Obelix mit Stolz geschwellter Brust

Obelix befindet sich momentan im Handball-Rausch! Zur Zeit ist Handball-WM 2019. Die deutsche Mannschaft schlägt Gegner um Gegner. Gestern siegt Deutschland gegen Spanien! Jetzt wartet morgen der Vize-Weltmeister, Norwegen auf „unsere Jungs“.

Ja, ja… von der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit Jogi Löw ist Obelix total enttäuscht.

„Löw… muss weg!“, sagt er und wischt mit seiner rechten Hand von links nach rechts durch die Luft, „Taugt nix…“, meint er ganz streng und erbarmungslos. Dazu macht er ein sehr verärgertes Gesicht.

Als er heute Morgen zum Frühstück runter in den Speisesaal kommt, rufe ich ihm zu: „Und? Hast du wieder gezittert gestern Abend?“ Denn gestern Abend, hatte Deutschland gegen Spanien gespielt und 31:30 gewonnen.

„Ach… kein wichtiges Spiel…“, meinte er ganz abgebrüht, „sind schon im Halbfinale!“

„Aber Montag warst du doch richtig fertig“, meinte ich. Da hatte Deutschland in einem Nervenspiel in letzter Minute mit 22:21 gewonnen.

„Montag wichtiges Spiel!“, meinte Obelix, „Einzug ins Halbfinale!“

‚Stimmt‘, dachte ich.

„Jetzt Halbfinale! Richtig stolz ich!“, sagte er mit Stolz geschwellter Brust.

Ich finde es klasse, wie er bei solchen sportlichen Auseinandersetzungen immer mitgeht. Egal ob Freude, Leid, Unzufriedenheit, er ist immer voll dabei. Da macht es dann auch nichts mehr aus, dass er sprachlich seit seines schweren Schlaganfalls sehr kämpfen muss, damit sein Gegenüber ihn versteht. Ich habe auch etwas gebraucht, bis ich richtig verstehen konnte, was er sagt. Denn oft spricht er auch nur in halben Wörtern.

Selbsthilfe-Gruppe für Angehörige von neurologisch Erkrankten

Ein Mal im Monat trifft sich die Selbsthilfe-Gruppe für Angehörige von neurologisch Erkrankten um sich unter Leitung von Dipl.-Psych. Judith Faust bei uns im GTH miteinander auszutauschen.

Da mich der Titel des Treffens im Juli ansprach (Wut und schlechtes Gewissen in der Pflege von neurologisch Erkrankten), fragte ich Frau Faust, ob ich an dem Treffen teilnehmen dürfe. Ich durfte.

Als Gast war Herr Dieter Mokros, Leiter der Telefonseelsorge Krefeld geladen.

Wir saßen in einem lockeren Kreis an den Tischen im Seminarraum. „Wir“, das waren Leute, die ihre Angehörigen pflegen, nach Hirn- oder Herzinfarkt, weil sie dement sind in den unterschiedlichsten Stufen oder weil sie im Wachkoma liegen. Pflege selber im eigenem Haus oder Besuche des Angehörigen im Pflegeheim. U. und ich, interessehalber, Frau L. und Herr D., die selber demente Ehepartner haben, Bewohner des GTH.

Herr Mokros eröffnete die Runde und sagte, er wolle keinen Vortrag halten. Eher fände er es besser, wenn sich die Teilnehmer kurz vorstellten und sagten, warum sie hier seien.

So lief es dann auch ab. Es war sehr interessant für U. und mich. Ich hatte mir zuvor noch nie Gedanken darüber gemacht, was es heißt, jemanden pflegen zu müssen. Das bricht über einen gesunden Menschen herein wie eine Krankheit über einen bis dahin aktiven, mitten im Leben stehenden Kranken.

Eine Frau berichtete, sie war kurz davor, sich von ihrem Mann zu trennen. Da ereilte ihn plötzlich der Infarkt und er wurde ein Pflegefall. „Natürlich“, sagte sie: „konnte ich ihn da nicht verlassen. Er brauchte Hilfe.“

Welch Schicksal… für beide.

Ein Mann pflegt schon seit Jahren seine demente Frau. Nun müsste er sich eigentlich Hilfe holen, sie vielleicht in ein Heim umsiedeln. Denn es wird immer schwieriger und er geht dabei vor die Hunde. Aber er bringt es nicht übers Herz sie in ein Pflegeheim zu geben. Man höre ja nur schreckliches über Heime.

Daraufhin erzählte ich, dass ich seit 5 Jahren im GTH wohne und ich eigentlich nur gutes über den Aufenthalt im Pflegeheim sagen könne.

Das ganze war eine sehr abwechslungsreiche Runde. Unglaublich, welche Schicksale da offenbart wurden. Da wurde ich ganz kleinlaut. Mein Schicksal relativierte sich für mich. Eine ganze Menge Menschen haben auch einen sehr schwierigen Alltag. Und zwar Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Zum Schluss verteilte Herr Mokros noch Informationsmaterial zur Telefonseelsorge: