Überredet

Eure herzlichen Kommentare haben mich davon überzeugt, dass euch mein Geschreibsel interessiert und dass es falsch wäre, meinen Blog zu schließen.

Daher mache ich weiter, allerdings nicht täglich. Ich werde bloggen wenn es mir besser geht . Nicht täglich, sondern  sporadisch.

 

Sonstiges Gif

Warum ich so lange weg war

Schon 3 mal wollte ich diesen Beitrag schreiben. Allerdings immer abends, wie sonst auch. Das endete jedes mal darin, dass mich der Nachtdienst aufweckte, weil ich schlafend vor dem PC saß. Jetzt mache ich es anders und wage mich vormittags daran. Noch schlafe ich nicht.

Die MS hat es nicht gut mit mir gemeint. Ich befinde mich eben in der SPMS und es geht schleichend bergab. Mittlerweile haben sich zu den bereits vorhandenen Symptomen neue dazugesellt.

  • schwache Rumpf-Stabilität
  • frühe Schläfrigkeit
  • verminderte Konzentrationsfähigkeit
  • verstärkte Probleme mit der Feinmotorik

Mehr fällt mir jetzt nicht ein.

Daher werde ich in Zukunft viel weniger am PC sitzen. Ich werde den Blog „Meine Erlebnisse im Altenheim – Multiple-Sklerose-Betroffene als Bewohnerin im Altenheim“ nach 2697 veröffentlichten Beiträgen heute also schließen. Ich werde ihn nicht gleich löschen. Also gibt es genug Lesestoff.

Macht es gut! Es war schön mit Euch!

Warum?

Frau X. sitzt missgelaunt an einem Tisch nahe der Wohnbereichsküche. Ihr gegenüber sitzt Frau Y., vor sich hinträumend, schweigend.

Die Tür zum Balkon ist geöffnet. Draußen sitzen einige Bewohner, plaudern, lesen, rauchen, trinken Wasser oder Limo. Das ist das absolute Gegenprogramm. Hier blüht das Leben.

Frau X. meint: „Warum?  Warum soll ich?“ Vor ihr steht ein volles Wasserglas.

Draußen sind es 31°C. Die Luft ist zäh, drückend. Es ist unerträglich warm. Der Schweiß steht mir auf der Stirn, oberhalb der Oberlippe. Ich lecke daran. Salzig. Die Kleidung klebt mir am Körper. Die  Brille rutscht.

Frau X. schwitzt überhaupt nicht. Die muss unbedingt trinken! Das Glas Wasser steht vor ihr auf dem Tisch.

eigenes Foto

„Warum? Warum soll ich? Warum will er das? Warum soll ich? Wer will das? Das ist bestimmt der Eigentümer!“

Ein Er ist überhaupt nicht zu sehen. Es war eine Pflegerin, die sich um sie kümmerte. Dann ging die Pflegerin auf den Balkon.

Jetzt war ich es die versuchte Frau X. zum Trinken zu überreden.

„Du wirst ganz vertrocknet, wenn du nichts trinkst. Wie eine Rosine. Möchtest du das?“ Ich  bediente mich der List meiner Schwester, als ihr damals kleiner Sohn nichts trinken wollte. Aber bei der Seniorin wirkte das nicht.

Oder?

Sie versuchte das Glas zu greifen. „Hmpf“, sagte sie ganz frustriert, als es nicht klappte. Sie war einfach zu schwach.

„Lass mich dir helfen“, sagte ich. Ich nahm, das Glas hoch und führte es an ihren Mund. Sie nahm einen kleinen Schluck.  Dann schüttelte sie sich: „Nein. Ich will nicht!“

Nun kam die Pflegerin zurück. Sie schaffte es letztendlich, dass Frau X. trank. Das ganze Glas leer. Gekonnt ist gekonnt!

Fensterandacht 16.06.2020

Letzte Woche hielt Pfarrerin Christine Grünhoff eine Andacht für die Bewohner des Gerhard Tersteegen Haus. Es war eine Fensterandacht draußen auf der Straße vor den Fenstern des GTH. Es war ähnlich wie bei den Fensterkonzerten. Pfr.Grünhoff war wieder begleitet von der Kirchenmusikerin Tebbe-Tänzler auf der Gitarre.

