Ich verstehe nur Bahnhof

Ab und zu fällt der Generationsunerschied zwischen mir und meinen Tischgenossen doch deutlich auf

Das gilt besonders bei Witzen.

Das ist ja auch so bei Fremdsprachen. Man versteht schon lange die Sprache. Doch bis man die Witzte versteht, dauert es noch lange.

Da saßen sie also am Frühstückstisch, meine Tischgenossen Alter 90+ und tuschelten und kicherten.

Es machte mich neugierig. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und fragte worum es denn da ginge. Was sei da so lustig?

Die Damen und Herrn blickten verstohlen auf den Boden. Dem ein oder anderen entwich ein unterdrücktes Lachen.

Die mutigste fasste sich ein Herz: „Wir erinnerten uns an einen alten Witz. Als vorhin sagten, es gebe ein Ei zum Frühstück und kurz darauf fragten, wo denn das Salz sei, dachen wir alle an eine alte Redewendung.

Ein Kuss ohne Schnurrbart ist wie ein Ei ohne Salz.

tatoeba.org

Die anderen kicherten schon wieder.

Den Satz hatte ich tatsächlich noch nie gehört.

„Na ja“ , sagte die Mutige : „Damals trugen viele feine Männer einen Schnurrbart.“

So ändern sich die Zeiten und Moden.

Er ist doch noch ein Kind!

„Ich weiß garnicht was ich hier soll. Sie haben mich hier hin geschickt…

“ … dabei sind hier lauter Behinderte…

“ … und an der ersten Tür zur Toilette steht auch „Behinderten WC“ …

“ … warum soll ich da hinein gehen…

“ Ich bin doch nicht behindert!“

Sie war ganz erregt. Früher war sie (Kinder-) Erzieherin gewesen. Sie liebte ihren Beruf. Da sie nie verheirate war konnte sie den auch bis zur Pension ausüben. Sie war nie vom Willen des nie gehabten Ehemannes abhängig.

Als Erzieherin lebte sie ganz für „ihre“ Kinder. Einmal schimpfte eine Kollegin einen durstigen Jungen aus. Sie verweigerte im nachts ein Glas Wasser. Er hatte Durst. Doch in der Nacht zuvor hatte das Bett genässt.

Sie trat ganz entrüstet dem Jungen zur Seite: „Er ist doch noch ein Kind!“. Dann gab sie dem Jungen ein Glas Wasser.

„Wenn ich nachts Durst habe, trinke ich auch einen Schuck Wasser! Sie nicht?“

Und jetzt sollte sie behindert sein?

„Sie haben doch ihren Rollator. Den nehmen Sie doch mit wenn Sie aufs Klo gehen. Dann ist es doch viel angenehmer wenn Sie hierhin gehen. Da haben Sie doch viel mehr Platz“, meinte ich.

„Ja, das stimmt!“, meinte sie ganz erleichtert.

Hanns Dieter Hüsch – Das Phänomen

Hanns Dieter Hüsch rezitiert sein Gedicht
„Das Phänomen“

Dieses 1981 vorgetragene Gedicht stammt von Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) selber. Er hatte es verfasst zu der Zeit, als viele Fremde nach Deutschland kamen.

Wir hatten sie in den 50-ern 60-ern gerufen damit sie uns halfen die Arbeit zu tun die sonst Männer gemacht hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Mangel an Männern groß. Viele deutsche Männer waren im Krieg gefallen und nicht mehr nach Hause zurückgekehrt.

Auch damals war die Angst vor allem Fremden groß.

In dieser Zeit verfasste Hüsch sein Gedicht „Das Phänomen„. Es ist heute genau so passend wie früher.

Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005), von Beruf Kabarettist und vor allem Humanist, hat dieses eindringliche Gedicht 1981 auf seinem Album „Das neue Programm“ veröffentlicht. Wann immer er diesen Text live vorgetragen hat, hielten die Besucher den Atem an und bekamen mindestens eine Gänsehaut.

youtube: Anfang des Links s.u. von Bruno Kassel

Hier der Text zum Mitlesen:

Was ist das für ein Phänomen?
Fast kaum zu hören, kaum zu sehn.
Ganz früh schon fängt es in uns an:
das ist das Raffinierte dran.

