Meine zweite Schwester

Seit ich 3 Jahre alt war, habe ich eine Schwester. Wir wuchsen in der selben Familie auf. Wir haben die selben Eltern, die auch unsere leiblichen Eltern sind.

Sie zogen uns liebevoll auf. Sie achteten auf unsere schulische und anderweitige Bildung.

Durch unsere Mutter wurden wir früh vertraut gemacht mit Bibliotheken und Büchern.

Wir durften ein Musikinstrument erlernen.

Wir konnten einen Sport im Verein ausüben.

Man ermutigte uns, neue Dinge kennenzulernen, z.Bsp. in der VHS.

Wir besuchten beide das Gymnasium und machten Abitur.

Wir hatten eine sehr privilegierte Kindheit im Bildungsbürgertum.

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Dann kam ich vor gut 5 Jahren ins Pflegeheim. Im Gerhard Tersteegen Haus lernte ich eine für mich bis dahin unbekannte Welt kennen.

Ich hatte bis dahin keine Ahnung von einem Altenheim. Ich lernte ganz neue Berufsbilder kennen. Altenpfleger, Hauswirtschafter, Sozialpädagogen, Sozialer Dienst und Küche mit den unterschiedlichen Berufen… Das war für mich Naturwissenschaftler ein ganz neues Feld… Soziale Berufe.

Ich hatte bisher eine Reihe von Sprachen gelernt. Germanische Sprachen (Deutsch, Englisch), Romanische Sprachen (Französisch, Spanisch, Portugiesisch), Latein… Doch hier im Gerhard Tersteegen Haus arbeiten viele Menschen aus dem Osten und sprechen somit eine Slawische Sprache wie Russisch, Ukrainisch, Weißrussisch, Polnisch, Tschechisch, Slowakisch, Obersorbisch, Slowenisch, Kroatisch, Bosnisch, Serbisch, Bulgarisch und Mazedonisch…. Dazu kommt noch das Krieewelsche das von manchen betagten Krefelder Bewohnern zumindest in der Aussprache mitschwingt.

Auch die Lebensläufe und Schicksale der Angestellten sind ganz andere als ich bisher kennengelernt hatte.

Jetzt komme ich endlich zu G., meiner 2. Schwester. Eines Nachmittags fiel mir auf, dass die quirlige, meist gut gelaunte G. vom Sozialen Dienst ungewöhnlich still, fast niedergedrückt war.

„Was ist los? Sind Sie traurig?“, fragte ich sie.

„Ach… jetzt bin ich ganz allein… mein letzter Bruder ist jetzt auch gestorben“, sagte sie niedergeschlagen.

Ich musste schlucken. G. hat(te) 4 Geschwister. Ihre Eltern starben früh. Nach und nach folgten die Geschwister. Aus der einst großen Familie war jetzt nur noch G. übriggeblieben.

Dieses Schicksal beschäftigte mich noch lange an diesem Abend. Dann kam mir die Idee. Wenn sie wollte, könnte sie meine Schwester werden.  Ich würde sie adoptieren!

Dann kam Silvester. G. und ihre Kollegen zogen mit dem Silvesterwagen über die Wohnbereiche. Als sie gegen halb 6 bei mir waren und ich dem Ouzo zusprach, fragte ich G.: „Sollen wir „Schwesternschaft“ trinken? Möchtest du meine Schwester werden?“

Da fiel mir G. um den Hals. Sie war begeistert von der Idee.

Wir nahmen jede ein Ouzo-Pintchen. Die das Gefäß haltenden Arme griffen gegenseitig durch die Armbeuge des anderen und wir hakten uns sozusagen unter. Dann tranken wir Schwesternschaft.

Damit war es besiegelt. Jetzt habe ich 2 Schwestern!