Es sind einfach zu viele!

Mein Tischnachbar Herr X. ist oft sehr unzufrieden. Dann jammert er vor sich hin und hofft auf Bestätigung. Da ist er bei mir aber absolut an der falschen Adresse.

Seine Tischnachbarin auf der anderen Seite ist da leichter auf seine Seite zu bringen. Aber sie hört sehr schlecht und bekommt vieles von dem, was er sagt nicht mit.

Herr X. ist in den Endachzigern. Er ist geistig noch ziemlich fit. Er kümmert sich nicht nur um seinen eigenen Papierkram, sondern erledigt auch alle Formsachen für seine Frau. Sie wohnt ebenfalls im Gerhard Tersteegen Haus. Allerdings wohnt sie auf einem anderen Wohnbereich als er. Sie ist schwerstdement und bettlägerig.

Das lässt mich noch schwerer verstehen, wie er letztens sagen konnte: „Es sind einfach zu viele (Demente) hier!“

„Die sollten woanders wohnen! Für sich! So dass sie die anderen Senioren nicht dauernd belästigen! Ich habe mir für meinen Lebensabend auch etwas anderes vorgestellt!“

Ahaaaa, da lag der Hase also im Pfeffer! Langsam begann ich zu verstehen. Jetzt tut er mir langsam Leid!

 

Sie würde ich sofort heiraten!

Herrn L. kenne ich schon seit längerem. In den ersten Jahren, in denen ich im Gerhard Tersteegen Haus wohnte, sah ich ihn oft aus dem Seiden Carré (Betreutes Wohnen) kommen und bei uns das Mittagessen abholen. Er hatte im Seiden Carré mit seiner Frau zusammen eine Wohnung.

Dann wurde seine Frau sehr krank und siedelte zuletzt um ins Pflegeheim, ins GTH. Hier starb sie dann auch vor einigen Jahren.

Dann kam auch Herr L. als Bewohner ins GTH. Er bekam einen Platz im Wohnbereich für verwirrte, demente Bewohner. Das ist keine „geschlossene Station“. So eine haben wir im Tersteegen Haus nicht. Hier können Bewohner von jedem Wohnbereich aus ganz normal das Haus verlassen. Der beschützte Wohnbereich, in dem Bewohner mit schwererer Demenz leben, arbeitet ebenfalls nur mit geschlossenen Türen, nicht mit verschlossenen. Aber oft reicht eine geschlossene Tür, die dementen Bewohner auf der Station zu halten.

Herr L. wandert gerne durch das Haus. Jeden Morgen kommt er im Speisesaal vorbei. Es gab eine Zeit, in der er erbost zu seinem alten Platz kam und zu der Bewohnerin, die jetzt dort sitzt, sagte: „Das ist mein Platz!“ Dass er schon länger nicht mehr unten isst, sondern oben auf seinem Wohnbereich, hatte er dann wieder vergessen.

Seit neuestem hat er vergessen, dass er mal verheiratet war. Letztens sagte er zu mir: „Die sagen mir immer, ich sei verheiratet gewesen!“

„Das waren Sie doch auch“, sagte ich.

„Nein! Wirklich nicht!“, sagte er lauter. „Wir waren höchstens befreundet! Das war eine Freundin!“, sagte er auf die Frage, wer denn dann bei ihm gewohnt habe.

Sie hätte ich sofort geheiratet! … Das könnten wir ja eigentlich immer noch…“, meinte der Schlawiner, „Waren Sie denn mal verheiratet?“

Ich verneinte.

„Wohnen Sie denn hier?“, fragte er.

Ich: „Ja.“

Er: „Haben Sie schon immer hier gewohnt? … Sind Sie hier geboren?“

Ich: „Nein! Ich wurde im Krankenhaus geboren.“

Er: „Waren Sie denn krank?“

Ich: „Nein. Das ist mittlerweile normal so. Hausgeburten sind eher selten.“

Er: „Ach!!!“

So würde es ewig weitergehen, wenn ich mich nicht irgendwann verabschiedete.

Aber morgen ist ein neuer Tag. Dann wird es ähnlich weitergehen. 😉