Demenz Pflegende leiden oft mehr als Erkrankte

Original von Redaktion Vorsorgeportal 

ausgestrahlt 04.12.2012 vom MDR

 

Die Demenz von älteren Menschen ist oft eine schwere Belastung – vorallem für das Umfeld der Betroffenen. Viele von Ihnen werden krank und leiden unter Depressionen.

Großkampftag mit Speiseplan

Immer gegen Ende der Woche muss der neue Speisplan für die gewünschten Menüs 2 Wochen im Voraus ausgefüllt werden. Das passiert tischweise. Ich hätte nie gedacht, dass das für viele Bewohner zu kompliziert ist, das alleine zu machen. Doch es gibt nur sehr wenige Bewohnert, die das ohne Hilfe schaffen.

Aber klar, viele der Senioren haben mit dem Sehen Probleme. Grauer Star, eine altersbedingte Eintrübung der Linse, erschwert vielen Senioren das Sehen.

Zudem haben demente Senioren große Schwierigkeiten mit planvollem Handeln. Sie brauchen hier also ebenfalls Hilfe.

 

 

Da ich nun wieder zurück an meinem alten Tisch bin, übernehme ich wieder das Ausfüllen des Plans. Aber die Bewohnerzusammensetzung am Tisch hat sich im Laufe der Zeit stark geändert. Mittlerweile brauchen die anderen 4 Bewohner alle Hilfe. Es reicht nicht, den Plan 1x vorzulesen. Ich muss tatsächlich mit jedem einzeln sprechen. *seufz *

Frau 1 ist immer gehetzt – schnell da, schnell wenig essen und noch schneller wieder weg. Daher macht die Hauswirtschaftsangestellte den Plan mit ihr. Denn meist bin ich noch gar nicht unten bevor sie schon wieder weg ist.

Frau 2 ist sehr alt und dement. Sie lebt meistens in einer anderen fernen Welt. Je nach Tagsform ist sie gut, kaum oder gar nicht zu erreichen. Da ich sie aber schon jahrelang kenne, weiß ich was ich für sie ankreuzen soll, wenn sie mir keine Antworten gibt. Doch zuerst versuche ich, mit ihr Kontakt aufzunehmen, lese ihr alles vor und warte geduldig, ob sie vielleicht doch einen Wunsch äußert. Heute bekam ich oft die Antwort: „Weiß ich nicht…“, und sie sah mich mit leerem Blick an.

Frau 3 war heute auch nicht gut drauf. Sie las den Plan selber, sah dann etwas dass sie nicht mag und fing prompt an zu weinen. „Keine Pilze! … Keine Pilze! … Tu die Pilze weg!!!“ Ich beschwichtigte sie und sagte: „Ja, das habe ich aufgeschrieben! Aber was wollen Sie denn essen? Die Pilze sind eh nur in der Vorsuppe…“
„Keine Pilze! … Keine Pilze! … Tu die Pilze weg!!!“, wiederholte sie schluchzend. Da nahm ich sie in den Arm und notierte Menü 2.

Zuletzt blieb noch Herr 4. Seine Aufmerksamkeit musste ich erst einmal einfangen. Er ist nicht dement. Er hat einen Hirntumor (glaube ich). Aber dadurch ist er kognitiv sehr eingeschränkt. Doch er kann sich ohne großes Zögern für ein Menü entscheiden. Aber ich muss seineAufmerksamkeit erst einmal einfangen.

Als wir unseren Plan dann fertig ausgefüllt hatten, war ich erst einmal ziemlich geschafft!

Jetzt hatte ich mir meinen Mittagsschlaf sehr verdient!

 

 

Es sind einfach zu viele!

Mein Tischnachbar Herr X. ist oft sehr unzufrieden. Dann jammert er vor sich hin und hofft auf Bestätigung. Da ist er bei mir aber absolut an der falschen Adresse.

Seine Tischnachbarin auf der anderen Seite ist da leichter auf seine Seite zu bringen. Aber sie hört sehr schlecht und bekommt vieles von dem, was er sagt nicht mit.

Herr X. ist in den Endachzigern. Er ist geistig noch ziemlich fit. Er kümmert sich nicht nur um seinen eigenen Papierkram, sondern erledigt auch alle Formsachen für seine Frau. Sie wohnt ebenfalls im Gerhard Tersteegen Haus. Allerdings wohnt sie auf einem anderen Wohnbereich als er. Sie ist schwerstdement und bettlägerig.

Das lässt mich noch schwerer verstehen, wie er letztens sagen konnte: „Es sind einfach zu viele (Demente) hier!“

„Die sollten woanders wohnen! Für sich! So dass sie die anderen Senioren nicht dauernd belästigen! Ich habe mir für meinen Lebensabend auch etwas anderes vorgestellt!“

Ahaaaa, da lag der Hase also im Pfeffer! Langsam begann ich zu verstehen. Jetzt tut er mir langsam Leid!

 

Sie würde ich sofort heiraten!

Herrn L. kenne ich schon seit längerem. In den ersten Jahren, in denen ich im Gerhard Tersteegen Haus wohnte, sah ich ihn oft aus dem Seiden Carré (Betreutes Wohnen) kommen und bei uns das Mittagessen abholen. Er hatte im Seiden Carré mit seiner Frau zusammen eine Wohnung.

Dann wurde seine Frau sehr krank und siedelte zuletzt um ins Pflegeheim, ins GTH. Hier starb sie dann auch vor einigen Jahren.

Dann kam auch Herr L. als Bewohner ins GTH. Er bekam einen Platz im Wohnbereich für verwirrte, demente Bewohner. Das ist keine „geschlossene Station“. So eine haben wir im Tersteegen Haus nicht. Hier können Bewohner von jedem Wohnbereich aus ganz normal das Haus verlassen. Der beschützte Wohnbereich, in dem Bewohner mit schwererer Demenz leben, arbeitet ebenfalls nur mit geschlossenen Türen, nicht mit verschlossenen. Aber oft reicht eine geschlossene Tür, die dementen Bewohner auf der Station zu halten.

Herr L. wandert gerne durch das Haus. Jeden Morgen kommt er im Speisesaal vorbei. Es gab eine Zeit, in der er erbost zu seinem alten Platz kam und zu der Bewohnerin, die jetzt dort sitzt, sagte: „Das ist mein Platz!“ Dass er schon länger nicht mehr unten isst, sondern oben auf seinem Wohnbereich, hatte er dann wieder vergessen.

Seit neuestem hat er vergessen, dass er mal verheiratet war. Letztens sagte er zu mir: „Die sagen mir immer, ich sei verheiratet gewesen!“

„Das waren Sie doch auch“, sagte ich.

„Nein! Wirklich nicht!“, sagte er lauter. „Wir waren höchstens befreundet! Das war eine Freundin!“, sagte er auf die Frage, wer denn dann bei ihm gewohnt habe.

Sie hätte ich sofort geheiratet! … Das könnten wir ja eigentlich immer noch…“, meinte der Schlawiner, „Waren Sie denn mal verheiratet?“

Ich verneinte.

„Wohnen Sie denn hier?“, fragte er.

Ich: „Ja.“

Er: „Haben Sie schon immer hier gewohnt? … Sind Sie hier geboren?“

Ich: „Nein! Ich wurde im Krankenhaus geboren.“

Er: „Waren Sie denn krank?“

Ich: „Nein. Das ist mittlerweile normal so. Hausgeburten sind eher selten.“

Er: „Ach!!!“

So würde es ewig weitergehen, wenn ich mich nicht irgendwann verabschiedete.

Aber morgen ist ein neuer Tag. Dann wird es ähnlich weitergehen. 😉