Wißmann: „Kultur ist kein Sahnehäubchen“

Menschen mit Demenz soll Würde und Teilhabe im Alltag ermöglicht werden. In folgendem Video spricht Peter Wißmann, Geschäftsführer Demenz Support Stuttgart über dieses Thema:

Am 05.11.2018 veröffentlicht

Kulturelle Angebote eröffnen Menschen Möglichkeiten, um miteinander in Kontakt zu kommen und letztlich Lebensqualität zu empfinden. Dazu sei es nötig, mehr Verrücktes zu wagen jenseits klassischer Betreuungsangebote und alten, demenzbetroffenen Menschen mehr zuzutrauen, so Peter Wißmann, Geschäftsführer Demenz Support Stuttgart im Interview mit der Redaktion.

Ach, Kerlchen…

„Muiii, Muuuiii,…“

Mui, *Luft hol*, Mui, *Luft hol*, Mui, *Luft hol*, … Muiii, Muuuiii,…“

Ich sitze an meinen weit geöffneten Fenstern und lasse die endlich etwas abgekühlte Luft ins Zimmer. Als Dauerbeschallung höre ich meinen Nachbarn rufen. Er ruft schon den ganzen Tag. Er tut mir so Leid. Es ist so Herz erweichend. Ich höre, wie sich zwischendrin ab und zu die Stimme überschlägt. Als sei er im Stimmbruch.

Muiii … Muiii … Muii…

Eben war die Nachtschwester bei mir: „Ich habe ihm jetzt seine Medikamente gegeben. Er wird gleich ruhiger.“

Ich sagte ihr, dass ich bei weit geöffnetem Fenster gesessen habe und ihn hörte: „Ach Kerlchen… musste ich denken“, erzählte ich ihr, „was quält dich nur???“

„Ich glaube das weiß er selber nicht so genau“, meinte die Nachtschwester.

Jetzt ist es ruhig.

Jetzt höre ich nur noch die Jugendlichen, die vor dem Haus auf der Wiese sitzen und sich unterhalten. Ja, die Sommerferien haben begonnen.

Es ist grausam…

Es ist so grausam, Tag und Nacht die Schreie des Nachbarn zu hören.

Die Schreie verändern sich.

Ihr merkt, ich spreche nicht mehr von Rufen. Obwohl er das auch noch tut.

Tag und Nacht.

Die Stimme ist ganz rau geworden. Sie überschlägt sich. Manchmal sind es nur noch Geräusche.

„Waaaaahhhhhhhhhhhhhhh ………….. Muuiiiii…………“

Es klingt so verzweifelt!!!!!!!!!!!!!!

„So hilf mir doch!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! ……………………. Muuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

Mein Herz schmerzt! Könnte ich doch helfen!!!

„Muuiiiiiiiiiii… wo bist du?……….. wo bist du Muddi?“

Es klingt, als würde er weinen.

„WO bist du?………. Mudddddi, Muddi…………….Wo bist du?“

Ich habe einen dicken Kloß im Hals.

„Muddi! … Muddi! … Muddi! … „

Die Stimme überschlägt sich.

„Wo bist du? …………….. Wo bist du? …………….. Wo bist du? …………….. „

Warum hilft ihm denn keiner?

Warum hilft UNS denn keiner?

„Muudddiii!!!!“

Vielleicht eine Lösung? –> Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. (DGGPP)

MUUUDDIII!!! oder TOOOOOOR!!!

MUUUDDIII!!! oder TOOOOOOR!!! – Er oder ich? – Wer ist lauter?

Die WM in Russland ist für mich das Gegenmittel gegen die lauten Rufe meines Nachbarn.

In der ersten Minute: Dänemark macht ein schnelles, unerwartetes TOOOOOR!!!

Der Nachbar ruft: „MUUU-DDIIIII!!!! MUDDIII!!!! …… MUDDIII!!! ……. “

Dann, in der vierten Minute schießt Kroatien tatsächlich auch ein Tor!!! „AYYYYIIIII!!!“, kreische ich!

„MUUUDDIII!!! ….. MUUUDDIII!!! ….. MUUUDDIII!!! ….. …..“, tönt es recht gedämpft durch die Wand.

