Gedanken einer Demenz-Patientin

Eine Alzheimer-Patientin erzählt in der Sendung Panorama 3 des NDR von ihren Gedanken über ihre Erkrankung.

„Was, wenn man nicht krank wäre, wenn man gesund wäre? Würde man das würdigen können?“ – Hannelore Hofsommer hat Alzheimer. Wie eine Million anderer in Deutschland. Die Krankheit ist bis heute nicht heilbar, das Fortschreiten der Symptome lässt sich nur hinauszögern. Mit Panorama 3 hat sie über den Umgang mit Demenz gesprochen.

Es sind einfach zu viele!

Mein Tischnachbar Herr X. ist oft sehr unzufrieden. Dann jammert er vor sich hin und hofft auf Bestätigung. Da ist er bei mir aber absolut an der falschen Adresse.

Seine Tischnachbarin auf der anderen Seite ist da leichter auf seine Seite zu bringen. Aber sie hört sehr schlecht und bekommt vieles von dem, was er sagt nicht mit.

Herr X. ist in den Endachzigern. Er ist geistig noch ziemlich fit. Er kümmert sich nicht nur um seinen eigenen Papierkram, sondern erledigt auch alle Formsachen für seine Frau. Sie wohnt ebenfalls im Gerhard Tersteegen Haus. Allerdings wohnt sie auf einem anderen Wohnbereich als er. Sie ist schwerstdement und bettlägerig.

Das lässt mich noch schwerer verstehen, wie er letztens sagen konnte: „Es sind einfach zu viele (Demente) hier!“

„Die sollten woanders wohnen! Für sich! So dass sie die anderen Senioren nicht dauernd belästigen! Ich habe mir für meinen Lebensabend auch etwas anderes vorgestellt!“

Ahaaaa, da lag der Hase also im Pfeffer! Langsam begann ich zu verstehen. Jetzt tut er mir langsam Leid!

 

Sie würde ich sofort heiraten!

Herrn L. kenne ich schon seit längerem. In den ersten Jahren, in denen ich im Gerhard Tersteegen Haus wohnte, sah ich ihn oft aus dem Seiden Carré (Betreutes Wohnen) kommen und bei uns das Mittagessen abholen. Er hatte im Seiden Carré mit seiner Frau zusammen eine Wohnung.

Dann wurde seine Frau sehr krank und siedelte zuletzt um ins Pflegeheim, ins GTH. Hier starb sie dann auch vor einigen Jahren.

Dann kam auch Herr L. als Bewohner ins GTH. Er bekam einen Platz im Wohnbereich für verwirrte, demente Bewohner. Das ist keine „geschlossene Station“. So eine haben wir im Tersteegen Haus nicht. Hier können Bewohner von jedem Wohnbereich aus ganz normal das Haus verlassen. Der beschützte Wohnbereich, in dem Bewohner mit schwererer Demenz leben, arbeitet ebenfalls nur mit geschlossenen Türen, nicht mit verschlossenen. Aber oft reicht eine geschlossene Tür, die dementen Bewohner auf der Station zu halten.

Herr L. wandert gerne durch das Haus. Jeden Morgen kommt er im Speisesaal vorbei. Es gab eine Zeit, in der er erbost zu seinem alten Platz kam und zu der Bewohnerin, die jetzt dort sitzt, sagte: „Das ist mein Platz!“ Dass er schon länger nicht mehr unten isst, sondern oben auf seinem Wohnbereich, hatte er dann wieder vergessen.

Seit neuestem hat er vergessen, dass er mal verheiratet war. Letztens sagte er zu mir: „Die sagen mir immer, ich sei verheiratet gewesen!“

„Das waren Sie doch auch“, sagte ich.

„Nein! Wirklich nicht!“, sagte er lauter. „Wir waren höchstens befreundet! Das war eine Freundin!“, sagte er auf die Frage, wer denn dann bei ihm gewohnt habe.

Sie hätte ich sofort geheiratet! … Das könnten wir ja eigentlich immer noch…“, meinte der Schlawiner, „Waren Sie denn mal verheiratet?“

Ich verneinte.

„Wohnen Sie denn hier?“, fragte er.

Ich: „Ja.“

Er: „Haben Sie schon immer hier gewohnt? … Sind Sie hier geboren?“

Ich: „Nein! Ich wurde im Krankenhaus geboren.“

Er: „Waren Sie denn krank?“

Ich: „Nein. Das ist mittlerweile normal so. Hausgeburten sind eher selten.“

Er: „Ach!!!“

So würde es ewig weitergehen, wenn ich mich nicht irgendwann verabschiedete.

Aber morgen ist ein neuer Tag. Dann wird es ähnlich weitergehen. 😉

Kaffeekränzchen der etwas anderen Art – Was demente Bewohner so bewegt

ursprünglich erschienen

Nun starte ich noch einmal den Versuch von meinem etwas anderen Kaffeekränzchen gestern Nachmittag zu erzählen.

Das Heim hat einen wunderbaren, großen Innenhof mit Garten. Er grenzt direkt an den Speisesaal an. Von dort gehen zwei Türen auf die Terrasse hinaus, auf der auch einige kleine Tische mit Stühlen stehen.

So rollte ich zur Kaffeezeit also gestern durch den Speisesaal auf die Terrasse, um meinen Kaffee dort zu trinken. Am Tisch rechts von mir hatte bereits eine rüstige, alte Dame mit ihrem Strickzeug Platz genommen. Sie strickt Socken und Hausschuhe, die sie auf dem Ende Juni stattfindenden Sommerfest verkaufen will. Kurz darauf setzten sich zwei demente Damen an ihren Tisch. Die strickende Dame, Frau S., ist sehr beliebt bei den dementen Bewohnern. Sie kann sehr gut mit ihnen umgehen. Außerdem wohnt sie schon viele Jahre im Heim und ist so ein bekanntes Gesicht.

