Demenz – Das große Vergessen

Die Süddeutsche Zeitung hat einen Podcast über Demenz mit interessanten Stimmen zum Thema gemacht:
Ehefrau eines Mannes, der mit Mitte 70 an Demenz erkrankt | Wissenschaftler | Redakteur der SZ

Es ist sehr interessant. Es lohnt sich die 38 Minuten Podcast ganz zu hören.

Süddeutsche Zeitung

Über den Mund fahren

Manchmal könnte ich schreien…

Sagen: „Nun lass sie doch mal!“

Aber sie gibt ihr gar keine Chance,

fährt ihr einfach über den Mund.

OK, sie ist eben schneller.

Sie holt sich ihre Kraft

indem sie sich um ihre Zimmergenossin (Y) „kümmert“

O-Ton: „Ohne mich käme sie gar nicht zurecht!“

Ihr Selbstwert wird für sie dadurch gesteigert, dass sie „hilft“.

Wo Y tatsächlich Hilfe braucht, ist räumliche Orientierung.

Beide Damen sind 90+ Jahre alt.

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Vielleicht bin ich mit meinen 55 Jahren einfach zu streng.

Nicht nur streng, auch unwissend, ignorant.

Das merkte ich, als ich mit einer Pflegerin über Demenz sprach.

Die Pfleger|innen sind sehr gut ausgebildet. Mit ihrem Fachwissen kann ich nicht mithalten. Zudem haben sie Berufserfahrung.

Dornröschenschlaf

Vergangene Woche gab es ganz unerwartet ein wunderbares Tischgespräch.

Eine sonst stets schweigsame, zurückgezogene Bewohnerin des Tisches taute regelgerecht auf und erzählte uns von ihrem Beruf früher.

Was früher einmal war, daran erinnert sich der demente Mensch am besten.

Die Zimmermitbewohnerin (sie haben ein Doppelzimmer) half Frau Z immer wieder auf die Sprünge wenn sie stockte.

Bild von Jo Justino auf Pixabay

Viele Bewohner sind mehr oder weniger dement. Aber beim Gespräch über den Beruf, den sie früher ausgeübt haben, erwachen sie aus ihrem Dornröschenschlaf.

Frau Z war niemals verheiratet. Der etwaige Bräutigam war der Mutter nie gut genug. So waren Frau Z und ihre Schwester nie vermählt.

Der Bruder schon. Er schenkte der Mutter drei Enkelkinder. Das sind die heißgeliebten Neffen der Schwestern. Diese Neffen besuchen ihre Tante Frau Z treu einmal wöchentlich hier im Gerhard Tersteegen Haus in Krefeld. Die Neffen selber wohnen in den Niederlanden.

Ach, ich komme von X nach U. Für heute soll es das gewesen sein. Es ist eben auch für mich eine interessante Geschichte.

Sie weint jämmerlich

Durch die Zimmertür, die fest schließt und viele Geräusche schluckt, hörte ich eine weinerliche kindliche Stimme. Mit ihr war eine „normale“ Stimme.

Das zog sich eine ganze Weile hin. Da drängte es mich, doch mal nachzuschauen. Warum schlichen die beiden draußen so lange herum? Ganz normal war das nicht.

Als ich auf den Flur kam, hörte ich die beiden, sah jedoch niemanden. Ich folgte den Stimmen. Schnell fand ich das Paar. Es war eine völlig überforderte Dame. Die zweite Dame hatte hüftlanges, graues, zerzaustes Haar. Sie redete etwas Unverständliches, Trauriges vor sich her. Sie wirkte sehr bedrückt.

Mittlerweile habe ich ähnliches schon viele Male gesehen. Ich hatte auch gesehen, wie die Pfleger in solchen Momenten mit den verwirrten Bewohnern umgehen.

Ich rollte mit meinem Rolli ganz nah an die unglückliche Dame heran. Ich nahm ihre Hände in meine und fragte: „Was ist denn los?“

Sie stammelte wirr und traurig: „Wo ist meine Mami… sie wollte doch kommen…wo…?“ Sie schluchzte herzerweichend.

Ich meinte ganz entschlossen: „Dann müssen wir nur zu dir nach Hause gehen! Vielleicht ist sie ja schon da und wartet auf dich.“

Sie wisse aber nicht, wo das sei, schluchzte sie jämmerlich. „Ich schon“ , sagte ich ganz resolut, „Wir müssen nur mit dem Aufzug eine Etage nach unten fahren.“

„Ich fahre nicht mit dem Aufzug. Besser Treppe. Komm… “ , zog sie mich Richtung Treppenhaus.

