Der Schornsteinfeger

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Gestern war endlich mal wieder Gottesdienst im Gerhard Tersteegen Haus. Pfarrer Fricke-Hein sollte den Gottesdienst leiten.

Aber er hatte die Liedblätter vergessen. Also machte er sich noch einmal auf den Heimweg. Daher begann der Gottesdienst fast 30 Minuten später als geplant. In der Zeit waren alle Bewohner, die am Gottesdienst teilnehmen wollten in der Kapelle versammelt und warteten.

Auch die Klavierspielerin, die die Lieder immer am Klavier begleitet, war da. Von ihr erfuhr ich, dass der Gottesdienst ½ Stunde später stattfinden sollte und auch warum.

„Vielleicht sagst du das auch den Bewohnern. Sie werden sonst unruhig. Eine Frau ist auch schon gegangen“, meinte ich zu ihr.

„Stimmt! Das könnte ich machen“, sagte sie. Sie stand auf und wandte sich an die Senioren.

Man merkte förmlich, wie sich die Stimmung im Raum entspannte.

Doch nicht bei allen war das so. Frau T. fragte ihre Nachbarin: „Was ist mit dem Schornsteinfeger?“

„Schornsteinfeger??? Ach, nichts“, antwortete Frau L..

Es vergingen einige Minuten. Dann fragte Frau T. ganz unruhig: „WAS war das mit dem Schornsteinfeger??“

„Der kommt morgen. Heute ist Sonntag“, sagte Frau L..

Das wiederholte sich noch 2 mal. Da rollte ich zu Frau T. und erklärte ihr: „Wir warten auf den Pfarrer. Er holt nur noch die Liedblätter.“

„Ach so… und was ist mit dem Schornsteinfeger?“, fragte sie dann wieder ganz besorgt.

Einige Minuten später hörte ich, wie sie Frau L. erzählte: „Mein Mann war nämlich Schornsteinfeger!“

Hilf mir doch! Hilf mir!!

Das Sprichwort: „Schlimmer geht immer!“ hat sich bewahrheitet. Mein Nachbar ist stimmlich aktiver denn je. Jetzt hat er den Text seiner Rufe geändert. Und der geht wirklich ans Herz!

„Muddi… Muddi… Hilf mir! Hilf mir!! So hilf mir doch!!!

„Hilf mir! Hilf mir!!“

„Hilf mir! Hilf mir!! … Hilf mir! Hiiiiiiilf mir!!“

Lauter, immer lauter werden die Rufe bis sich die Stime überschlägt.

„Muuuu….diiii….. So hilf mir doch!!!“

Das greift mir ans Herz! Es ist so traurig!

„Muddi….. hilf mir doch… hilf mir!“

Es macht mich fertig. Warum lässt uns Gott so alt werden, dass Demenz kein Einzelfall mehr ist?

„Muddi… bit~te hilf mir!“

Bei „bitte“ bricht die Stimme kläglich weg, bricht mitten im Wort.

Schreien oder Rufen: Eine echte Herausforderung für Pflegende. Vortrag von Hans-Werner Urselmann

Er ruft und schreit

Mein Nachbar ruft und schreit schon den ganzen Tag.

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Heute Nachmittag habe ich einfach mal das Heim verlassen. Ich habe etwas bei Aldi eingekauft. Als ich zurück fuhr, konnte ich ihn schon eine ganze Strecke vom Haus entfernt hören.

Es ist echt schrecklich!

Die vergangenen zwei Tage war er ganz ruhig. Er hat wohl nur Kraft getankt. Jetzt ruft er wieder aus voller Kehle!

Es fing so harmlos an: „Muddi… Muddilein………Muuuuuuddi….“

So rief er eine ganze Zeit lang. Dann…

„Muuuuuuddi…. Muddi!……… Muddi!!!!!

Muuuuuddiiiiiii……… Muuuuuuuu-ddiiiiiiii……………Wo bleibst du denn?………… Muuuuuu-ddiiiiiiii!!!!

Irgendwann änderte sich die Wortwahl.

„Hiiiiilfe……… Hiiiilfe………!!!

„Hiiiilfe!!!! ……… Hiiiiil-fe!!!!!!!“

„Hiiiiilfe!!!!! …… Hiiiiiiiilfeeee!!!!!!!!“

Dann hörte ich zwei Nachtschwestern. Alleine trauen sie sich da wahrscheinlich gar nicht mehr rein. Verständlich! Sie gingen in sein Zimmer. Ich hörte durch Tür und Wände, dass er wohl nicht zu beruhigen war.