Ich an meinem Tisch spielte mit meinem Smartphone und lauschte.

Frau E. erzählte, sie habe vor kurzem etwas unheimliches erlebt. Da sei ein Tier in ihrem Zimmer gewesen! Es konnte fliegen!

Was das denn für ein Tier gewesen sei, fragte Frau S..

„Na, eine Mückenfliege!“, meinte Frau E.

„Eine Mücke? Eine Fliege?“, fragte Frau S. verwirrt.

„Nein, nein! Eine Mückenfliege! Die gibt es! Sie hatte etwas von einer großen Mücke. Aber sie konnte fliegen wie ein Brummer!“

Wenn Frau E. etwas erklärt, klingt das immer ganz bestimmt und logisch… ist es aber eher weniger. 😀

Derweil war ihre Freundin unruhig. Sie fragte, wann denn der Gottesdienst sei. Dann sagte sie, sie müsse jetzt gehen. Sie wirkt immer gehetzt, getrieben. Sie war so unruhig, dass die beiden Freundinnen die Terrasse bald verließen.

Da nahm auf der anderen Seite der Terrasse ein dementes Ehepaar Platz. Sie ist geistig verwirrter als er. Sie ist auch eine „Getriebene“, ständig unterwegs, muss vom Pflegepersonal immer wieder „eingefangen“ werden. Die beiden unterhielten sich auch sehr realitätsfern. Sie hatte immer Angst, dass er mit seinem Rollator fallen könnte. Er solle ihn fest machen! Er beteuerte immer wieder, das habe er gemacht. Eine anstrengende Unterhaltung, die damit endete, dass er das Weite suchte.

Es gibt viele demente Bewohner hier. Vielen habe ich das am Anfang nicht angemerkt. Doch langsam schärft sich mein Blick, lerne ich mehr davon kennen. Doch egal in welcher Ausprägung sie die Krankheit haben, sie sind alle liebenswert! Mein Herz geht auf, wenn ich sie sehe, an sie denke!

Reality-Show live

ursprünglich veröffentlicht

Es passiert eine Menge hier im Haus. Doch die zwischenmenschlichen Begegnungen machen das Ganze interessant. So geschieht es, dass sich Menschen zusammenfinden und Freundschaften knüpfen, verfeinden, verlieben, miteinander lachen und weinen, Geschichten austauschen. Wir haben hier so zu sagen die Reality-Show live, im Speisesaal, im Garten, bei den einzelnen Veranstaltungen. Hier ist immer etwas los!

Auch die Polizei ist ab und zu mal im Haus. Wie zum Beispiel letztens, als eine demente Bewohnerin aus dem Haus weglief und die Nachtschwester die Polizei rufen musste, um sie zu suchen und wieder nach Hause zu bringen. Denn das Weglaufen demenzbetroffener  Menschen kann katastrophale Folgen haben.

Zuerst musste die Polizei das ganze Heim durchsuchen. Dazu musste sie in alle Zimmer, mitten in der Nacht. Als sie dort nicht fündig wurde, setzten die Beamten die Suche draußen fort. Es dauerte eine ganze Zeit lang, bis sie die Dame fanden und sie zurückbringen konnten. Sie war schon recht weit gekommen! Gott sei Dank war sie wohlauf und es war ihr nichts passiert.

Wegweiser Demenz

Reality-Show live

Ursprünglich veröffentlicht Mai 26, 2014

Es passiert eine Menge hier im Haus. Doch die zwischenmenschlichen Begegnungen machen das Ganze interessant. So geschieht es, dass sich Menschen zusammenfinden und Freundschaften knüpfen, verfeinden, verlieben, miteinander lachen und weinen, Geschichten austauschen. Wir haben hier so zu sagen die Reality-Show live, im Speisesaal, im Garten, bei den einzelnen Veranstaltungen. Hier ist immer etwas los!

Auch die Polizei ist ab und zu mal im Haus. Wie zum Beispiel letztens, als eine demente Bewohnerin aus dem Haus weglief und die Nachtschwester die Polizei rufen musste, um sie zu suchen und wieder nach Hause zu bringen. Denn das Weglaufen demenzbetroffener  Menschen kann katastrophale Folgen haben.

Zuerst musste die Polizei das ganze Heim durchsuchen. Dazu musste sie in alle Zimmer, mitten in der Nacht. Als sie dort nicht fündig wurde, setzten die Beamten die Suche draußen fort. Es dauerte eine ganze Zeit lang, bis sie die Dame fanden und sie zurückbringen konnten. Sie war schon recht weit gekommen! Gott sei Dank war sie wohlauf und es war ihr nichts passiert.

Wegweiser Demenz

Streit um abgelegene Dörfer für Demenzkranke

Am 08.05.2015 veröffentlicht

Zur Betreuung und Pflege von Demenzkranken gibt es in Deutschland erste „Demenzdörfer“. In diesen Einrichtungen soll den Erkrankten in einem Maße Sicherheit und Bewegungsfreiheit ermöglicht werden, was sie in konventionellen Heimen nicht finden. „Demenzdörfer“ liegen meist abseits, dort, wo bauen preiswert ist. Die Betreiber werden hart kritisiert: Inklusion sei da nicht möglich, die Kranken würden einfach abgeschoben. Obwohl gerade die dort alles finden, was sie brauchen.
Dieser knapp 8 Minuten dauernde Film zeigt Stimmen, die für und gegen ein Demenzdorf vor den Toren der Stadt sprechen. Sehr interessant!