Er hat es geschafft

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Vorgestern Nachmittag hat Herr R., mein Schach-Partner, es endlich geschafft. Er wurde letztendlich schneller von seinen Leiden erlöst, als angenommen. Nun ist er endlich auf dem Weg zu seiner Frau, die vor 5 Jahren starb. Seitdem wollte er sie immer wiedersehen.

In den letzten Wochen seines Lebens musste er viel leiden. Daher finde ich den Spruch auf seiner Todesanzeige unten im Speisesaal sehr passend:

Der Tod kann auch freundlich kommen
zu Menschen, die alt sind,
deren Hand nicht mehr festhalten will,
deren Augen müde wurden,
deren Stimme nur noch sagt:
Es ist genug.
Das Leben war schön.

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Wokandapix – pixum.com

Weitere Krankenbesuche bei Herrn R.

Bisher konnte ich meinem Versprechen treu bleiben. Ich habe jeden Tag meinen Schach-Partner besucht.

Gestern habe ich ihm die Schlange gezeigt.

Heute habe ich nur durch die Decke seinen Fuß gestreichelt.

Er ist so schwach, dass ihn auch stille Besuche anstrengen. An Vorlesen oder Schach spielen ist da nicht zu denken. Aber er freut sich, wenn ich einfach nur mal nach ihm schaue.

Ihn zu sehen, wie er da liegt, blass, schwach, rasselnd atmend, das tut mir unendlich Leid. Er hat es wirklich nicht leicht.

Gestern habe ich mich mit einer Dame des Sozialdienstes über ihn unterhalten. Sie kennt ihn schon viele Jahre.

„Ach Herr R., er wird es schwer haben zu sterben, erlöst zu werden… er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Aber der Herzschrittmacher wird es ihm erschweren zu gehen. Das Herz schlägt weiter, gnadenlos…“, sagte sie.

„Oh… kann man mit einem Herzschrittmacher nicht sterben?“, fragte ich ahnungslos.

„Auf jeden Fall schlägt das Herz immer weiter. Man kann dann höchstens an Organversagen sterben. Doch das kann dauern“, erklärte sie mir.

pixabay.com

Herzschrittmacher – pixabay.com

Ich wurde ganz stumm. Dann fragte ich: „Wie lange denn, deiner Erfahrung nach?“

„Wochen??? Ich weiß es nicht“, sie fühlte auch sehr mit ihm. Er tut auch ihr Leid.

Mein gestriger Besuch bei Herrn R.

Auch gestern war ich wieder bei meinem invaliden Schachpartner.

Ach, er ist wirklich ein Bild des Jammers!
Blass, blass, blass…
schneller, kurzer, rasselnder Atem
liegt er im Bett
hat wohl gräßliche Schmerzen.

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pixabay.com

Ich fuhr mit meinem E-Rolli ganz nah an seine Seite und strich sanft über seine Hand. Langsam entspannten sich seine Gesichtszüge ein wenig.

Als ich dann sagte: „Das gehört mal wieder auf die Liste: Dinge die der Mensch nicht braucht! Eine gebrochene Hüfte… Jetzt muss ich mal ordinär werden: Das ist SCHEI…!!!„, lächelte er!

„Merde, wie der Franzose sagt…“, meinte er, aber ganz schwach. Seine Mundwinkel bewegten sich ganz sanft nach oben.

Ich lächelte zurück. 🙂

„Soll ich Ihnen etwas aus der Schachnovelle vorlesen?“, fragte ich ihn.

„Wir können es ja mal versuchen *hust* …“, flüsterte er.

Ich holte den Reader hervor und begann vorzulesen. Immer wieder zog ich Querverbindungen zu seinen eigenen Schiffsreisen, die er damals mit seiner Frau gemacht hatte. Denn das Buch beginnt auf einem Passagierdampfer. So versuchte ich, seine Aufmerksamkeit zu wecken, zu halten.