„Ich kann aber nicht Treppen gehen. Ich sitze doch im Rollstuhl!“

Wir drehten noch eine kleine Runde im Treppenhaus. Schließlich kamen wir wieder am Aufzug vorbei. Ich drückte einfach auf den Knopf, den Aufzug zu holen. Kurze Zeit darauf war er schon da. Er war leer. Innen auf allen Seiten mit Spiegeln ausgestattet, kam er mir vor wie ein Schlosssaal.

„Darf ich ins Schloss bitten, Gnädigste?“ , bot ich ihr meinen angewinkelten Arm an.

Sie war einfach überrumpelt und ging mit! Nach kürzester Zeit hatten wir ihren Wohnbereich erreicht. Ein Pfleger nahm sie mir ab.

Die dicke Frau

Herr Z. ist immer wieder mal für einen Lacher gut. Dabei ist er dem Artillerie-Feuer ganz ähnlich, keine Rücksicht auf Verluste.

Ich fuhr nach dem Mittagessen mit dem Aufzug zurück auf meinen Wohnbereich. Die Tür öffnete sich wieder. Ich rollte hinaus.

Da saß Herr Z. vor der Tür und meinte: „Da ist sie ja, die dicke Frau.“

Er lachte und strahlte mich an.

Singen gegen das Vergessen

Heute lasse ich den Film sprechen. Ein ganz außergewöhnliches Program, der Demenzchor von Annette Frier.

Junge, komm bald wieder

Das ist das Lieblingslied von Herrn Z. Wenn ich das Lied anstimme, wird er langsam lebendig. Heute Morgen saß er ganz in sich versunken. Er rieb die Hände aneinander. Ihm war kalt. Er sah ganz erbärmlich aus.

„Guten Morgen, Herr Z.“, er sah mich an. Ein kleines Lächeln ließ sein starres Gesicht lockerer werden.

„Was ist los?“, fragte ich.

„Mir ist kalt“, antwortete er.

„Nun, da hilft nur eins. Wir werden uns warm singen!“, meinte ich.

„Aber was denn?“, fragte er müde.

„Junge, komm bald wieder…“, stimmte ich ein.

Er wurde langsam wach. Sein Gesicht entspannte sich. „komm, bald wieder nach Haus“, erst ganz leise, doch er wurde wacher und dann auch lauter, sang er glücklich mit.

Er kennt den ganzen Text!

Er sang glücklich den ganzen Song.

JUNGE KOMM BALD WIEDER SONGTEXT

„Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus
Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus

Ich mach mir Sorgen, Sorgen um dich
Denk auch an morgen, denk auch an mich

Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus
Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus

Wohin die Seefahrt mich im Leben trieb
Ich weiß noch heute, was mir Mutter schrieb
In jedem Hafen kam ein Brief an Bord
Und immer schrieb sie: „Bleib nicht solange fort“

Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus
Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus

Ich weiß noch, wie die erste Fahrt verlief
Ich schlich mich heimlich fort, als Mutter schlief
Als sie erwachte war ich auf dem Meer
Im ersten Brief stand: „Komm doch bald wieder her“

Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus
Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus

Ich mach mir Sorgen, Sorgen um dich
Denk auch an morgen, denk auch an mich

Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus
Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus.“

Musik vermag die Leute zu berühren, zu beruhigen, egal wie weit weg sie vorher schienen.

Es gibt eine interessante Homepage zu dem Thema: Musik und Demenz

„Junge, komm bald wieder…“

Demenz Pflegende leiden oft mehr als Erkrankte

Original von Redaktion Vorsorgeportal 

ausgestrahlt 04.12.2012 vom MDR

 

Die Demenz von älteren Menschen ist oft eine schwere Belastung – vorallem für das Umfeld der Betroffenen. Viele von Ihnen werden krank und leiden unter Depressionen.

Schmerzerfassung bei Demenz

E-Training – PAIC 15
Das Beobachten und Bewerten von Verhaltensweisen, die womöglich auf Schmerzen hindeuten, ist oftmals schwierig. Vor allem zu Beginn bedarf es ein wenig Übung, um Sicherheit im Umgang mit der Schmerzbewertung zu erlangen.

Um Sie hierbei zu unterstützen, haben wir ein E-Training entwickelt, welches Sie im Umgang mit der PAIC 15 Skala schult. Anhand einiger Beispielvideos lernen Sie dann auch ganz praktisch, die PAIC 15 Skala einzusetzen. Das E-Training ist kostenlos und dauert etwa 30 – 45 Minuten.

Hier geht’s zum Training

Wenn ich dement werde…

Dieses Video zum Thema Demenz muss ich mit euch teilen:

 

Video von:

DieHesseAusBreche
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„Verfasser des Gedichtes unbekannt.

Alles Bilder sind von mir 😉

Viel spaß 😉 “ , wünscht „DieHesseAusBreche“