Frühstück mit den „lustigen Weibern“

Ich vermisse meine erste Tischfamilie! Deshalb will ich einen Post von früher, Veröffentlicht 15.05.2014 , kopieren:

 

War das vorhin ein „Wechselbad der Gefühle“! Erst tröstete ich meine 94-jährige Tischnachbarin. Ihre 90-jährige Schwester war ins Krankenhaus gekommen und sie gab sich die Schuld dafür 😦 .

Dann kamen die beiden lustigen Freundinnen, von denen ich ja schon im Beitrag „Das Gebiss“ schrieb und schnell lachten wir lauthals! Frau M. kramte in ihrem Gedächtnis nach Sprichwörtern. „Mai, kühl und nass, füllt dem Bauern Scheun‘ und Fass“ … und schon überlegten sie, welchen Monat wir jetzt wohl haben, … wann sie Geburtstag haben, … wie sich das Wetter wohl entwickeln würde, … dass wir heute „die kalte Sophie“ (Betonung auf dem O, kurz gesprochen wie in „oft“) hätten, … dass bald Sommer wäre, …

So wanderten die Gedanken. Sie unterhielten sich. Ich hörte zu. Zwischendurch stibitzte Frau W. immer mal wieder ein Zuckerwürfelchen und blickte dann schuldbewusst zu mir hoch. Dann lachten wir wieder. 😀 Frau M. rückte ihre Brille zurecht und sagte, sie könne gar nicht sehen, wer da vorne säße. Sie zeigte auf mich. Ich sagte es ihr und sie begann erneut: „Mai, kühl und nass… “ Da ging das Gelächter wieder los. 😀

„Ach, ihr seid herrlich!“, sagte ich. „Ich bin froh, dass es euch gibt!“

Er wird ja schon ganz rot!

Das Leben hier im Pflegeheim, in meinem Mikrokosmos, bietet eigentlich alles, was man auch im Makrokosmos, im Leben „draußen“, antrifft.

Die Bewohner achten sehr aufeinander, im positiven als auch im negativen Sinne. Normal halt. Es wird aufgepasst, dass kein Bewohner in eine brenzlige Situation gerät. Aber es wird genauso gehetzt und geklatscht.

Gestern wurde ich Zeuge, wie eine Seniorin ganz mütterlich einen jüngeren Bewohner (er ist Anfang 40) in Schutz nahm.

U. (sie ist Mitte 50) und der junge Mann unterhielten sich zur Abendbrot-Zeit. Sie sitzen zwar an verschiedenen Tischen, aber doch ganz nah beieinander. Sie reden öfter miteinander.

U. war an diesem Abend ziemlich schräg drauf. Wer sie kennt, nimmt sie dann einfach nicht ernst und wartet bis sie wieder ernst zu nehmen ist. Aber dieses Mal war es schwer für J.. Er ein Mann, sie eine Frau. Und U. sprach darüber, wie es wohl wäre, wenn sie etwas „unanständiges“ miteinander machen wollten.

Da meinte Frau T. von der anderen Seite des Speisesaals: „Nun lassen sie ihn doch mal in Ruhe! Er wird schon ganz rot im Gesicht.“

U. meinte daraufhin: „Echt??? Zeig mal her!“ (sehr sensibel)

J. wendete seinen Kopf in U.s Richtung. O je! Frau T. hatte Recht!

Aber das hielt U. nicht davon ab, ihre Fantasien weiter zu spinnen.

J. beendete sein Abendbrot schnell und trat schnell still und heimlich die Flucht an.

Als U. das merkte, war er schon fast am Ausgang angelangt.

„He, J., gehst du schon nach oben?“, fragte sie erstaunt.

„Hmm“, kam es von ihm. Dann hatte er den Ausgang erreicht.

Ich hörte eine ganze Lawine von Brocken, die J. vom Herzen purzelten.