich nicht‘-Spiel. Dort wollte ich hin.

Dort angekommen, nahmen wir am Tisch platz. Jeder sucht seine Spielfarbe aus. Und los ging es. Das Spiel dauerte ziemlich lang. Zum Schluss hatte jeder 3 Spielfiguren im Ziel. Wem würde es zuerst gelingen, die vierte Figur ans Ziel zu bringen? Zuletzt stand jede von uns mit der vierten Figur vor dem Ziel. Jetzt ging es nur noch darum, wer mehr Würfelglück haben würde.

Dann schaffte es Frau Kv.!