Zuletzt muss er etwas zur Beruhigung bekommen haben. War der Notarzt da? Vielleicht. Auf jeden Fall rief der Nachbar irgendwann nicht mehr.

Gott sei Dank!

Denn das ganze ist echt unheimlich! Irgendwann hätte ich das nicht mehr ausgehalten!

Langweilig

Mein einer Nachbar ist schon echt ein bemitleidenswerter Mensch. Er liegt den ganzen Tag im Bett, ist arg von der Demenz gebeutelt, ist nur noch Haut und Knochen.

Er bekommt es kognitiv nicht mehr hin, die Pfleger mittels Druck auf die Klingel zu rufen. Er ruft. Laut und kräftig. Es ist mir in Rätsel, woher er die Kraft dafür nimmt.

Damit die Pfleger ihn hören, ist seine Tür ständig offen. Daher bekomme auch ich das alles mit.

Sein Rufen steigert sich. Er fängt an mit: „Hallo……… hallo…….. haaaallo!“ Das versucht er eine ganze Weile.

Dann kommt die nächste Stufe: „Hilfe! … Hiiilfe!! … Hiiiiiilffeee!!! … HIIIIILFEEEEE!!!

Stufe 3 ist dann: „Muddi! … Muddi!!! … Hörst du mich denn nicht?!

Dann wandelt sich mein Ärger in Mitleid. Er tut mir echt Leid. Ach. Das ist richtig traurig. Dabei kümmert sich die Pflege intensiv um ihn. Aber es kann halt nicht rund um die Uhr jemand bei ihm sein.

Heute Nachmittag rief er dann irgendwann ganz laut und fordernd: „Muddi!!! Mir ist so langweilig!“

SO LAAAAANG-WEILIG!!!

Ach ja… nachts ruft er auch. Ich schlafe jetzt wieder mit Ohrstöpseln.

Muddi!

Nach der singenden, fluchenden Kölnerin (ich erzählte davon) habe ich seit einiger Zeit wieder einen stimmgewaltigen Nachbarn.

Auch er ist dement und bettlägerig. Auch bei ihm steht die Tür zum Flur immer offen. So kann das Personal besser merken, wenn er Hilfe benötigt. Er hat zwar auch eine Klingel, über die er die Schwestern / Pfleger rufen kann. Es wird ihm auch immer wieder erklärt, wie er sie nutzen kann. Doch schnell vergisst er das wieder.

Sein Weg ist es, durch lautes Rufen auf sich aufmerksam zu machen. Und zwar ruft er nicht „Schwester!“ oder „Pfleger!“, sondern er ruft „Muddi!“, seine Mutter.

Am hellichten Tag stört mich das nicht so wahnsinnig. Es kommt auch immer relativ schnell einer vom Pflege-Personal und kann ihn beruhigen. Oder ich fliehe, verlasse mein Zimmer.

Anders ist das nachts. Mindestens ein Mal ruft er auch nachts, auch nach Mitternacht.

Es hat sich bei mir mittlerweile eingependelt, dass ich relativ spät schlafen gehe. Da wurde dann schon sein permanent laufender, recht lauter Fernseher abgeschaltet. Dann genieße ich die Ruhe!

Mitten in der Nacht schrecke ich aus dem Tiefschlaf auf. Eine donnernde Stimme ruft: „Muddi… MUddi… MUDDI!!! MUDDI!!! VERDAMMT NOCH MAL!!! WO BLEIBST DU DENN?!?“

Immer weiter ruft der Nachbar. Mal wird es etwas leiser, dann wieder lauter, dann ohrenbetäubend laut. Das Fluchen nimmt zu. Dann bricht die Stimme. Es gibt eine kurze Pause. Doch dann beginnen die Rufe wieder, etwas weniger laut.

Endlich höre ich das Klingeln eines Diensttelefons. Es kommt näher. Es ist die Nachtdienst-Pflegekraft. Da im Nachtdienst eine Pflegekraft für fast 40 Bewohner in insgesamt 2 Wohnbereichen zuständig ist, kann es durchaus schon einmal etwas länger dauern, bis die Pflegekraft beim klingelnden Bewohner ist. Wenn der Bewohner nur durch Rufen auf sich aufmerksam machen kann, muss die Nachtdienst-Pflegekraft zufällig in der Nähe des Rufenden sein.

