Sie wirkt so verloren

Ende November letztes Jahr schrieb ich schon einmal über Frau Kv.. Damals schlurfte sie über den Flur, hin und her. Auf die Frage, wohin sie denn wolle, antwortete sie: „Ich weiß nicht… “ Seitdem sehe ich sie immer wieder einmal auf der Suche nach…???

Letztens kam sie nach unten in den Speisesaal. Sie lahmte, die Füße über den Fußboden schiebend, am Frühstücksbüfett entlang. Dann schlug sie die Richtung zum Tisch ein, an dem sie früher immer saß. Das war ganz auf der anderen Seite des Speisesaals, von mir aus gesehen. Daher konnte ich nicht sehen, was dort passierte.

Doch es dauerte nicht lange, da wankte sie wieder zum Büfett. Ich fühlte mit ihr. Sie war unglücklich und verloren, wusste nicht was sie wollte, was sie sollte.

Frau T. fragte sie: „Was suchen Sie denn?“

Keine gute Frage. Das wusste Frau Kv. doch selber nicht.

Ich schaltete mich ein: „Frau Kv., sie müssen wieder mit dem Aufzug nach oben auf die 2 fahren. Dort bekommen sie jetzt ihr Frühstück.“

Frau Kv. guckte mich ganz hilflos an: „Auf die 2? Was soll ich da?“

Frau T. fragte mich: „Wohnt sie auf Wohnbereich 2?“

„Genau!“, sagte ich.

Frau T. wandte sich Frau Kv. zu: „Ich wollte eh gerade hoch fahren. Da können wir ja zusammen fahren.“ Sie hatte die Lage erkannt und sagte genau das Richtige! Die beiden Damen verschwanden gemeinsam.

Nachmittags, ich kam gerade vom Einkaufen zurück, begegnete ich Frau Kv. wieder. Ich stand am Aufzug, wollte gerade auf meinen WB fahren. Als der Aufzug im Erdgeschoss ankam und sich die Tür öffnete, kam Frau Kv. aus dem Aufzug.

„Hallo Frau Kv.. Müssen Sie hier unten etwas erledigen? Oder wollen Sie mit mir nach oben fahren?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht… wollte ich unten etwas? Ach… ich fahre mit Ihnen“, sie war wieder ganz desorientiert.

Als wir oben ankamen, merkte ich schnell, dass ich sie besser nicht sofort alleine lassen sollte.

„Und was soll ich jetzt hier?“, fragte Frau Kv..

„Wollen wir gemeinsam ‚Mensch ärgere dich nicht‘ spielen?“, fragte ich sie. Ich weiß, dass sie das gerne spielt. Sie spielt es auch manchmal mit einer Bekannten.

Frau Kv. fragte: „Wollen wir?“

„Wollen SIE?“, fragte ich sie.

„Ja!“, sagte sie.

„Dann folge Sie mir bitte ganz unauffällig!“, sagte ich lachend zu ihr. Auf dem WB steht in einer Ecke das große ‚Mensch ärgere dich nicht‘-Spiel. Dort wollte ich hin.

Dort angekommen, nahmen wir am Tisch platz. Jeder sucht seine Spielfarbe aus. Und los ging es. Das Spiel dauerte ziemlich lang. Zum Schluss hatte jeder 3 Spielfiguren im Ziel. Wem würde es zuerst gelingen, die vierte Figur ans Ziel zu bringen? Zuletzt stand jede von uns mit der vierten Figur vor dem Ziel. Jetzt ging es nur noch darum, wer mehr Würfelglück haben würde.

Dann schaffte es Frau Kv.!

Daniel Rohr liest «Lieber Alois»

Der von Michael Schmieder verfasste Text, der in seinem Buch «Dement, aber nicht bescheuert» in einer etwas längeren Version abgedruckt worden ist, für einmal als Hörvideo: Daniel Rohr, renommierter Schauspieler und Leiter des Zürcher Theater Rigiblick versteht es ausgezeichnet, den fein gesponnenen und ironischen, zuweilen auch tragisch-komischen Inhalt des Briefes an Alois Alzheimer zu interpretieren. Dieses Video finden Sie auf der neuen Website alzheimer.ch

 

Ich weiß nicht…

Ich höre sie, wie sie mit schlurfenden Schritten über den Flur wandert, durch meine geschlossene Zimmertür höre ich sie.

Kurz darauf höre ich sie wieder, wenn sie zurückläuft.

Dann höre ich eine Zeit lang nichts mehr.

Doch, ist sie das? Die schlurfenden Schritte kommen näher, werden lauter.

Ich entschließe mich die Tür zu öffnen.

„Hallo Frau Kv!“, spreche ich sie an, „Suchen Sie etwas?“

„Ich weiß nicht…“, antwortet sie.

„Wo wollen Sie denn hin?“, frage ich.

„Ich weiß nicht…“, sagt sie wieder.

„Suchen Sie den kleinen Speisesaal?“, mutmaße ich.

„Ich weiß nicht… ach… ich weiß gar nichts mehr…“, sie ist ganz verzweifelt.