Ich finde es sehr toll von den beiden, dass sie immer auch an die Bewohner denken. Pfr. Grünhoff ist die Pfr|in die zuständig ist für das GTH. Zu „normalen“ Nicht-Coronazeiten hält sie 1 Mal im Monat einen Gottesdienst in der Kapelle des GTH.

Heute total mies drauf

  1. Ich gerate mit der Pflegerin aneinander.
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    Ich schreie sie an.
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    Sie meint, das müsse sie nicht mit sich machen lassen!
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    Ich sage ihr, sie schreie mich ja auch an.
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    Tue sie nicht. Sie habe halt ein lautes Organ.
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    Muss man wohl haben im Altenheim mit schlecht hörenden Senioren. Fällt mir bei anderen ja auch auf.
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  2. Wenn ich wütend werde, heule ich. Ich bin eine richtige Heulboje. Das wiederum macht mich wütend auf mich selber.
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  3. Wenn ich zur Toilette muss, muss ich klingeln, damit man mir auf den Toiletten-Stuhl hilft. Oft kommt die Hilfe nicht  besonders schnell. Dann geht es daneben, trotz Vorlage. Einmal habe ich so an einem Tag drei Hosen geschafft. Immerhin wird für das Waschen im Heim gesorgt. Aber es kratzt so sehr an meinem Selbstwertgefühl.
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  4. Von einer selbstständig lebenden Frau in eigener Mietwohnung, selbst Autofahrerin, landete ich also in einem Alten- und Pflegeheim.
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    Auch das kratzt sehr an meinem Selbstwertgefühl.
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  5. Aus lauter Wut und Selbsthass rase ich raus, suche einen Platz im Schatten um weiter in  meinem E-Book zu lesen.
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    Dann auf dem Rückweg passiert es. Der Kindle™ rutscht mir vom Schoß… und rutscht mit dem Display über Sand.
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    Selbst Schuld!
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    Geheult habe ich trotzdem. Heulboje halt.

Hast du das schon geregelt?

Dieses Gespräch fand gestern im Garten statt.

Ihre Stimme war laut (sie hat ein Hörgerät) und fordernd.
Seine Stimme war leiser, etwas verschlafen . Er saß nämlich genüsslich in der Sonne und nahm ein Sonnenbad.

Sie: „Und hast du das schon geregelt?“

Er: „Hmm ???“

Sie: „Na was mit dir geschehen soll, wenn du nicht mehr bist… Jetzt können wir noch Einfluss nehmen.“

Er: „???“

Sie: „Na, wo und wie du zum Beispiel bestattet werden willst.“

Er: „Ach sooo… Also damit hab ich mich noch nicht beschäftigt.“

Sie: „Aber das ist wichtig! Noch kannst sagen, was du willst!“

Er: „Aber ob das so gemacht wird?… Das weißt du nicht.“

Sie (leicht verschnupft): Hm! Aber das will ich doch hoffen!“

Er (nahm die Sonnenkappe ab): „Ja, ja, die Hoffnung stirbt zuletzt!“

Bunt bemalte Steine (Teil 2)

Da Julie May eine fleißige Leserin meines Blogs ist, bekam sie viel mit, was die Angestellten des Gerhard Tersteegen Hauses in der Pflege, in der Hauswirtschaft,  usw. für schwere, wichtige Arbeit leisten. So kam sie auf die Idee ihnen auch ein Paket mit Steinen zu schicken. Das schickte sie an die Einrichtungsleitung, Frau Kira El Kaamouzi. Von ihr bekam ich die Fotos zugesandt.

Bunt bemalte Steine (Teil 1)

Ich bekam in kleines, sehr schweres Päckchen zugeschickt. Ich warf einen Blick auf den Absender, denn ich war sehr misstrauisch. Es konnte ja eine Briefbombe oder sonstwas sein. Doch als ich die Absenderin las, wusste ich, dass es eine sehr liebe Leserin meines Blogs ist, Julie May aus Bremen.

