Krieg ist grausam

Sonntagnachmittag hatte mich meine 93-jährige Freundin E. zu Kaffee und Kuchen ins Café im Seidencarré eingeladen. Ich aß mein erstes Stück Pflaumenkuchen in diesem Jahr.

E. hat in letzter Zeit ziemlich abgebaut. Sie sieht sehr schlecht (Makuladegeneration) und hört trotz Hörgeräten schlecht. Ihre Stimme ist sehr schwach. Sie ist brüchig und heiser geworden. Dadurch ist das Zuhören recht anstrengend für mich geworden.

Aber sie hatte viel zu erzählen. Sie spricht jetzt immer mehr von früher. Am Sonntag sprach sie viel über ihren Ehemann. Er starb vor ca. 7 Jahren. Er sei ganz friedlich eingeschlafen. Da hatte er dann endlich mal Glück gehabt, meinte E..

Bild von Baptiste Heschung auf Pixabay

Er hatte nämlich ziemlich viel Pech gehabt in den jungen Jahren seines Lebens. Er wurde zum Krieg eingezogen als er noch sehr jung war. Im Januar hatte er, bereits an der Front, seinen 20. Geburtstag gefeiert. Im März wurde er während eines Manövers von einem Schuss (oder einer Granate?) sehr schwer am Bein verletzt. Das Bein musste versorgt werden. Da es aber an Hilfe fehlte, musste sein Bein schließlich amputiert werden. Die Kameraden hatten nur sehr mangelhafte medizinische Versorgung. Medikamente fehlten. Die Kameraden kamen einer nach dem anderen zu ihm, warfen ihm sämtliche Zigaretten-Vorräte zu, die sie noch hatten.

„Qualm bis du kotzen musst, Junge!“, sagten sie zu ihm, „wir haben nämlich keine Betäubungsmittel mehr!“

Viele große, starke Männer kamen, hielten ihn an Armen und Beinen fest, und einer begann ihm am lebendigen Leibe das Bein abzusägen. Er hatte unmenschliche Schmerzen! Sein Körper bäumte sich auf. Dann verlor er das Bewusstsein.

Diese Szene verfolgte ihn noch in Albträumen so lange er lebte.

E. bekam das mit, wenn ihr Mann laut schreiend und ganz verschwitzt in den Nächten aufwachte.

Mir wurde ganz übel, als sie das erzählte. Auch jetzt beim Schreiben wieder. Was muss der Mann gelitten haben!!! Und seine Ehefrau ebenfalls. Ihn so leiden zu sehen. Furchtbar!