Voll daneben

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Gestern habe ich mich unausstehlich aufgeführt! Zur Information: ich bin 50 Jahre alt! Benommen habe ich mich gestern wie ein ungehöriger Teenager.

Ich raste mit meinem E-Rolli in höchster Geschwindigkeit durch die Gänge im Haus und über die Terrasse. Dabei fiel ein Sonnenschirm draußen um und ich fuhr einfach darüber hinweg.

Ich war so wütend! Ich verstand alles falsch, kriegte alles in den falschen Hals. Es war, wie mir meine Mutter immer sagt: ich verstand alles falsch. Ich war so abgrundtief traurig!

Doch die meisten anderen waren trotzdem so nett zu mir!

Sehr tröstete mich Frau Kr.. Sie ist vor kurzem 100 Jahre alt geworden. Ich sah sie an und fing gleich wieder an zu weinen: „Sollte ich mal so alt werden wie Sie, dann muss ich ja noch 50 Jahre hier bleiben!!“ Sofort brach ich wieder in Tränen aus.

„Was Sie gerade durchmachen, erwischt uns alle mal. Das ist in Ordnung. Nur muss man sehen, dass man sich selbst am eigenen Zopf wieder da heraus zieht! Es nutzt nichts, in der Trauer hängen zu bleiben!“ Frau Kr. sprach mit ihrer 100-jährigen Erfahrung. Sie strich mir über den Arm und blickte mich Mut machend an.

Ganz langsam wurde ich ruhiger.

Ich hatte mich voll daneben benommen und trotzdem war man so nett zu mir!

Zwei Mal war ich wutentbrannt und traurig wieder nach oben in mein Zimmer geflüchtet.

Doch jetzt blieb ich.

Schließlich war es so schön draußen im Schatten auf der Terrasse zu sitzen. Das Eis-Essen hatte ich schon verpasst. Da war nichts mehr von übrig geblieben. Nun wollte ich wenigstens draußen im Garten sitzen.

Gesellschaftsfähig unter Gesunden?

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Manchmal stelle ich mir wirklich diese Frage. Schon allein, weil ich auf den Rolli angewiesen bin. Für kurze Strecken im Haus den Aktivrolli. Für weitere Strecken den E-Rolli. Schon dadurch komme ich nicht überall hin oder rein (Stufen). Und ich bin es Leid, immer wieder erklären zu müssen, immer wieder das Gefühl zu haben, ich müsse mich rechtfertigen.

Sogar gegenüber Leuten, die mit kranken Menschen arbeiten. Sie fragen: „Wieso kannst du da nicht hin?“ Zum Beispiel in den Zoo.

„Treppen oder keine behindertengerechten Haltestellen für Öffis“, antworte ich dann.

„Dann fahr doch mit dem E-Rolli dort hin!“

Klar, ich könnte dort hin fahren. Doch das würde mich so sehr anstrengen, dass ich mich danach nur noch ausruhen möchte

„Ach… “

Das kann sich ein gesunder Mensch einfach nicht vorstellen. Wenn die eigenen Eltern, um die 80 Jahre alt, noch so viel machen können. Überhaupt ist diese Generation oft noch erstaunlich fit! *siehe unten

Wenn ich in ein Museum, eine Ausstellung oder ins Kino möchte, muss ich erst einmal so viel Logistisches abklären, dass mir schon fast wieder die Lust vergeht.

Wenn ich zu einem Geburtstag oder zu einer privaten Einladung will, gibt es erst das Transport-Problem. Dann ist es für mich sehr anstrengend, wenn viele Stimmen auf einmal zu hören sind. Ich bin dann schnell geschafft. Akku leer. Also meiner, nicht der des Rollis. Außerdem tut es mir weh, zu hören was die Gesunden alles machen, planen, das ich selber liebend gerne auch machen würde. Eine ganz hässliche Eigenschaft, die Eifersucht! *siehe oben

„Du hast ja jetzt richtig viel Zeit.“

Ach ja? Ich benötige für alles auch viel mehr Zeit als früher.

„Du liest bestimmt ganz viel!“

Würde ich sehr gerne. Aber die Buchstaben tanzen immer davon oder ich sehe alles doppelt.

„Ach… “

„Willst du nicht mal wieder in Urlaub fahren?“

Ich: „Ja und nein! Das ist mir alles zu kompliziert.“

„Wieso?“

Dann kann ich wieder loslegen – erklären – rechtfertigen – und bekomme das Gefühl, dann sei ich es eben selber Schuld.