Eine Medaille hat immer zwei Seiten

So lautet ein Sprichwort. Das stimmt. Man kann jede Medaille umdrehen und die Rückseite sieht meist ganz anders aus. Auch bei Geldmünzen ist das so.

Manchmal redet man auch von Zwei Seiten einer Medaille, wenn zwei Personen ein und denselben Sachverhalt ganz unterschiedlich erleben und auffassen.

Das ist mir passiert. Ich habe eine Aussage ganz anders aufgefasst, als sie eigentlich gemeint war. Die Aussage traf einen wunden Punkt bei mir. Daraufhin reagierte ich sehr heftig.  Ich fiel vollkommen aus der Rolle und verwies die andere Person des Zimmers. Anschließend heulte ich wie ein Schlosshund.

Das ganze endete dermaßen, dass die andere Person mich von da an mied. Damit traf sie mich Heile-Welt-Mensch mehr als sie sich das wahrscheinlich ausgerechnet hatte.

Nachdem diese für mich unerträgliche Stimmung zwei Wochen anhielt, bat ich um ein Gespräch: „Was habe ich falsch gemacht?“, fragte ich.

Da erzählte sie mir, wie die Geschichte damals angekommen sei – Die andere Seite der Medaille. Es war gut, das zu hören. Denn nun konnte ich sehen, wie ausfallend ich damals reagiert hatte. Ich hatte reagiert, wie ein verletztes Tier, das dann maßlos um sich schlug und die andere Person zutiefst verletzt hatte.

So konnte ich jetzt, mit zwei Wochen Abstand, erkennen was ich getan hatte. Mich gruselte es vor mir selbst! Da gab es nur eins was ich tun konnte: „O Gott, das habe ich gesagt? Das tut mir sehr Leid!“

„Entschuldigung angenommen“, sagte sie.

Das nenne ich richtige Größe!

Seitdem gehen wir wieder ganz ungezwungen miteinander um.

 

 

Manchmal…

Eine schwere Decke der Unlust lag im Raum.

Alle Gespräche waren erloschen.

Still und zusammengesunken saßen einige Bewohnerinnen, eine jede für sich an einem anderen Tisch und starrten müde vor sich hin.

Ich blieb vor Frau X. stehen und sagte laut: „Hallo Frau X. , na? Wie geht es Ihnen?“

Das graue, wuschelige Wollknäuel richtete sich langsam auf. Frau X.’s zerknautschte Gesicht erschien.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

„Ach….. manchmal frage ich mich… warum?… Warum bin ich hier?… Wo bin ich hier überhaupt ? Ich habe einfach keine… *seufz* … keine Lust mehr“, meinte sie.

Warum? Weil Ihnen hier geholfen wird!  Wo? Im Gerhard Tersteegen Haus.  Keine Lust? Es ist doch ganz schön hier! Die Zimmer sind groß und man kann sie sich ganz schön machen. Ein jeder nach seinem Geschmack. Dann lässt es sich ganz wunderbar hier leben. Ich habe noch nie so ein schönes Zimmer / solch eine schöne Wohnung gehabt. Der schöne Garten lässt uns selbst in Corona-Zeiten an die frische Luft gehen. Wir werden prima gepflegt. Es wird für einen gekocht und gewaschen… es gibt heute Spargel!“ , ein bisschen überzeugte ich auch mich selbst.

„Ich mag eigentlich keinen Spargel“ , sagte unser Häufchen Elend.

Frau X. machte es mir nicht leicht. “ Gericht 2 ist bestimmt auch lecker.“

Jetzt schenkte Frau X. mir ein kleines Lächeln. Ich lächelte zurück.

Abhängig, Ausgeliefert, Hilflos

Ich bin so abhängig von den Ärzten.

Ich würde mir wünschen, dass sie sich in ihre Patienten reinfühlen, dass sie merken, dass der ein oder andere jetzt Hilfe braucht.

