Beerdigung

Irgendwann ist die letzte Seite eines Buches gelesen. Dann wird der Buchdeckel zugeklappt. Man ist traurig, war es doch ein spannendes, abwechslungsreiches, schönes, ein Lieblingsbuch.

So möchte ich Leben und Tod meines geliebten Vaters beschreiben.

Bild von Gerhard G. auf Pixabay 

Geboren am 04. August 1936, gestorben am 19. März 2022. Fast wäre er 86 Jahre alt geworden.

Bestattet wurde er am 30. März auf dem Bockumer Friedhof.

Er, der sich immer um alles gekümmert hatte, sorgte auch an diesem Tag, den die Meteorologen als regnerisch vorhergesagt hatten für wunderschönes, sonniges Frühlingswetter.

Viele Menschen kamen, um von meinem Vater Abschied zu nehmen. Familie, Freunde, Sportskameraden, Nachbarn, Bekannte… Die Trauergemeinde war groß. Sie passte zu seiner Beliebtheit.

Meine Schwester und unsre Mutter hatten eine sehr geschmackvolle, einfühlsame und würdevolle Trauerfeier und Bestattung zusammengestellt. Ich danke euch!

Bild von congerdesign auf Pixabay 

April, April… schon Ende März?

Das schoss mir in den Kopf, als ich heute morgen wieder den Speisesaal betrat.

Was ich mir alles so schön erklärt hatte mit dem Corona Abstand war irgendwie nicht mehr wahr.

Die Tische waren wieder zusammengeschoben worden. Die alten Tischgemeinschaften saßen wieder, wie früher, eng beieinander an ihren alten Tischen. Die kleinen Tische waren verschwunden.

Es waren sogar noch mehr Bewohner unten.  Die Leitung hatte beschlossen, das möglichst viele Bewohner wieder nach unten kommen sollten.

Im Prinzip beschloss sie für uns Bewohner im Gerhard Tersteegen Haus ähnliches wie die Politik für die Menschen draußen. Viele Regeln sollen gelockert werden.

Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass die neue Corona-Variante ansteckender ist als je zuvor.  Man sagt, wer sich bis jetzt noch nicht Infiziert habe, habe vielleicht einen stillen Verlauf gehabt.  Dann würde er heute als genesen gelten.

Endlich wieder gemeinsam essen

Ich konnte nie verstehen, warum wir im März nicht wieder im Speisesaal essen konnten.

Dabei war überall von Lockerungen der strikten Verhaltensregeln zu hören und zu lesen.

Warum nicht bei uns??

Heute konnten wir selber sehen warum.

Denn seit heute Morgen dürfen wir wieder runter.

Wir waren alle begeistert einander wiederzusehen! Das Speisen allein auf dem Zimmer oder im kleinen Speisesaal war doch recht einsam. Außerdem isst man (oder ich) weniger, weil man selber bestimmen kann was und wie viel man mag. Oben erhielt ich immer zu große Portionen. Da ich Essen nicht gerne wegschmeiße, habe ich brav immer aufgegessen. Das fiel mir nicht schwer. Die Speisen sind sehr schmackhaft.

Doch als Rollifahrerin bekommt man eh zu wenig Bewegung. Außerdem nimmt man ab 50 schnell zu und langsam ab. Das sagte meine Mutter oft. Ich konnte es nie glauben. Dachte immer es sei doch alles eine Frage des Wollens. Jetzt mit Mitte 50 merke ich, dass sie leider recht hat.

Abgesehen von der Wiedersehensfreude stellten wir fest, dass der Boden blitzeblank gewienert war. Außerdem waren die Tische anders geordnet. Jetzt wurde mehr dafür gesorgt, dass die erforderlichen Abstände eingehalten werden. Ich hatte mich immer schon gewundert, dass an manchen Tischen die Bewohner mit ihren Tischnachbarn so nah beieinander saßen.

Jetzt nicht mehr. Viele große Tischgemeinschaften wurden aufgeteilt. Dafür gab es eine Menge neue kleine Tische. Jetzt ist alles regelkonform.

Auch an unserem großen Tisch gab es einen freien Platz. Der wird jetzt belegt. Heute war die entsprechende Bewohnerin nicht da. Ich weiß jedoch wer sie ist. Ich habe damals schon über ihren ‚Beruf früher‘ geschrieben.

Vielleicht ist sie ja morgen da.

