Ach, Kerlchen…

„Muiii, Muuuiii,…“

Mui, *Luft hol*, Mui, *Luft hol*, Mui, *Luft hol*, … Muiii, Muuuiii,…“

Ich sitze an meinen weit geöffneten Fenstern und lasse die endlich etwas abgekühlte Luft ins Zimmer. Als Dauerbeschallung höre ich meinen Nachbarn rufen. Er ruft schon den ganzen Tag. Er tut mir so Leid. Es ist so Herz erweichend. Ich höre, wie sich zwischendrin ab und zu die Stimme überschlägt. Als sei er im Stimmbruch.

Muiii … Muiii … Muii…

Eben war die Nachtschwester bei mir: „Ich habe ihm jetzt seine Medikamente gegeben. Er wird gleich ruhiger.“

Ich sagte ihr, dass ich bei weit geöffnetem Fenster gesessen habe und ihn hörte: „Ach Kerlchen… musste ich denken“, erzählte ich ihr, „was quält dich nur???“

„Ich glaube das weiß er selber nicht so genau“, meinte die Nachtschwester.

Jetzt ist es ruhig.

Jetzt höre ich nur noch die Jugendlichen, die vor dem Haus auf der Wiese sitzen und sich unterhalten. Ja, die Sommerferien haben begonnen.

Es ist grausam…

Es ist so grausam, Tag und Nacht die Schreie des Nachbarn zu hören.

Die Schreie verändern sich.

Ihr merkt, ich spreche nicht mehr von Rufen. Obwohl er das auch noch tut.

Tag und Nacht.

Die Stimme ist ganz rau geworden. Sie überschlägt sich. Manchmal sind es nur noch Geräusche.

„Waaaaahhhhhhhhhhhhhhh ………….. Muuiiiii…………“

Es klingt so verzweifelt!!!!!!!!!!!!!!

„So hilf mir doch!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! ……………………. Muuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

Mein Herz schmerzt! Könnte ich doch helfen!!!

„Muuiiiiiiiiiii… wo bist du?……….. wo bist du Muddi?“

Es klingt, als würde er weinen.

„WO bist du?………. Mudddddi, Muddi…………….Wo bist du?“

Ich habe einen dicken Kloß im Hals.

„Muddi! … Muddi! … Muddi! … „

Die Stimme überschlägt sich.

„Wo bist du? …………….. Wo bist du? …………….. Wo bist du? …………….. „

Warum hilft ihm denn keiner?

Warum hilft UNS denn keiner?

„Muudddiii!!!!“

Vielleicht eine Lösung? –> Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. (DGGPP)

MUUUDDIII!!! oder TOOOOOOR!!!

MUUUDDIII!!! oder TOOOOOOR!!! – Er oder ich? – Wer ist lauter?

Die WM in Russland ist für mich das Gegenmittel gegen die lauten Rufe meines Nachbarn.

In der ersten Minute: Dänemark macht ein schnelles, unerwartetes TOOOOOR!!!

Der Nachbar ruft: „MUUU-DDIIIII!!!! MUDDIII!!!! …… MUDDIII!!! ……. „

Dann, in der vierten Minute schießt Kroatien tatsächlich auch ein Tor!!! „AYYYYIIIII!!!“, kreische ich!

„MUUUDDIII!!! ….. MUUUDDIII!!! ….. MUUUDDIII!!! ….. …..“, tönt es recht gedämpft durch die Wand.

Mittlerweile ist eine halbe Stunde gespielt. Es gab viele kritische Momente. Aber ein Tor ist noch nicht wieder gefallen.

So… jetzt ist Halbzeit.

Meine TOOORRR!!!-Rufe haben nun erst mal Pause. Und der Nachbar ist momentan auch still. Hoffentlich bleibt es so!!!

Hilf mir doch! Hilf mir!!

Das Sprichwort: „Schlimmer geht immer!“ hat sich bewahrheitet. Mein Nachbar ist stimmlich aktiver denn je. Jetzt hat er den Text seiner Rufe geändert. Und der geht wirklich ans Herz!

„Muddi… Muddi… Hilf mir! Hilf mir!! So hilf mir doch!!!

„Hilf mir! Hilf mir!!“

„Hilf mir! Hilf mir!! … Hilf mir! Hiiiiiiilf mir!!“

Lauter, immer lauter werden die Rufe bis sich die Stime überschlägt.

„Muuuu….diiii….. So hilf mir doch!!!“

Das greift mir ans Herz! Es ist so traurig!

„Muddi….. hilf mir doch… hilf mir!“

Es macht mich fertig. Warum lässt uns Gott so alt werden, dass Demenz kein Einzelfall mehr ist?

„Muddi… bit~te hilf mir!“

Bei „bitte“ bricht die Stimme kläglich weg, bricht mitten im Wort.

Schreien oder Rufen: Eine echte Herausforderung für Pflegende. Vortrag von Hans-Werner Urselmann

Hunger!

Um 0:24 Uhr tönte es plötzlich laut:

„Muddi! … Muuuuu-diiii! … Ich will was essen!!!!! … Muuuuu-diiii!!! … Ich habe Hunger!!!“

„Hunger!!!“

„HUUUUUUN-GER!!! ICH WILL WAS ESSEN!!!“

„EEEEESS-SSEN!!!