Mittlerweile ist eine halbe Stunde gespielt. Es gab viele kritische Momente. Aber ein Tor ist noch nicht wieder gefallen.

So… jetzt ist Halbzeit.

Meine TOOORRR!!!-Rufe haben nun erst mal Pause. Und der Nachbar ist momentan auch still. Hoffentlich bleibt es so!!!

KOMM!!! KOMM!!!!!!

Ich dreh hier gleich am Rad!!! Mein Nachbar tut mir ja echt Leid. So ein Ende wünscht sich niemand!

Aber so einen Nachbarn auch nicht!!!

Seit Tagen und Nächten (!) krakeelt er wieder … und wieder … und wieder …

Dann auf einmal ist alles ruhig. Wie zum Beispiel heute Morgen. Ich ertappte mich dabei, zu denken .oO(Er wird doch nicht etwa… )

Plötzlich kam die Pflegerin ins Zimmer. Zeit, aufzustehen… Ich fragte sie: „Der Nachbar hat plötzlich aufgehört zu rufen. Ist alles OK mit ihm?“

„Er wird wohl schlafen… “ , meinte sie.

„Na toll! Jetzt schläft er und heute Nacht macht er mich wieder verrückt!“, sagte ich.

„Wenigstens ist er nicht mehr so laut“, meinte sie.

Wenn sie wüsste!!! Sie sollte mal eine Nacht hier verbringen müssen.

 

Der Schornsteinfeger

pixabay.com – OpenClipart-Vectors

Gestern war endlich mal wieder Gottesdienst im Gerhard Tersteegen Haus. Pfarrer Fricke-Hein sollte den Gottesdienst leiten.

Aber er hatte die Liedblätter vergessen. Also machte er sich noch einmal auf den Heimweg. Daher begann der Gottesdienst fast 30 Minuten später als geplant. In der Zeit waren alle Bewohner, die am Gottesdienst teilnehmen wollten in der Kapelle versammelt und warteten.

Auch die Klavierspielerin, die die Lieder immer am Klavier begleitet, war da. Von ihr erfuhr ich, dass der Gottesdienst ½ Stunde später stattfinden sollte und auch warum.

„Vielleicht sagst du das auch den Bewohnern. Sie werden sonst unruhig. Eine Frau ist auch schon gegangen“, meinte ich zu ihr.

„Stimmt! Das könnte ich machen“, sagte sie. Sie stand auf und wandte sich an die Senioren.

Man merkte förmlich, wie sich die Stimmung im Raum entspannte.

Doch nicht bei allen war das so. Frau T. fragte ihre Nachbarin: „Was ist mit dem Schornsteinfeger?“

„Schornsteinfeger??? Ach, nichts“, antwortete Frau L..

Es vergingen einige Minuten. Dann fragte Frau T. ganz unruhig: „WAS war das mit dem Schornsteinfeger??“

„Der kommt morgen. Heute ist Sonntag“, sagte Frau L..

Das wiederholte sich noch 2 mal. Da rollte ich zu Frau T. und erklärte ihr: „Wir warten auf den Pfarrer. Er holt nur noch die Liedblätter.“

„Ach so… und was ist mit dem Schornsteinfeger?“, fragte sie dann wieder ganz besorgt.

Einige Minuten später hörte ich, wie sie Frau L. erzählte: „Mein Mann war nämlich Schornsteinfeger!“

Muuuuuddiiiii….. hilf mir

Er schreit so erbärmlich…

Mein Herz blutet…

„Muuuddiiii…. hilf mir!“

Die Uhr zeigt 23:42 …

Er holt Luft…

„MUUUUUDDDIIII…. ICH KOMM HIER NICH RAUS!!! ….. MUUUUUDDDIIII…. MUUUUUDDDIIII….“

„Ich kann nicht schlafen! … Ich muss trinken!! … Hilfe! … Hilfe!! … HIIIIILFEEEEE!!!“

Er tut mir so Leid.

Aber ich mir auch.

„HIIIILLLFFFEEEEE … HIIIILFEEEEEEE !!!!!“

Jetzt ist die Nachtschwester bei ihm.

Aber ich bin auch so müde!

Ich geh jetzt einfach ins Bett und hoffe, dass er sich beruhigt!