Wenn der eigentliche Neuro in Urlaub oder wegen Fortbildung nicht vor Ort ist und eine Vertretung hat, ist er vielleicht in dringenden Fällen per Telefon erreichbar, zumindest für seine Vertretung.

Wenn das nicht möglich ist, sollte die Vertretung auch bei kniffeligen Fällen eigenverantwortlich handel dürfen.

Denn der Patient fühlt sich den Ärzten ausgeliefert und hilflos.

Ich bin da nur so ein armes, kleines, ausgeliefertes Würstchen.

So zucken meine Beine lustig (das ist gar nicht lustig) vor sich hin. Das tut weh und ist so heftig, dass ich schon 1x aus dem Rolli gefallen bin. 😣

 

Fenstersingen mit dem Duo „Moon over Miami“

Das Duo „Moon over Miami“ , besteht aus Mike Morrigan/Gitarre, Gesang, Moderation
& Heaven Delgado/Gesang. Sie machten richtig Stimmung mit ihren Liedern der 50er, 60er und 70er Jahre.

Die Leute, die auf der Straße unterwegs waren, zu Fuß oder mit dem Rad, blieben stehen und wippten mit im Rhythmus der Musik. Einer zog sogar die Schuhe aus, so überzeugend südlich klang die Musik.

Nach einiger Zeit gesellte sich ein Herr mit einer Rassel dazu und schlug damit im Takt. Es war offensichtlich, dass er nicht wirklich zu „Moon over Miami“ gehörte. Doch Mike Morrigan nannte ihn >unser Mann an den Percussions<. Das machte den Gitarristen noch sympatischer.

Der Auftritt von „Moon over Miami“ sorgte auch bei uns Bewohner|innen für gute Laune!

Bild von Susan Cipriano auf Pixabay

Krämpfe

Krämpfe

  • können total nerven!
  • treten immer dann ein, wenn man sie überhaupt nicht brauchen kann
    …ooOO( kann man eigentlich nie )
  • es gibt die kurzen, plötzlich einschießenden Myoklonien
  • und die Spasmen; sie sind ungewollte und oft schmerzhafte Muskelanspannungen

Momentan quälen mich beide ganz arg. Ich habe schon richtig Muskelkater davon. 😣

Bitte dückt die Daumen, dass sie mich diese Nacht beser schlafen lassen! 😔

Kleine Pause

Mir geht es momentan nicht so gut. Tippen und auf den Bildschirm gucken strengt mich sehr an. Ich denke ich brauche eine kleine Pause.

 

Image by congerdesign from Pixabay

Bis bald!

Urlaubsflaire im GTH (Mai 2020)

Mitte der Woche hatten wir traumhaftes Wetter. Im Garten zu sitzen war wunderschön. Das fand nicht nur ich. Wenn ich mich sonst immer gewundert hatte, dass keiner den sehr schönen Garten nutzte, war es vor ein paar Tagen richtig gehend voll!

Dazu kam, dass die Pfarrerin wieder zum Fenstersingen da war und sie ihren Rundgang immer im Garten abschließt. Da hatte sie dieses Mal also richtig Publikum.

Nachtrag zu Frau M.s Geburtstag

Heute erfuhr ich, dass Frau M. ganz bitterlich geweint hat, dass sie wegen der Pandemie keinen Besuch bekommen durfte. Nicht mal von ihrer Tochter.😭

Um so wichtiger, dass ich Zeit für sie hatte!

Heute habe ich weiter vorgelesen. Das nächste Kapitel heißt „Stockholm“ und ist total lang. Ich kam heute noch nicht zum Ende dieses Kapitels. Ihr könnt euch ja denken, was das heißt…

Frau M. hat heute Geburtstag

Erinnert ihr euch an die Dame der ich immer vorgelesen habe? In letzter Zeit habe ich das nicht mehr so oft getan. Ich hatte irgendwie keine Energie und Lust dazu. Dass sie zu mir hätte kommen können und darum bitten, dass ich weiter vorlese, geht nicht. Sie kann ihren schweren Rolli nicht allein bewegen.