Als Kind hat man’s noch nicht gefühlt,
hat noch mit allen schön gespielt.
Das Dreirad hat man sich geteilt,
und niemand hat deshalb geheult.

Doch dann hieß es von oben her:
“Mit dem da spielst du jetzt nicht mehr,
das möcht ich nicht noch einmal sehn!“
Was ist das für ein Phänomen?

Und ist man grösser, macht man’s auch.
Das scheint ein alter Menschenbrauch;
nur weil ein and’rer anders spricht
und hat ein anderes Gesicht.

Und wenn man’s noch so harmlos meint,
das ist das Anfangsbild vom Feind:
“Er passt mir nicht, er liegt mir nicht,
ich mag ihn nicht und find ihn schlicht

geschmacklos und hat keinen Grips –
und ausserdem: sein bunter Schlips!“
Dann setzt sich in Bewegung leis
der Hochmut und der Teufelskreis.

Und sagt man was dagegen mal,
dann heisst’s: „Wer ist denn hier normal,
ich oder er, du oder ich?
Ich find‘ den Typen widerlich!“

Und wenn du einen Penner siehst,
der sich sein Brot vom Dreck aufliest,
dann sagt ein Mann zu seiner Frau:
“Guck dir den Schmierfink an, die Sau!

Verwahrlost bis zum dorthinaus –
ja, früher warf man die gleich raus.
Und heute muss ich sie ernähren,
und unsereins darf sich nicht wehren.

Und auch die Gastarbeiterpest,
der letzte Rest vom Menschenrest,
die sollt’ man alle, das tät gut,
Spießruten laufen lassen bis auf’s Blut!“

Das ha’m wir doch schon mal gehört.
Da hat man die gleich streng verhört,
verfolgt, gehetzt, und für und für
ins Lager reingepfercht, und hier

hat man sie dann erschlagen all!
Die Kinder mal auf jeden Fall.
Die hatten keinem was getan.
Was ist das für ein Größenwahn?


Das lodert auf im Handumdreh’n,
und ist auf einmal Weltgescheh’n.
Denn plötzlich steht an jedem Haus:
“Die Türken und Zigeuner raus!“

Nur weil kein Mensch derselbe ist,
und weiß und schwarz und gelbe ist,
wird er verbrannt, ob Frau, ob Mann.
Und das fängt schon von klein auf an.

Und wenn ihr heute Dreirad fahrt,
ihr Sterblichen, noch klein und zart.
Es ist doch eure schönste Zeit
voll Phantasie und Kindlichkeit.

Lasst keinen kommen, der da sagt,
dass ihm dein Spielfreund nicht behagt!
Dann stellt euch vor das Türkenkind,
dass ihm kein Leids und Tränen sind.

Dann nehmt euch alle an die Hand,
und nehmt auch den, der nicht erkannt,
dass früh schon in uns allen brennt,
das, was man den Faschismus nennt.

Nur wenn wir eins sind überall,
dann gibt es keinen neuen Fall
von Auschwitz bis nach Buchenwald!
Und wer’s nicht spürt, der merkt es bald.

Nur wenn wir in uns alle sehn,
besiegen wir das Phänomen!
Nur wenn wir alle in uns sind:
…fliegt keine Asche mehr im Wind… !

https://www.youtube.com/watch?v=ny8R5XBpNVM

Spähne, Bohnerwachs und Bohner(besen)

Dies ist der letzte Abschnitt von Ulrike Martins Aufzeichnungen.

(c) Ulrike Martin – madoo.net

Waschtag

Was bei uns heute Maschinen (Waschmaschine, Trockner) erledigen war in den 50-er, 60-er Jahren noch echt schwere Arbeit.

(c) Ulrike Martin – madoo.net

Öffentliche Badeanstalt

(c) Ulrike Martin – madoo.net

Das Etagenklo

Vom Plumpsklo wurde schon berichtet. Das Etagenklo war der nächste Schritt der Verbesserung des „stillen Örtchens“.

Lest, was Ulrike Martin darüber erzählt.

Ulrike Martin – madoo.net

Das Plumpsklo

Folgenden Text habe ich auf madoo.net gefunden. Er passt hervorragend zu den Aussagen, die ich manchmal von den Bewohnern höre.

Hier also der erste Abschnitt von Ulrike Martins Aufzeichnungen.

Ulrike Martin madoo.net