Gutenberg > Stefan Zweig >

Schachnovelle

Stefan Zweig: Schachnovelle – Kapitel 2

Kapitel 2

Auf dem großen Passagierdampfer, der um Mitternacht von New York nach Buenos Aires abgehen sollte, herrschte die übliche Geschäftigkeit und Bewegung der letzten Stunde. …

Weit kamen wir heute nicht. Er war sehr schnell zu erschöpft weiter zuzuhören. Also verabschiedete ich mich.

„Aber Sie kommen doch wieder???“, sagte er noch ganz flehentlich.

„Aber sicherlich!“, war meine ernst gemeinte Antwort.

Ich will versuchen, ihn jeden Tag kurz zu besuchen.

Schachspiel mit Herrn R. ruht zur Zeit

Ich habe schon lange nichts mehr über meinen Schach-Partner Herrn R. berichtet. Auch nicht über Schachspiele. Das hat auch einen Grund:

Mehrmals hatte ich bei ihm angerufen und wollte mit ihm Schach spielen. Nie nahm er den Telefonhörer ab.

Er kann doch nicht immer auf der Toilette sein, wenn ich anrufe… „, dachte ich. Nach dem dritten Anruf, der wieder ins Leere lief, fragte ich meine Pflegerin, was denn mit ihm los sei, warum er nie ans Telefon ging.

„Herr R.? Der ist schon seit einiger Zeit im Krankenhaus“, sagte sie.

„Im Krankenhaus??? Wieso das denn???“, fragte ich entsetzt.

„Er ist gestürzt und hat sich …. gebrochen“, klärte mich die Pflegerin auf, „Trümmerbruch. Kann nicht operiert werden.“

😯

Kurz vor Ostern wurde er dann mit einem Krankentransport wieder ins Gerhard-Tersteegen-Haus gebracht. Jetzt muss er stramm auf dem Rücken liegen, hat viele Schmerzen und ist echt arm dran.

Da war für mich klar: „Ich muss ihn besuchen!“

 Da ich eigentlich nicht mehr zum anderen Ende des Flurs fahren soll, da zwischen der Bewohnerin des Zimmers gegenüber von Herrn R. und mir ganz dicke Luft herrscht, habe ich ihn bisher nicht mehr in seinem Zimmer besucht. Unser letztes Schachspiel Anfang März fand denn auch bei mir statt. Aber jetzt musste ich dort hin!

Also machte ich mich am Ostermontag-Morgen auf. Ich lud die ‚Schachnovelle‘ von Stefan Zweig auf meinen Kindle. Ich hatte überlegt, ihm etwas vorzulesen statt Schach zu spielen. Er darf das Bett ja momentan nicht verlassen. Dann packte ich den Reader ein und fuhr mit dem E-Rolli los.

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Von Andreas Bohnenstengelhttp://andreasbohnenstengelarchiv.de/, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39333655

Ich wollte eine  Pflegekraft bitten, mich zu begleiten. Ich war noch nicht weit gekommen, da traf ich K.. Sie stimmte sofort zu, mich zu begleiten und vorzugehen, um Herrn R. zu fragen, ob er mich empfangen wolle.

„Aber JA!“, sagte Herr R., als er gefragt wurde.

Ich rollte also in sein Zimmer.

Er lag im Bett, atmete rasselnd und freute sich total, mich zu sehen. 🙂

„Ist das schön, dass Sie gekommen sind!“, strahlte er mich an.

Er sprach sehr undeutlich, hatte beim Atmen große Schwierigkeiten, aber er war so froh mich zu sehen.

„Ent… schul… dig… ung… … … und… das… wo…wir… gerade… *hust * … an… ge… fang.. en *hust * hatten… *hust hust hust *…“

Er hustete rasselnd. Das strengte ihn alles sehr an. Er tat mir so Leid!!!