„Kommen Sie mal mit. Wir gehen mal in den kleinen Speisesaal. Dort können Sie sich mit anderen Bewohnern unterhalten, ein wenig plaudern“, ich fahre mit meinem Rolli voran. Sie kommt mit ihrem Rollator hinter mir her.

„Ach… es wird alles immer schlimmer… ich weiß gar nichts mehr…“, sie ist so unglücklich.

Wir erreichen den kleinen Speisesaal. Dort treffen wir auf Frau A.. Sie ist auch sehr verwirrt. Es fällt ihr schwer, zusammenhängende Sätze zu bilden. Sie irrt mit ihrem Rollator durch den kleinen Speisesaal, bleibt immer wieder an Tischbeinen hängen.

„Und was soll ich jetzt hier?“, fragt Frau Kv..

„Vielleicht möchten sich die Damen zusammen an einen Tisch setzen und sich etwas unterhalten?“, schlage ich vor. Ich bin definitiv mit meinem Latein am Ende. Ich habe zum Umgang mit Dementen nichts gelernt. Ich kann nur freundlich sein, Hände halten, beruhigend Arme und Hände streicheln.

Frau Kv. wandert weiter. Sie geht in Richtung ihres Zimmers.

„Halt! Wa..wa…warten… Wohin? Halt!“, Frau A. trippelt hinter ihr her.

Ich begebe mich wieder in mein Zimmer. Das hier ist keine Formel, keine Gleichung, die ich lösen kann. Das hier ist viel komplizierter. Hier hilft nur Menschlichkeit, Zuwendung. Ich habe mein bestes gegeben.

Demenz kann so grausam sein, gerade am Anfang, wenn die Betroffenen ihre Veränderung noch so klar mitbekommen.

Virtual Reality für Demenzkranke

Mittlerweile ist VR (= Virtual Reality) nichts unbekanntes mehr. Das Helios Cäcilien-Hospital in Krefeld-Hüls startet nun einen Versuch mit Demenzkranken im Anfangsstadium der Erkrankung und VR.

2 – 3 Mal pro Woche sehen Demenzpatienten mit VR-Brillen in die Vergangenheit.

Der Sender WDR5 Leonardo hat darüber berichtet:  >>klick<<

Ausführlicher kann man dazu auch >>hier<< lesen.

Überhaupt wird VR in der Wissenschaft vielfach eingesetzt. Der WDR hat dazu eine sehr interessante Reportage zusammengestellt!

Klickt euch mal durch meine Links. Es lohnt sich!

Jetzt ist es bald so weit

„Jetzt ist es bald so weit… bald bin ich auch ganz plemplem!“, sagte Frau Ga. gestern am Mittagstisch und winkte mit offener Hand vor ihrem Gesicht hin und her. „Wirklich!“, sie wirkte ganz entsetzt mit sich.

U. und ich blickten sie ganz aufmerksam an. Was meinte sie nur?

„Wieso? Was ist passiert?“, fragte U..

„Ach…“, seufzte Frau Ga.: „Fast wäre ich gar nicht runter gekommen…“ Sie war immer noch fassungslos.

„Wieso das denn?“, fragte ich, um mehr zu erfahren.

„Ach… ich war im Badezimmer. Dann war ich fertig. Ich machte das Licht aus. Und ZACK… es war ganz dunkel!“

Sie hatte wohl das Deckenlicht gar nicht eingeschaltet nur die Lampe überm Waschbecken. Die läßt sich nur im Bad ein- und ausschalten. Das Deckenlicht schaltet man draußen ein und aus. Hat man das Deckenlicht nicht eingeschaltet und hat im Bad nur das Licht über dem Waschbecken an, dann wird es in der Tat stockfinster, wenn man dieses löscht.

„Was haben sie dann gemacht?“, fragte U. teilnahmsvoll.

„* seufz * Es war stockfinster!!!“, Frau Ga. sagte das so, als wolle sie sagen ‚So eine Unverschämtheit!‘

„… es war also total dunkel. Da fand ich den Weg nicht mehr zur Tür! Und die Strippe der Klingel konnte ich auch nicht sehen! Ich war wie gefangen!“, ihr war immer noch unheimlich, als sie uns davon erzählte.

„Ja… und dann???“, U. konnte sich den Schock lebensnah vorstellen.

„Dann hatte ich Glück! Ich rief und eine der Schwestern hörte mich tatsächlich und brachte mich dann nach unten!“

Das war wirklich noch mal gut gegangen, denn Frau Ga. hat nur ein schwaches, kleines Stimmchen. Es ist ein Wunder, dass sie gehört wurde!

„Ja… jetzt ist es bald so weit“, murmelte Frau Ga..

Vergesslichkeit: Nicht immer eine Demenz

Altersdemenz

Was bedeutet Demenz für Betroffene?

Dieser Frage stellte sich Sabrina Maar, Auszubildende in der Altenpflege. Sie schrieb dazu das Gedicht „Namenlos“ und trug es beim fünften „Care Slam“ in Berlin-Friedrichshain vor.

Der Care Slam ( = „Sorgenschlacht“), soll der Pflege eine Stimme geben, so Yvonne Falckner, die die Veranstaltungsreihe vor einem Jahr ins Leben rief.