Feiertage sind schwere Tage

Das ist so. So geht es nicht nur mir damit. So geht es den meisten Bewohnern.

„Warum das denn?“, werdet ihr fragen.

Das muss damit zusammenhängen, dass kein Bewohner wirklich freiwillig hier ist. Für uns Bewohner splittet der Einzug ins Heim unser Leben in ein Davor und ein Danach.

Davor

war das Leben noch selbstbestimmt.
hatte man seine eigene Wohnung.
hatte man Kollegen, Freunde, Familie. Die konnte man einladen und bewirten. Genau so konnte man sie besuchen.
Ich konnte Laufen, Fahrradfahren, Autofahren.
Ich brauchte nicht darüber nachzudenken, ob ich eine Wohnung betreten konnte, ob es Treppen oder Stufen gibt. Ich kam ÜBERALL hin.

Danach

ist man sehr auf die Hilfe anderer angewiesen.
muss man um Hilfe bitten, um einfache Dinge zu erreichen
arbeitet man schon lange nicht mehr, hat daher keine Kollegen mehr (teilweise auch gut, denn auch keine unliebsamen)
viele Freunde sind „verschwunden“. Bei den Senioren sind sie oft schon gestorben. Bei mir haben sich unsere Lebensrealitäten zu sehr auseinander bewegt.
Die Senioren sind oft verbittert. Verbittert, dass sie früher hart gearbeitet haben und jetzt zum Bittsteller geworden sind.
Ich bin traurig. Traurig, weil die anderen Dinge erleben, Orte besuchen die ich niemals mehr sehen werde.
Meine Familie kommt mich zwar besuchen. Aber ich kann nur mit ihnen zusammen sein, wenn wir uns in einem Lokal treffen oder bei mir im Heim. Bei meiner Schwester bin ich noch nie in der Wohnung gewesen, da Altbau, Wendeltreppe, 2½. Stock. Ich würde noch nicht mal zur Haustür kommen, da freie Treppe ohne Geländer.

Darum

also sind Feiertage schwer.
Vor allem Feiertage, die traditionell im Kreise der Familie stattfinden.
Man sieht dann irgendwann nur noch das was fehlt.
Leider rutscht man dann auch schnell ab ins Selbstmitleid. Schon laufen die Tränen über die Wangen.

Das niederzuschreiben hat gut getan. Jetzt fühle ich mich erleichtert. Ein Blog mit therapeutischer Wirkung!😉

Du bis‘ e’n echt nettes Mädchen

Was für ein nettes Kompliment!

Am 24. August starb „Die beste aller Ehefrauen„. Er vermisst sie sehr! Sie waren fast 70 Jahre lang verheiratet. Bis zur Gnadenhochzeit (70 Jahre) fehlten nur noch 3 Jahre.

Heute Vormittag war ich mit ihm bei Büsch Kaffee (er Tee) trinken. Das Wetter war so schön, dass ich gerne raus gehen/rollen wollte. Also machten wir uns auf den Weg, er mit Rollator und ich mit E-Rolli.

Wir unterhielten uns. Auch immer wieder über seine Frau. Er meinte, ich erinnere ihn sehr an seine Frau. Er machte mir immer wieder Komplimente.

Einerseits tut es mir gut. Andererseits darf das nicht Überhand nehmen. Er ist mir sympatisch. Aber Punkt! Das soll eine gute (Kumpel-)Freundschaft bleiben.

Die beste aller Ehefrauen

Eine schwere Stimmung umgab ihn wie eine schwarze Wolke.

Bild von Krzysztof Pluta auf Pixabay

Herr H. kam Samstagmorgen in den Speisesaal zum Frühstück…

Er ging fast schwankend…

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den nächsten…

Ich begrüßte ihn mit einem herzlichen: „Guten Morgen, Herr H.!“

Sein Blick schaute kurz auf. Dann ging er vorsichtig weiter. Seine Worte trafen mich wie ein Keulenschlag: „Meine Frau ist gestern Abend gestorben.“

 

Bild von Andreas Lischka auf Pixabay

 

Als er seinen Platz erreicht hatte, liefen schon die Tränen.

