Muuuuuddiiiii….. hilf mir

Er schreit so erbärmlich…

Mein Herz blutet…

„Muuuddiiii…. hilf mir!“

Die Uhr zeigt 23:42 …

Er holt Luft…

„MUUUUUDDDIIII…. ICH KOMM HIER NICH RAUS!!! ….. MUUUUUDDDIIII…. MUUUUUDDDIIII….“

„Ich kann nicht schlafen! … Ich muss trinken!! … Hilfe! … Hilfe!! … HIIIIILFEEEEE!!!“

Er tut mir so Leid.

Aber ich mir auch.

„HIIIILLLFFFEEEEE … HIIIILFEEEEEEE !!!!!“

Jetzt ist die Nachtschwester bei ihm.

Aber ich bin auch so müde!

Ich geh jetzt einfach ins Bett und hoffe, dass er sich beruhigt!

 

Hilf mir doch! Hilf mir!!

Das Sprichwort: „Schlimmer geht immer!“ hat sich bewahrheitet. Mein Nachbar ist stimmlich aktiver denn je. Jetzt hat er den Text seiner Rufe geändert. Und der geht wirklich ans Herz!

„Muddi… Muddi… Hilf mir! Hilf mir!! So hilf mir doch!!!

„Hilf mir! Hilf mir!!“

„Hilf mir! Hilf mir!! … Hilf mir! Hiiiiiiilf mir!!“

Lauter, immer lauter werden die Rufe bis sich die Stime überschlägt.

„Muuuu….diiii….. So hilf mir doch!!!“

Das greift mir ans Herz! Es ist so traurig!

„Muddi….. hilf mir doch… hilf mir!“

Es macht mich fertig. Warum lässt uns Gott so alt werden, dass Demenz kein Einzelfall mehr ist?

„Muddi… bit~te hilf mir!“

Bei „bitte“ bricht die Stimme kläglich weg, bricht mitten im Wort.

Schreien oder Rufen: Eine echte Herausforderung für Pflegende. Vortrag von Hans-Werner Urselmann

Hunger!

Um 0:24 Uhr tönte es plötzlich laut:

„Muddi! … Muuuuu-diiii! … Ich will was essen!!!!! … Muuuuu-diiii!!! … Ich habe Hunger!!!“

„Hunger!!!“

„HUUUUUUN-GER!!! ICH WILL WAS ESSEN!!!“

„EEEEESS-SSEN!!!

„HUN-GER …… HUN-GER … HUN-GER .. HUN-GER  . HUN-GER HUN-GER HUN-GER“

Immer schneller und lauter wiederholte sich das Wort. Ich läutete nach dem Nachtdienst. Derweil geriet der Nachbar in eine Art Rausch.

Dann erschien der Nachtdienst. Er fragte mich, ob ich etwas brauche.

„ICH nicht. Aber der Nachbar!“

Dann erschien eine weitere Pflegerin, die Nachtdienst auf einem anderen WB hatte. Zu zweit besänftigten sie den Bewohner.

Ich war mittlerweile so KO, dass mich einfach einschlief.

Morgens um halb 6 ging es wieder los. 😦

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Da muss sich etwas ändern. Um seinetwillen. Um meinetwillen. Das ist mittlerweile auch zum großen Thema unter den Angestellten geworden. Ich bin überzeugt, dass es passieren wird. Bis dahin übe ich mich weiter in Geduld. 😞

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Das ganze passierte bereits vor ein paar Tagen. Langsam scheint es sich zu beruhigen. Hoffe ich! Ich traue mich kaum, das zu schreiben. Von wegen schlafende Hunde soll man nicht wecken. *seufz*

Hol mich doch bitte hier raus

Mein Herz schmerzt. Es ist so traurig.

„MUUU-DI… MUUUU-DI… HOL MICH DOCH BITTE HIER RAUS…..“

Seit heute Mittag ruft er das in einer Tour…

MUUU-DI… MUUUU-DI… MUUU-DI… HOL MICH DOCH BITTE HIER RAUS…..

Jetzt war gerade der Pfleger bei ihm. Es ist vorübergehend still.

Ich bin tatsächlich froh, dass ich jetzt zur Heimbeiratssitzung gehe und nicht höre, wenn er gleich wieder anfängt. Und das wird er. Wieder rufen! Es ist so traurig!

ichó – Digitale Gesundheitsförderung für Menschen mit Demenz

3 Absolventen der Hochschule Düsseldorf (HSD) schlossen sich zusammen, um Lösungsansätze für Menschen mit Demenz zu erforschen.

Ausschlaggebend dafür waren die an Demenz erkrankten Großeltern der jungen Männer.

Sie begannen gemeinsam ichó zu entwickeln.

Kurzporträt · ichó – Digitale Gesundheitsförderung für Menschen mit Demenz from ichó on Vimeo.

Auf der Seite mit diesem Kurzportrait bei Vimeo schreiben die Erfinder folgendes:

Mit ichó entwickeln wir eine interaktive Therapiekugel für Menschen mit Demenz.
ichó bietet multisensuale Reizstimulation mit farbigem Leuchten, Vibration, Klang oder Musik.
Hierbei registriert ichó alle äußeren Einflüsse und kann auf die individuellen Bedürfnisse und den biografischen Hintergrund des Nutzers angepasst werden.

Seit Beginn findet die Entwicklung in enger Zusammenarbeit mit den Betroffenen, Therapeuten, Pflegefachkräften und Betreuern statt.

