Verstärkung – Neue MS-Gang?

Gestern bekamen U. und ich wieder Verstärkung. Eine Dame, die vom Alter her (ein Jahr jünger als ich) prima zu uns passt und ebenfalls an Multiple Sklerose erkrankt ist, wird für 2 Wochen zur Kurzzeitpflege Im Gerhard Tersteegen Haus sein. Sie bekam einen Platz in einem der drei Doppelzimmer auf unserem Wohnbereich (WB).

Seitdem vor gut 2 Jahren schon einmal eine Dame mit MS in unserem Alter zu uns kam, blieben auf unserem WB U. und ich erst einmal die einzigen MS’ler. Nun haben wir für 2 Wochen Verstärkung bekommen.

Ich bin gespannt, ob es ihr bei uns gefallen wird. Heute zeigte ich ihr erst einmal den Garten. Sie ist sehr sympathisch. Mittags saß sie dann mit an unserem Tisch im großen Speisesaal. So lernten wir auch ihren Ehemann kennen. Aber demnächst wird sie wohl oben im kleinen Speisesaal auf dem WB essen, denn das Essen muss ihr angereicht werden. Gestern übernahm das ihr Mann.

Wenn ich bisher dachte, das Leben hätte mir schlechte Karten ausgeteilt, kannte ich das Schicksal von G. noch nicht. Sie bekam die Multiple Sklerose erst vor 6 Jahren. Seitdem hat sich ihre Gesundheit rasant verschlechtert. Verglichen mit ihr geht es mir verdammt gut!

Ich kann sie so gut verstehen!

Vorhin begegnete ich Frau B. im Gang vor meiner Tür. Sie lief wieder fleißig ihre Runden mit Rollator.

„Guten Morgen, Frau B.! Haben Sie oben gefrühstückt? Ich habe Sie beim Frühstück unten vermisst!“, sagte ich.

Sie zog die Stirn ganz kraus. Dann ließ sie den Kopf hängen und murmelte: „Nein. Ich war hier oben.“

„Aber heute Mittag kommen Sie runter, oder? Wir vermissen Sie unten, Frau G. und ich!“, sagte ich ganz munter.

„Ach, ich glaube ich bleibe lieber oben“, murmelte sie ganz niedergeschlagen.

„Aber warum denn? Geht es Ihnen nicht gut?“, ganz besorgt sah ich sie an.

„Doch. Doch. Aber ich fühle mich da so beobachtet“, antwortete sie.

„Beobachtet? Von wem denn?“, ich war fassungslos.

„Na von den anderen Bewohnern unten“, meinte sie traurig.

„Warum das denn???“, fragte ich entgeistert.

„Na, weil ich irgendwann wieder gehe, weil ich kein dauerhafter Bewohner bin, nur einer zur Kurzzeitpflege“, war die betrübte Antwort.

Eigentlich sollte man sich darüber freuen. Aber Frau B. war ganz unglücklich.

Es gibt nichts schlimmeres, als zu denken was andere denken könnten. Das stimmt selten. Ich mache das leider auch immer wieder.

„Wissen Sie was? Normalerweise interessiert sich der Mensch hauptsächlich für sich selbst. Dann erst kommen, wenn überhaupt, andere. Wir sind gar nicht so interessant für andere wie wir immer meinen!“, sagte ich mit Nachdruck.

Das sagte mir früher immer meine Mutter. Jetzt, nach genügend eigener Erfahrung, muss ich ihr Recht geben. Dies zu denken, glauben, sich zu eigen machen, fällt mal leichter, mal schwerer. Man muss es immer wieder üben.

„Darf ich sie mal drücken?“, fragte ich Frau B., die da stand wie ein Häuflein Elend.

„Ja“, hauchte sie.

Ich umarmte sie und strich ihr über den Rücken.

„Ich hab sie sehr lieb“, sprach sie noch während wir uns umarmten. Dann löste sie sich von mir, sah mir in die Augen und wiederholte: „Wirklich! Ich vermisse Sie doch auch. Ich habe Sie wirklich sehr lieb! Sie … die Frau G. natürlich auch. Aber Sie ganz besonders!“

Da wurde mir ganz warm ums Herz!

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