„Nicht reden“, sagte ich beruhigend. Dann erzählte ich ihm von meiner Idee, ihm vorzulesen. Ich fragte ihn, ob er die Schachnovelle kenne. Nein, kenne er nicht. Ich gab ihm eine kurze Zusammenfassung und meinte: „Wenn wir schon nicht spielen können, so können wir wenigstens ein gutes Buch zu dem Thema lesen!“ 😉

Er war der Sache gegenüber nicht abgeneigt. „Aber nicht heute…“, meinte er. Er klang ganz schwach.

Kurz darauf verließ ich ihn wieder.

„Aber Sie kommen wieder?“, meinte er flehentlich, „Ganz bald?!?“

Ich blickte ihn mit strahlendem Gesicht an: „Aber natürlich!“

Sonntagmorgen Schach mit Herrn R.

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Sonntagmorgen habe ich wieder mit Herrn R. Schach gespielt. Es fing so gut für mich an. Ständig bot ich ihm ‚Schach‘ und jagte ihn über das ganze Feld.

Er grummelte, schimpfte und zog die Nase und die Stirn kraus.

„Sie treiben mich hier ganz schön in die Enge!“, beschwerte er sich.

Doch plötzlich wendete sich das Blatt. Ich wurde müde und dadurch unkonzentriert. Herr R., der Fuchs nutzte das aus. Er gab nicht auf. Dann machte ich einen folgenschweren Zug und die Lage hatte sich gedreht.

Zuletzt gewann Herr R..

Das Spiel hatte recht lange gedauert. Das war für ihn ein Vorteil, denn er ist zäh. Für mich war es ein Nachteil. Ich kann die Konzentration nicht so lange wach halten. *Seufz *

Doch es hatte mal wieder Spaß gemacht. Wir werden wieder spielen. Wer weiß, wie es dann aus geht.

Samstagmorgen Schach mit Herrn R.

Vorgestern beim Wintergrillen hatten wir uns verabredet. Wir waren beide der Meinung, schon sehr lange nicht mehr Schach zusammen gespielt zu haben. Seit seiner bitteren Niederlage Anfang Januar hatte ich Ende Januar noch mal bei ihm angerufen. Doch da war er krank. Dann war ich im Krankenhaus Anfang Februar.

Also rief ich Samstagmorgen bei ihm an, um mich zu erkundigen, ob es bei unserer Verabredung bliebe.

Hatte er erst etwas matt geklungen, als er den Anruf annahm, wurde seine Stimme plötzlich hellwach:

„Ja! Natürlich! Ich baue schon mal die Figuren auf!“

Ich musste grinsen. 🙂

Als ich ankam, war er fast fertig. Es war schön zu sehen, wie er sich freute!

Tatsächlich spielten wir zwei Partien. Diesmal gewann er beide.

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Damit war seine Welt wieder grade gerückt!

Ich habe auch profitiert davon. Denn wenn er gewinnt, sagt er mir immer, was ich falsch mache und ich lerne viel!

Herr R. ist krank

Am Samstag wollte ich endlich mal wieder mit Herrn R. Schach spielen. Ich rief ihn nach dem Frühstück an. Doch da meldete sich eine leidende Stimme. Herr R. war krank!

„Nein. Heute nicht. Mir geht es nicht gut. Mein Blutdruck spinnt“, sagte er auf meine Frage, ob er mit mir Schach spielen wolle.

„O je!“, sagte ich, „Soll ich Sie einfach mal besuchen kommen, einen Krankenbesuch machen?“

„Is mir egal…“, war die Antwort.

Hmpf… erst dachte ich, wenn es egal ist, dann komme ich nicht. Doch dann machte ich mich doch  auf den Weg.

Er lag unter der Decke im Bett. Sofort sagte er: „Es tut mir Leid…“

„Ach Quatsch! MIR tut es Leid, dass es Ihnen nicht gut geht! Aber ich wollte doch mal eben vorbeischauen“, erwiderte ich ganz entrüstet. Ganz der Gentleman, mein Schachpartner.

„Wir spielen eben  ein andermal. Werden Sie erst mal wieder fit!“