Ich setzte meinen E-Rolli in Bewegung und rollte zu ihm. Dann umarmte ich ihn.

„Danke“, stammelte er. „Sie war ein wunderbarer Mensch…

… dachte immer an andere. Sie selbst war nicht so wichtig, meinte sie“, sagte er und wischte sich die Tränen aus den Augen.

„Das ist wahr“, stimmte ich ihm zu: „Sie sorgte immer auch für Sie, wenn sie beide zum Frühstück kamen!“

Es rührte mich immer, wenn die beiden kamen und sich erstmal ein Küsschen gaben.

Die beiden waren nicht lange im Gerhard Tersteegen Haus. Sie war 85, er ist 86. Sie waren 67 Jahre verheiratet.

 

Bild von Olle August auf Pixabay

Meine Tischfamilie macht mir Kummer

Meine derzeitige Tischfamilie besteht nur aus 4 Personen. Aber das ist kein richtiger Zusammenhalt.

Man bleibt nicht bei Tisch noch zusammen sitzen und erzählt.

Man wartet nicht aufeinander.

Wenn einer fertig ist mit seiner Mahlzeit steht er/sie auf und verlässt den Tisch.

Manchmal sogar ohne ein Wort.

Was sind das für Manieren?!

Die einzige, die wartet, die sich verabschiedet, bin ich.

Doch langsam sehe ich das nicht mehr ein, zu warten. Wenn ich gehen will, verabschiede ich mich. Wenigstens das mache ich.

Vor allem von U. bin ich oft sehr enttäuscht. Denn oft, wenn sie wortlos verschwindet, gesellt sie sich an einen anderen Tisch und unterhält sich dort mit Bewohnern.

Dann bin ich eifersüchtig und werde traurig.

Dass Frau F. sich in ihrer eigenen Welt bewegt, war immer schon so. Das ist etwas anderes. Jedoch kommt sie zum Frühstück nicht mehr runter. Da bleibt sie auf ihrem Wohnbereich.

Heute Mittag war U. wieder nicht unten. Sie ist heute auf dem Zimmer geblieben. Gestern kam sie wenigstens zum Mittagessen runter.

Herr H. kommt eh nur zum Mittagessen runter. Aber er ist momentan krank.

Das Abendbrot nehme ICH oben ein. Schon seit einiger Zeit ist das so. Es ist für mich viel entspannter. Denn unten war ich die einzige, die die Regeln befolgte und erst ans Buffet ging, wenn mein Tisch aufgerufen wurde. Weil ich dann die einzige an unserem Tisch war, wurde ich vergessen. Dann werde ich wütend. Oben alleine habe ich meine Ruhe. Diese Regel mit dem Tisch-weise nach Aufruf des Tisches an das Buffet zu gehen, finde ich total blöd!

Ich frage mich: Sehe ich das ganze zu streng? Wenn ich mich an Regeln halte, dann erwarte ich das auch von den anderen. Dann könnte ich vor Wut ausrasten, wenn die anderen die Regeln nicht befolgen. Da ist es schon besser, wenn ich abends alleine oben esse.

Oft vermisse ich dann meine erste Tischnachbarin, Frau K..

Von Leuten, die nicht hier wohnen, wird mir dann gesagt, die Bewohner sind alle in gewisser weise krank. Da könne man nicht erwarten, dass sie sich „normal“ verhalten. Na super! Und ich? Ich bin auch nicht als Gesunde hier! Und wenn ich dann ausraste, schickt man mich in die Klapse. Alles schon geschehen. Ich sei eine Gefahr für mich und für andere. Dabei bin ich nur total traurig und wütend.

Jetzt nehme ich mich zusammen und heule mir alleine auf meinem Zimmer die Augen aus! Allerdings knalle ich auf dem Weg dahin wütend jede Tür. Kindisch.!

Voll daneben

pixabay.com – Clker-Free-Vector-Images

Gestern habe ich mich unausstehlich aufgeführt! Zur Information: ich bin 50 Jahre alt! Benommen habe ich mich gestern wie ein ungehöriger Teenager.

Ich raste mit meinem E-Rolli in höchster Geschwindigkeit durch die Gänge im Haus und über die Terrasse. Dabei fiel ein Sonnenschirm draußen um und ich fuhr einfach darüber hinweg.

Ich war so wütend! Ich verstand alles falsch, kriegte alles in den falschen Hals. Es war, wie mir meine Mutter immer sagt: ich verstand alles falsch. Ich war so abgrundtief traurig!

Doch die meisten anderen waren trotzdem so nett zu mir!

Sehr tröstete mich Frau Kr.. Sie ist vor kurzem 100 Jahre alt geworden. Ich sah sie an und fing gleich wieder an zu weinen: „Sollte ich mal so alt werden wie Sie, dann muss ich ja noch 50 Jahre hier bleiben!!“ Sofort brach ich wieder in Tränen aus.

„Was Sie gerade durchmachen, erwischt uns alle mal. Das ist in Ordnung. Nur muss man sehen, dass man sich selbst am eigenen Zopf wieder da heraus zieht! Es nutzt nichts, in der Trauer hängen zu bleiben!“ Frau Kr. sprach mit ihrer 100-jährigen Erfahrung. Sie strich mir über den Arm und blickte mich Mut machend an.

Ganz langsam wurde ich ruhiger.

Ich hatte mich voll daneben benommen und trotzdem war man so nett zu mir!

Zwei Mal war ich wutentbrannt und traurig wieder nach oben in mein Zimmer geflüchtet.

Doch jetzt blieb ich.

Schließlich war es so schön draußen im Schatten auf der Terrasse zu sitzen. Das Eis-Essen hatte ich schon verpasst. Da war nichts mehr von übrig geblieben. Nun wollte ich wenigstens draußen im Garten sitzen.

Gesellschaftsfähig unter Gesunden?

pixabay.com – Geralt

Manchmal stelle ich mir wirklich diese Frage. Schon allein, weil ich auf den Rolli angewiesen bin. Für kurze Strecken im Haus den Aktivrolli. Für weitere Strecken den E-Rolli. Schon dadurch komme ich nicht überall hin oder rein (Stufen). Und ich bin es Leid, immer wieder erklären zu müssen, immer wieder das Gefühl zu haben, ich müsse mich rechtfertigen.

Sogar gegenüber Leuten, die mit kranken Menschen arbeiten. Sie fragen: „Wieso kannst du da nicht hin?“ Zum Beispiel in den Zoo.

„Treppen oder keine behindertengerechten Haltestellen für Öffis“, antworte ich dann.

„Dann fahr doch mit dem E-Rolli dort hin!“

Klar, ich könnte dort hin fahren. Doch das würde mich so sehr anstrengen, dass ich mich danach nur noch ausruhen möchte

„Ach… “

Das kann sich ein gesunder Mensch einfach nicht vorstellen. Wenn die eigenen Eltern, um die 80 Jahre alt, noch so viel machen können. Überhaupt ist diese Generation oft noch erstaunlich fit! *siehe unten

Wenn ich in ein Museum, eine Ausstellung oder ins Kino möchte, muss ich erst einmal so viel Logistisches abklären, dass mir schon fast wieder die Lust vergeht.

Wenn ich zu einem Geburtstag oder zu einer privaten Einladung will, gibt es erst das Transport-Problem. Dann ist es für mich sehr anstrengend, wenn viele Stimmen auf einmal zu hören sind. Ich bin dann schnell geschafft. Akku leer. Also meiner, nicht der des Rollis. Außerdem tut es mir weh, zu hören was die Gesunden alles machen, planen, das ich selber liebend gerne auch machen würde. Eine ganz hässliche Eigenschaft, die Eifersucht! *siehe oben

„Du hast ja jetzt richtig viel Zeit.“

Ach ja? Ich benötige für alles auch viel mehr Zeit als früher.

„Du liest bestimmt ganz viel!“

Würde ich sehr gerne. Aber die Buchstaben tanzen immer davon oder ich sehe alles doppelt.

„Ach… “

„Willst du nicht mal wieder in Urlaub fahren?“

Ich: „Ja und nein! Das ist mir alles zu kompliziert.“

„Wieso?“

Dann kann ich wieder loslegen – erklären – rechtfertigen – und bekomme das Gefühl, dann sei ich es eben selber Schuld.