Sexualbegleitung als Dienstleistung

Sexualassistenz wird erst dann in Anspruch genommen, wenn der meist männliche, demenzbetroffene Bewohner zum Problem für sein Umfeld wird – und nicht, um das natürliche Bedürfnis nach Nähe zu befriedigen. So erlebt es Sexualbegleiterin Nina des Vries. Sie bietet Menschen in Pflegeeinrichtungen Zärtlichkeit und Berührungen gegen Geld an. Die in Potsdam lebende Niederländerin hat mit der Redaktion Altenpflege über ihre zunehmend nachgefragte Dienstleistung gesprochen.

Quelle

Ach, Kerlchen…

„Muiii, Muuuiii,…“

Mui, *Luft hol*, Mui, *Luft hol*, Mui, *Luft hol*, … Muiii, Muuuiii,…“

Ich sitze an meinen weit geöffneten Fenstern und lasse die endlich etwas abgekühlte Luft ins Zimmer. Als Dauerbeschallung höre ich meinen Nachbarn rufen. Er ruft schon den ganzen Tag. Er tut mir so Leid. Es ist so Herz erweichend. Ich höre, wie sich zwischendrin ab und zu die Stimme überschlägt. Als sei er im Stimmbruch.

Muiii … Muiii … Muii…

Eben war die Nachtschwester bei mir: „Ich habe ihm jetzt seine Medikamente gegeben. Er wird gleich ruhiger.“

Ich sagte ihr, dass ich bei weit geöffnetem Fenster gesessen habe und ihn hörte: „Ach Kerlchen… musste ich denken“, erzählte ich ihr, „was quält dich nur???“

„Ich glaube das weiß er selber nicht so genau“, meinte die Nachtschwester.

Jetzt ist es ruhig.

Jetzt höre ich nur noch die Jugendlichen, die vor dem Haus auf der Wiese sitzen und sich unterhalten. Ja, die Sommerferien haben begonnen.

Es ist grausam…

Es ist so grausam, Tag und Nacht die Schreie des Nachbarn zu hören.

Die Schreie verändern sich.

Ihr merkt, ich spreche nicht mehr von Rufen. Obwohl er das auch noch tut.

Tag und Nacht.

Die Stimme ist ganz rau geworden. Sie überschlägt sich. Manchmal sind es nur noch Geräusche.

„Waaaaahhhhhhhhhhhhhhh ………….. Muuiiiii…………“

Es klingt so verzweifelt!!!!!!!!!!!!!!

„So hilf mir doch!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! ……………………. Muuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

Mein Herz schmerzt! Könnte ich doch helfen!!!

„Muuiiiiiiiiiii… wo bist du?……….. wo bist du Muddi?“

Es klingt, als würde er weinen.

„WO bist du?………. Mudddddi, Muddi…………….Wo bist du?“

Ich habe einen dicken Kloß im Hals.

„Muddi! … Muddi! … Muddi! … „

Die Stimme überschlägt sich.

„Wo bist du? …………….. Wo bist du? …………….. Wo bist du? …………….. „

Warum hilft ihm denn keiner?

Warum hilft UNS denn keiner?

„Muudddiii!!!!“

Vielleicht eine Lösung? –> Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. (DGGPP)

Selbsthilfe-Gruppe für Angehörige von neurologisch Erkrankten

Ein Mal im Monat trifft sich die Selbsthilfe-Gruppe für Angehörige von neurologisch Erkrankten um sich unter Leitung von Dipl.-Psych. Judith Faust bei uns im GTH miteinander auszutauschen.

Da mich der Titel des Treffens im Juli ansprach (Wut und schlechtes Gewissen in der Pflege von neurologisch Erkrankten), fragte ich Frau Faust, ob ich an dem Treffen teilnehmen dürfe. Ich durfte.

Als Gast war Herr Dieter Mokros, Leiter der Telefonseelsorge Krefeld geladen.

Wir saßen in einem lockeren Kreis an den Tischen im Seminarraum. „Wir“, das waren Leute, die ihre Angehörigen pflegen, nach Hirn- oder Herzinfarkt, weil sie dement sind in den unterschiedlichsten Stufen oder weil sie im Wachkoma liegen. Pflege selber im eigenem Haus oder Besuche des Angehörigen im Pflegeheim. U. und ich, interessehalber, Frau L. und Herr D., die selber demente Ehepartner haben, Bewohner des GTH.

Herr Mokros eröffnete die Runde und sagte, er wolle keinen Vortrag halten. Eher fände er es besser, wenn sich die Teilnehmer kurz vorstellten und sagten, warum sie hier seien.

So lief es dann auch ab. Es war sehr interessant für U. und mich. Ich hatte mir zuvor noch nie Gedanken darüber gemacht, was es heißt, jemanden pflegen zu müssen. Das bricht über einen gesunden Menschen herein wie eine Krankheit über einen bis dahin aktiven, mitten im Leben stehenden Kranken.

Eine Frau berichtete, sie war kurz davor, sich von ihrem Mann zu trennen. Da ereilte ihn plötzlich der Infarkt und er wurde ein Pflegefall. „Natürlich“, sagte sie: „konnte ich ihn da nicht verlassen. Er brauchte Hilfe.“

Welch Schicksal… für beide.

Ein Mann pflegt schon seit Jahren seine demente Frau. Nun müsste er sich eigentlich Hilfe holen, sie vielleicht in ein Heim umsiedeln. Denn es wird immer schwieriger und er geht dabei vor die Hunde. Aber er bringt es nicht übers Herz sie in ein Pflegeheim zu geben. Man höre ja nur schreckliches über Heime.