Julie ist sehr kreativ. Sie fotografiert vieles mit einer Glaskugel und malt Bilder in Naiver Kunst und bemalt Steine. Als ich mich zu den bemalten Steinen im Netz umgesehen habe, stellte ich fest, das es mehrere Facebook-Gruppen zu dem Thema „Bemalte Steine“ gibt. Diese „SteinWelt“ war mir vorher gar nicht bekannt. Julies Steine tragen den Namen #BremerSteine.

Hier sind die Steine, die sie mir schenkte:

 

Eine Medaille hat immer zwei Seiten

So lautet ein Sprichwort. Das stimmt. Man kann jede Medaille umdrehen und die Rückseite sieht meist ganz anders aus. Auch bei Geldmünzen ist das so.

Manchmal redet man auch von Zwei Seiten einer Medaille, wenn zwei Personen ein und denselben Sachverhalt ganz unterschiedlich erleben und auffassen.

Das ist mir passiert. Ich habe eine Aussage ganz anders aufgefasst, als sie eigentlich gemeint war. Die Aussage traf einen wunden Punkt bei mir. Daraufhin reagierte ich sehr heftig.  Ich fiel vollkommen aus der Rolle und verwies die andere Person des Zimmers. Anschließend heulte ich wie ein Schlosshund.

Das ganze endete dermaßen, dass die andere Person mich von da an mied. Damit traf sie mich Heile-Welt-Mensch mehr als sie sich das wahrscheinlich ausgerechnet hatte.

Nachdem diese für mich unerträgliche Stimmung zwei Wochen anhielt, bat ich um ein Gespräch: „Was habe ich falsch gemacht?“, fragte ich.

Da erzählte sie mir, wie die Geschichte damals angekommen sei – Die andere Seite der Medaille. Es war gut, das zu hören. Denn nun konnte ich sehen, wie ausfallend ich damals reagiert hatte. Ich hatte reagiert, wie ein verletztes Tier, das dann maßlos um sich schlug und die andere Person zutiefst verletzt hatte.

So konnte ich jetzt, mit zwei Wochen Abstand, erkennen was ich getan hatte. Mich gruselte es vor mir selbst! Da gab es nur eins was ich tun konnte: „O Gott, das habe ich gesagt? Das tut mir sehr Leid!“

„Entschuldigung angenommen“, sagte sie.

Das nenne ich richtige Größe!

Seitdem gehen wir wieder ganz ungezwungen miteinander um.

 

 

Manchmal…

Eine schwere Decke der Unlust lag im Raum.

Alle Gespräche waren erloschen.

Still und zusammengesunken saßen einige Bewohnerinnen, eine jede für sich an einem anderen Tisch und starrten müde vor sich hin.

Ich blieb vor Frau X. stehen und sagte laut: „Hallo Frau X. , na? Wie geht es Ihnen?“

Das graue, wuschelige Wollknäuel richtete sich langsam auf. Frau X.’s zerknautschte Gesicht erschien.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

„Ach….. manchmal frage ich mich… warum?… Warum bin ich hier?… Wo bin ich hier überhaupt ? Ich habe einfach keine… *seufz* … keine Lust mehr“, meinte sie.

Warum? Weil Ihnen hier geholfen wird!  Wo? Im Gerhard Tersteegen Haus.  Keine Lust? Es ist doch ganz schön hier! Die Zimmer sind groß und man kann sie sich ganz schön machen. Ein jeder nach seinem Geschmack. Dann lässt es sich ganz wunderbar hier leben. Ich habe noch nie so ein schönes Zimmer / solch eine schöne Wohnung gehabt. Der schöne Garten lässt uns selbst in Corona-Zeiten an die frische Luft gehen. Wir werden prima gepflegt. Es wird für einen gekocht und gewaschen… es gibt heute Spargel!“ , ein bisschen überzeugte ich auch mich selbst.

„Ich mag eigentlich keinen Spargel“ , sagte unser Häufchen Elend.

Frau X. machte es mir nicht leicht. “ Gericht 2 ist bestimmt auch lecker.“

Jetzt schenkte Frau X. mir ein kleines Lächeln. Ich lächelte zurück.