Doch heute hat sie Geburtstag. Eine Schnapszahl. 77 wird man nicht ohne etwas besonderes zu erleben. Man hätte viele Leute zu Gast. Es gäbe einen fürstlichen „Kaffee und Kuchen“-Tisch. Es würde erzählt, gefuttert, gelacht. Der kleine Beistelltisch, auf dem die Geschenke und Blumensträuße Platz gefunden hätten, würde irgendwann überquellen mit den ganzen Gaben für das Geburtstagskind.

Doch wir leben in der Zeit der Corona-Pandemie. Man darf nur einzelne Personen draußen im Garten hinter einer Plexiglasscheibe zu Besuch empfangen. Und das nur für 30 Minuten.

Gott-sei-Dank gibt es Telefone! So konnte Frau M. wenigstens mit ihrer Tochter telefonieren, erzählte sie mir.

Ich bin dem Pfleger der zuletzt zu mir kam sehr dankbar, dass er mir von Frau M.s Geburtstag erzählte: „Sie haben doch ein besonderes Verhältnis zu ihr, haben ihr immer vorgelesen. Sie sitzt auf dem Balkon.“

Da hielt mich nichts mehr. Ich packte meinen Kindle und ein Marzipan-Herz und rollte zum Balkon. Frau M. hatte einen schönen Platz, abseits des Raucher-Tisches in den letzten Sonnenstrahlen des Tages.

Ich rollte an ihre Seite und sang ihr erstmal ein Geburtstags-Lied. Dann gab ich ihr das Herz und sagte: „Ich habe auch das Buch mit von Nils Holgerson und den Wildgänsen. Wenn Sie mögen, dann lese ich Ihnen weiter daraus vor.“

„Ja“, hauchte sie glücklich. Also las ich das Kapitel 35, „Daunenfein“ vor.

Danach war es Zeit fürs Abendbrot.

Männer und Fußball

Männer und Fußball das gehört zusammen wie Topf und Deckel. Da ist es egal wie alt, wie gesund, aus welcher gesellschaftlichen Schicht sie sind. Das begleitet sie ihr ganzes Leben lang.

Natürlich gibt es auch Ausnahmen, Männer ohne Interesse am Fußball und Frauen, die nicht minder verrückt nach dem Spiel mit dem Leder sind.

Machen wir weiter mit den Vorurteilen: Frauen lieben das Sonnenbad. Es ist schon richtig, dass mehr Frauen vormittags im Garten in der Sonne sitzen. Aber es gibt auch mehr Bewohnerinnen als männliche Bewohner. Es gibt durchaus einen harten männlichen Kern, der jeden Morgen zusammen mit den Frauen in der Sonne sitzt.

Letzte Woche lauschte ich einem Gespräch der Männer:

 

Bild von Phillip Kofler auf Pixabay

„Nun geht also am Wochenende die Bundesliga wieder los…“, sagte Herr X..

„Ja, aber ohne Zuschauer…. ich weiß nicht….. wenn der zwölfte Mann fehlt…. dann ist es doch gar kein richtiges Fußballspiel“, meinte Herr Y. verstimmt.

 

Bild von Jan Blanke auf Pixabay

„Geisterspiele… wenn ich DAS schon höre!“. Herr Z. war damit überaupt nicht einverstanden.

„Aber immerhin gibt es wieder Fußball. Besser als nichts“, Herr XY fand das zwar doof, aber besser als keinen Fußball.

So wechselten sie weiterhin das Wort über die schönste Nebensache der Welt. Es war war erstaunlich, wie selbst Bewohner mit Demenz plötzlich „erwachten“ und ganz „normal“ an dem Gespräch teilnahmen. Unglaublich welche unerwarteten Kräfte Fußball „erwecken“ kann!