Daraufhin erzählte ich, dass ich seit 5 Jahren im GTH wohne und ich eigentlich nur gutes über den Aufenthalt im Pflegeheim sagen könne.

Das ganze war eine sehr abwechslungsreiche Runde. Unglaublich, welche Schicksale da offenbart wurden. Da wurde ich ganz kleinlaut. Mein Schicksal relativierte sich für mich. Eine ganze Menge Menschen haben auch einen sehr schwierigen Alltag. Und zwar Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Zum Schluss verteilte Herr Mokros noch Informationsmaterial zur Telefonseelsorge:

Der Schornsteinfeger

pixabay.com – OpenClipart-Vectors

Gestern war endlich mal wieder Gottesdienst im Gerhard Tersteegen Haus. Pfarrer Fricke-Hein sollte den Gottesdienst leiten.

Aber er hatte die Liedblätter vergessen. Also machte er sich noch einmal auf den Heimweg. Daher begann der Gottesdienst fast 30 Minuten später als geplant. In der Zeit waren alle Bewohner, die am Gottesdienst teilnehmen wollten in der Kapelle versammelt und warteten.

Auch die Klavierspielerin, die die Lieder immer am Klavier begleitet, war da. Von ihr erfuhr ich, dass der Gottesdienst ½ Stunde später stattfinden sollte und auch warum.

„Vielleicht sagst du das auch den Bewohnern. Sie werden sonst unruhig. Eine Frau ist auch schon gegangen“, meinte ich zu ihr.

„Stimmt! Das könnte ich machen“, sagte sie. Sie stand auf und wandte sich an die Senioren.

Man merkte förmlich, wie sich die Stimmung im Raum entspannte.

Doch nicht bei allen war das so. Frau T. fragte ihre Nachbarin: „Was ist mit dem Schornsteinfeger?“

„Schornsteinfeger??? Ach, nichts“, antwortete Frau L..

Es vergingen einige Minuten. Dann fragte Frau T. ganz unruhig: „WAS war das mit dem Schornsteinfeger??“

„Der kommt morgen. Heute ist Sonntag“, sagte Frau L..

Das wiederholte sich noch 2 mal. Da rollte ich zu Frau T. und erklärte ihr: „Wir warten auf den Pfarrer. Er holt nur noch die Liedblätter.“

„Ach so… und was ist mit dem Schornsteinfeger?“, fragte sie dann wieder ganz besorgt.

Einige Minuten später hörte ich, wie sie Frau L. erzählte: „Mein Mann war nämlich Schornsteinfeger!“

Hilf mir doch! Hilf mir!!

Das Sprichwort: „Schlimmer geht immer!“ hat sich bewahrheitet. Mein Nachbar ist stimmlich aktiver denn je. Jetzt hat er den Text seiner Rufe geändert. Und der geht wirklich ans Herz!

„Muddi… Muddi… Hilf mir! Hilf mir!! So hilf mir doch!!!

„Hilf mir! Hilf mir!!“

„Hilf mir! Hilf mir!! … Hilf mir! Hiiiiiiilf mir!!“

Lauter, immer lauter werden die Rufe bis sich die Stime überschlägt.

„Muuuu….diiii….. So hilf mir doch!!!“

Das greift mir ans Herz! Es ist so traurig!

„Muddi….. hilf mir doch… hilf mir!“

Es macht mich fertig. Warum lässt uns Gott so alt werden, dass Demenz kein Einzelfall mehr ist?

„Muddi… bit~te hilf mir!“

Bei „bitte“ bricht die Stimme kläglich weg, bricht mitten im Wort.

Schreien oder Rufen: Eine echte Herausforderung für Pflegende. Vortrag von Hans-Werner Urselmann

Er ruft und schreit

Mein Nachbar ruft und schreit schon den ganzen Tag.

pixabay.com – Pezibear

Heute Nachmittag habe ich einfach mal das Heim verlassen. Ich habe etwas bei Aldi eingekauft. Als ich zurück fuhr, konnte ich ihn schon eine ganze Strecke vom Haus entfernt hören.

Es ist echt schrecklich!

Die vergangenen zwei Tage war er ganz ruhig. Er hat wohl nur Kraft getankt. Jetzt ruft er wieder aus voller Kehle!

Es fing so harmlos an: „Muddi… Muddilein………Muuuuuuddi….“

So rief er eine ganze Zeit lang. Dann…

„Muuuuuuddi…. Muddi!……… Muddi!!!!!

Muuuuuddiiiiiii……… Muuuuuuuu-ddiiiiiiii……………Wo bleibst du denn?………… Muuuuuu-ddiiiiiiii!!!!

Irgendwann änderte sich die Wortwahl.

„Hiiiiilfe……… Hiiiilfe………!!!

„Hiiiilfe!!!! ……… Hiiiiil-fe!!!!!!!“

„Hiiiiilfe!!!!! …… Hiiiiiiiilfeeee!!!!!!!!“

Dann hörte ich zwei Nachtschwestern. Alleine trauen sie sich da wahrscheinlich gar nicht mehr rein. Verständlich! Sie gingen in sein Zimmer. Ich hörte durch Tür und Wände, dass er wohl nicht zu beruhigen war.

Zuletzt muss er etwas zur Beruhigung bekommen haben. War der Notarzt da? Vielleicht. Auf jeden Fall rief der Nachbar irgendwann nicht mehr.

Gott sei Dank!

Denn das ganze ist echt unheimlich! Irgendwann hätte ich das nicht mehr ausgehalten!