Für mehr Infos, besuchen Sie uns auf unserer Webseite!
http://icho-system.com

Produziert durch die Unterstützung der:
http://www.metropole.ruhr

 

Trügerische Stille?

Gestern war mein Nachbar besonders „in Form“, will sagen LAUT und das ohne Pause. Damit fing er schon am Morgen um halb 4 (!) an.

pixabay.com – Arcaion

Um diese Zeit war die Nachtschwester auf unserem Gang. Die andere Nachbarin von Herrn H. hatte wohl geklingelt.

Das hat der Nachbar wohl gehört. Damit war er wach! Als die Nachtschwester auf sein Rufen sein Zimmer betrat, war er sofort still. Doch kaum war sie wieder raus, begann er zu rufen.

„Hallo! ….. Haaaa-lloooooo!! ….. HALLO!!! “

„Warum hört mich denn keiner?!? “

„Haaaaaaa – lloooooo! ….. HAAAAA – LLOOOO!!!! „

„HA – LLOO ….. HA – LLOOO …. HA – LLOOO … HA – LLOOO … HA – LLOOO .. HA – LLOOO .. HA – LLOOO . „

Die Rufe waren monoton. Er wurde immer lauter. In immer kürzeren Abständen wiederholte er sein Hallo.

Irgendwann wechselte er die Wortwahl: „Hilfe! ….. Hilfe! ….. Hilfe! ….. Hilfe! …..….. Hilfe! ….. HILFE! …..

Dann muss ich wieder eingeschlafen sein. Erstaunlich.

Als ich wieder aufwachte war es halb 6 und er rief immer noch.

Er rief eigentlich den ganzen Tag weiter. Nur wenn jemand sein Zimmer betrat und sich um ihn kümmerte, war er still. Mit der Zeit wurde er immer heiserer. Das hielt ihn aber nicht davon ab weiter zu rufen.

Nachmittags hatte ich dann irgendwann Mitleid mit ihm und besuchte ihn. Ich nahm meinen Kindle mit und fragte ihn, ob ich ihm etwas vorlesen solle.

Seine Augen leuchteten auf: „Ja!“

Ich fragte ihn, ob ich von Nils Holgerson und den Wildgänsen vorlesen solle. „Ja!“, sagte er in freudiger Erwartung.

Aber schnell stellte sich heraus, dass ich hier einen anderen Zuhörer hatte, als Frau M.. Herr H. konnte der Geschichte nicht folgen. Ich las für ihn zu schnell. Ich muss mir mal Geschichten geben lassen, an denen auch Demente Freude haben.

„Nein! Nicht weiter lesen! Sie können das nicht. Können Sie überhaupt lesen?“, bekam ich zu hören.

Ich bemerkte, dass er sich seiner Schutzhose entledigt hatte. Die lag neben dem Bett auf dem Fußboden. Außerdem lagen dort eine Vorlage und die Krankenunterlage, die das Bettlaken und die Matratze schützen sollten. Das hatte er wohl alles irgendwann aus dem Bett geworfen.

Also holte ich die Pflegerin, damit sie ihn wieder anziehen konnte. Auch das Bett musste neu bezogen werden. *seufz*

Ich ließ die beiden allein und ging zurück in mein Zimmer. Von dort hörte ich ihn zetern, jammern und fluchen.

Abends war er dann irgendwann endlich ruhig. Hoffentlich ist das keine trügerische Stille!

Den Stier bei den Hörnern packen

Gestern beschloss ich, der Sache mit dem lauten Nachbarn offensiv entgegen zu treten. Ich besuchte ihn.

„Hallo Herr H., ich bin ihre Nachbarin“, sagte ich, „Ich wohne hinter dieser Wand.“ Ich zeigte auf die entsprechende Wand.

„Ach… da wohnen Sie?…“, ein einziges Fragezeichen blickte mich an.

„Ja, da wohne ich. Und ich höre sie immer, wenn sie so laut rufen“, meinte ich.

„Sie können mich hören?“, fragte er.

„Ja. Das ist ja immer sehr laut!“, sagte ich.

„Das erleichtert mich, wenn ich so laut rufe“, erklärte er, „Da soll ja dann auch jemand kommen! … Aber es kommt keiner!“

„Das hat mir anfangs ganz schön Angst gemacht!“, sagte ich ihm.

„Das hat Ihnen Angst gemacht? Das wollte ich nicht!“, meinte er.

„Hat es aber. Sie sind ganz schön laut!“, machte ich ihm klar.

Da lag er in seinem Bett, ein armer, alter Mann im roten T-Shirt, ziemlich mager. Unfassbar, dass er eine solch kräftige Stimme hat!

Ich beschloss das Thema zu wechseln, fragte ob er Kinder habe (nein), was er früher beruflich gemacht habe (Kaufmann).

Ich sah mich in seinem Zimmer um. Zwei große Natur-Bilder hängen dort. „Wo ist das?“, fragte ich.

„Das ist im Taunus. Da habe ich lange Zeit gewohnt und gearbeitet“, erklärte er.

Dann meinte er, er wolle sich etwas anziehen und im Rollstuhl sitzen. Er könne doch nicht einfach im Bett liegen bleiben und sich mit mir unterhalten.

Ich meinte, natürlich könne er im Bett bleiben. Das wäre in Ordnung.

Dieser Teil unserer Unterhaltung schien richtig normal.

Fazit:
Mir hat es geholfen, mit ihm gesprochen zu haben, ihn gesehen zu haben.
Ihm vielleicht auch? Immerhin ist er am Abend so ruhig wie schon lange nicht mehr gewesen!