Auf jeden Fall kam die Schwester. Sie konnte den Nachbarn beruhigen. Schnell schlief er wieder ein.

Irgendwann schlief auch ich wieder ein.

Schreien oder Rufen: Eine echte Herausforderung für Pflegende (und Mitbewohner!)

Sie wirkt so verloren

Ende November letztes Jahr schrieb ich schon einmal über Frau Kv.. Damals schlurfte sie über den Flur, hin und her. Auf die Frage, wohin sie denn wolle, antwortete sie: „Ich weiß nicht… “ Seitdem sehe ich sie immer wieder einmal auf der Suche nach…???

Letztens kam sie nach unten in den Speisesaal. Sie lahmte, die Füße über den Fußboden schiebend, am Frühstücksbüfett entlang. Dann schlug sie die Richtung zum Tisch ein, an dem sie früher immer saß. Das war ganz auf der anderen Seite des Speisesaals, von mir aus gesehen. Daher konnte ich nicht sehen, was dort passierte.

Doch es dauerte nicht lange, da wankte sie wieder zum Büfett. Ich fühlte mit ihr. Sie war unglücklich und verloren, wusste nicht was sie wollte, was sie sollte.

Frau T. fragte sie: „Was suchen Sie denn?“

Keine gute Frage. Das wusste Frau Kv. doch selber nicht.

Ich schaltete mich ein: „Frau Kv., sie müssen wieder mit dem Aufzug nach oben auf die 2 fahren. Dort bekommen sie jetzt ihr Frühstück.“

Frau Kv. guckte mich ganz hilflos an: „Auf die 2? Was soll ich da?“

Frau T. fragte mich: „Wohnt sie auf Wohnbereich 2?“

„Genau!“, sagte ich.

Frau T. wandte sich Frau Kv. zu: „Ich wollte eh gerade hoch fahren. Da können wir ja zusammen fahren.“ Sie hatte die Lage erkannt und sagte genau das Richtige! Die beiden Damen verschwanden gemeinsam.

Nachmittags, ich kam gerade vom Einkaufen zurück, begegnete ich Frau Kv. wieder. Ich stand am Aufzug, wollte gerade auf meinen WB fahren. Als der Aufzug im Erdgeschoss ankam und sich die Tür öffnete, kam Frau Kv. aus dem Aufzug.

„Hallo Frau Kv.. Müssen Sie hier unten etwas erledigen? Oder wollen Sie mit mir nach oben fahren?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht… wollte ich unten etwas? Ach… ich fahre mit Ihnen“, sie war wieder ganz desorientiert.

Als wir oben ankamen, merkte ich schnell, dass ich sie besser nicht sofort alleine lassen sollte.

„Und was soll ich jetzt hier?“, fragte Frau Kv..

„Wollen wir gemeinsam ‚Mensch ärgere dich nicht‘ spielen?“, fragte ich sie. Ich weiß, dass sie das gerne spielt. Sie spielt es auch manchmal mit einer Bekannten.

Frau Kv. fragte: „Wollen wir?“

„Wollen SIE?“, fragte ich sie.

„Ja!“, sagte sie.

„Dann folge Sie mir bitte ganz unauffällig!“, sagte ich lachend zu ihr. Auf dem WB steht in einer Ecke das große ‚Mensch ärgere dich nicht‘-Spiel. Dort wollte ich hin.

Dort angekommen, nahmen wir am Tisch platz. Jeder sucht seine Spielfarbe aus. Und los ging es. Das Spiel dauerte ziemlich lang. Zum Schluss hatte jeder 3 Spielfiguren im Ziel. Wem würde es zuerst gelingen, die vierte Figur ans Ziel zu bringen? Zuletzt stand jede von uns mit der vierten Figur vor dem Ziel. Jetzt ging es nur noch darum, wer mehr Würfelglück haben würde.

Dann schaffte es Frau Kv.!

Daniel Rohr liest «Lieber Alois»

Der von Michael Schmieder verfasste Text, der in seinem Buch «Dement, aber nicht bescheuert» in einer etwas längeren Version abgedruckt worden ist, für einmal als Hörvideo: Daniel Rohr, renommierter Schauspieler und Leiter des Zürcher Theater Rigiblick versteht es ausgezeichnet, den fein gesponnenen und ironischen, zuweilen auch tragisch-komischen Inhalt des Briefes an Alois Alzheimer zu interpretieren. Dieses Video finden Sie auf der neuen Website alzheimer.ch