„HUN-GER …… HUN-GER … HUN-GER .. HUN-GER  . HUN-GER HUN-GER HUN-GER“

Immer schneller und lauter wiederholte sich das Wort. Ich läutete nach dem Nachtdienst. Derweil geriet der Nachbar in eine Art Rausch.

Dann erschien der Nachtdienst. Er fragte mich, ob ich etwas brauche.

„ICH nicht. Aber der Nachbar!“

Dann erschien eine weitere Pflegerin, die Nachtdienst auf einem anderen WB hatte. Zu zweit besänftigten sie den Bewohner.

Ich war mittlerweile so KO, dass mich einfach einschlief.

Morgens um halb 6 ging es wieder los. 😦

*******************************************************

Da muss sich etwas ändern. Um seinetwillen. Um meinetwillen. Das ist mittlerweile auch zum großen Thema unter den Angestellten geworden. Ich bin überzeugt, dass es passieren wird. Bis dahin übe ich mich weiter in Geduld. 😞

*******************************************************

Das ganze passierte bereits vor ein paar Tagen. Langsam scheint es sich zu beruhigen. Hoffe ich! Ich traue mich kaum, das zu schreiben. Von wegen schlafende Hunde soll man nicht wecken. *seufz*

Ausraster

Die Situation mit dem dementen Nachbarn zehrt sehr an meinen Nerven. Daher brauchte es auch nicht viel (nämlich nur eine ausgefallene Physiotherapiestunde) um mich ausrasten zu lassen.

Ich wusste kaum wohin mit meinem Ärger, der sich mittlerweile angestaut hatte.

Wutentbrannt raste ich mit meinem E-Rolli durch den Eingangsbereich hinaus auf den Bürgersteig vor dem Heim.

Bereits im Eingangsbereich sah mich die Sozialpädagogin und sprach mich an: „Frau S., was ist los?“ Aber ich fuhr einfach weg. Kurz danach hielt ich an, dachte nach und drehte um.

Das war gut so. Ich war hocherregt. Tränen liefen mir übers Gesicht. Wütend schluchzend brach es aus mir heraus. Ich erzählte ihr, dass mein Nachbar mir wortwörtlich den letzten Nerv raube mit seinem lautstarken Rufen. Es hindere mich am Nachtschlaf und tags am Fassen eines klaren Gedankens.

„Warum haben Sie nichts gesagt!“, fragte sie. „Ich kann nichts dagegen tun, wenn ich von nichts weiß. Bisher weiß ich nur von einer Bewohnerin auf WB1, dass sie sehr darunter leidet, dass der Bewohner einen WB höher ständig laut ruft.

„Ich habe Bescheid gesagt! Dem Pflegepersonal! Doch die meinten immer, er wäre doch eigentlich ganz lieb. Klar, wenn sie zu ihm ins Zimmer gehen, wird er ruhig. Es kümmert sich ja jemand um ihn!“, schluchzte ich verzweifelt.

„Jetzt weiß ich es ja. Ich kümmere mich darum“, sagte sie.

Sie wird das tun. Ihr glaube ich.

Dann kam noch Frau D., Hauswirtschaftsleitung, vorbei, sah mich total aufgelöst und bot Hilfe an.

Zuletzt kam Frau Sp., stellvertretende WB-Leitung meines WB, aus dem Aufzug und ich sprach sie direkt an, erzählte ihr von meiner Not. Sie versprach, sich darum zu kümmern, den Arzt anzurufen.

Endlich hatte ich das Gefühl, dass Aktionen in die richtige Richtung liefen. Es wird sich etwas ändern.

Ich fühlte mich wie ein Verräter – aber erleichtert. Ob der Erleichterung fühlte ich mich wieder wie ein Verräter.

Er ruft und schreit

Mein Nachbar ruft und schreit schon den ganzen Tag.

pixabay.com – Pezibear

Heute Nachmittag habe ich einfach mal das Heim verlassen. Ich habe etwas bei Aldi eingekauft. Als ich zurück fuhr, konnte ich ihn schon eine ganze Strecke vom Haus entfernt hören.

Es ist echt schrecklich!

Die vergangenen zwei Tage war er ganz ruhig. Er hat wohl nur Kraft getankt. Jetzt ruft er wieder aus voller Kehle!

Es fing so harmlos an: „Muddi… Muddilein………Muuuuuuddi….“

So rief er eine ganze Zeit lang. Dann…

„Muuuuuuddi…. Muddi!……… Muddi!!!!!

Muuuuuddiiiiiii……… Muuuuuuuu-ddiiiiiiii……………Wo bleibst du denn?………… Muuuuuu-ddiiiiiiii!!!!

Irgendwann änderte sich die Wortwahl.

„Hiiiiilfe……… Hiiiilfe………!!!

„Hiiiilfe!!!! ……… Hiiiiil-fe!!!!!!!“

„Hiiiiilfe!!!!! …… Hiiiiiiiilfeeee!!!!!!!!“

Dann hörte ich zwei Nachtschwestern. Alleine trauen sie sich da wahrscheinlich gar nicht mehr rein. Verständlich! Sie gingen in sein Zimmer. Ich hörte durch Tür und Wände, dass er wohl nicht zu beruhigen war.

Zuletzt muss er etwas zur Beruhigung bekommen haben. War der Notarzt da? Vielleicht. Auf jeden Fall rief der Nachbar irgendwann nicht mehr.

Gott sei Dank!

Denn das ganze ist echt unheimlich! Irgendwann hätte ich das nicht mehr ausgehalten!