Harfenspiel 2022

Nach zwei Jahren Corona-Pause, konnten wir wieder Fr. Krystyna Dombik mit ihrer Harfe bei uns begrüßen.

Ganz verzückt lauschten wir den verträumten, verzaubernden Klängen.

Sie wirken sehr beruhigend.

So war der kleine Speisesaal voller Bewohner auch erst voller Erwartung.

„Kommt da gleich jemand?“

„Wann kommt denn endlich jemand?“

„Ich muss aufpassen! Meine Mutter kommt doch gleich“ , sagte eine ~70järige Bewohnerin mit einem Teddy im Arm.

Es wurde unruhig. Diese Dame war gar nicht von unserem Wohnbereich. Sie musste vom „Beschützter Wohnbereich“ einer anderen Etage ausgebüxt sein. Dort wohnen stark demente Bewohner.

Es ist jedoch keine geschlossene Abteilung. Die Bewohner können kommen und gehen, wie sie möchten (was aber selten einer von ihnen möchte oder kann).

Wenn sie noch Fußgänger sind, muss das Personal ganz besonders auf sie aufpassen.

Es gibt jedoch auch Bewohner dieses Bereichs mit großem Bewegungsbedarf, die aber immer wieder zurück kommen. Dann passt auch der Pförtner auf wer geht und kommt und sagt das der Pflege von diesem Bereich.

Das Konzert hat mir sehr gefallen. Auf mich wirkt diese unaufgeregte Musik sehr beruhigend. Ich bin immer sehr unruhig, fahrig, angespannt. Doch diese Musik entspannte mich.

Er hat es geschafft

Bild von congerdesign auf Pixabay 

Samstagmorgen starb mein Vater.

Nach drei leidvollen Wochen fand er endlich Erlösung.

Er hat gekämpft.
Mit dem Tod gerungen.
Wollte nicht sterben.

Doch dann fand er endlich den Weg.
In das erlösende Reich Gottes
Jetzt ruht er in Frieden.

Die Schwestern im Krankenhaus kümmerten sich rührend drei Wochen lang um ihn.
Zuletzt stellten sie nach Nachfrage bei meiner Mutter ein kleines Windlicht mit einem
Liedtext (EG 652, Von guten Mächten treu und still umgeben) von Dietrich Bonhoeffer auf den Nachttisch.

Er quält sich so

Er quält sich so sehr.

Er läuft kilometerweit. Unter der Bettdecke strampeln unruhig die Beine.

Seine Hände liegen zu festen Fäusten geballt auf der Brust.

Es klopft an der Zimmertür. Herein kommt die Klinikseelsorgerin.

Ruckartig setzt er sich auf und sagt mit lauter Stimme: „Wir haben Besuch!“

Dann sinkt er wieder ermattet zurück auf das Kopfkissen.

Er atmet schwer, hustet, räuspert sich und versucht so den lästigen Schleim loszuwerden, der ihm im Rachen hängt.

Er richtet sich wieder auf. Sein Blick aus weitaufgerissenen, fast hervortretenden, glasigen Augen. Mit ihnen eilt er durch den Raum. „Und was machen wir jetzt?“, fragt er.

Zum wiederholten Mal blickt er auf seine Armbanduhr als hätte er noch etwas vor und dürfe es nicht vergessen.

Er sucht die Mutter seiner Kinder. Als er sie gefunden hat, sagt er traurig: „Ich sterbe, nicht wahr?“

„Ja… Du musst nur loslassen.“

Es treibt einem Tränen in die Augen. Mutter und Tochter schlucken, haben Tränen in den Augen. Auch er weint. Ihn so zu sehen bricht einem das Herz.

Nach und nach verlassen Tochter und ihre Mutter den Vater. Sie hoffen die Nacht wird für die Mutter nicht ganz so schwer wie die vergangene.

Sie wurde wieder genau so schwer.

Der Arzt spricht ein Machtwort. Das Bett für die Ehefrau müsse abgebaut werden, sonst habe er bald zwei Patienten zu betreuen. Er schickte sie nach Hause. Dort solle sie sich erst einmal ausruhen, etwas schlafen. An diesem Tag wolle er sie nicht mehr im Krankenhaus sehen. Die Nächte solle sie ab nun nicht mehr im Krankenhaus schlafen.

Es brauchte in der Nacht zwei Pfleger um ihn zu bändigen.

Am nächsten Tag war er immer noch so unruhig. Als seine Frau kam, ihn zu besuchen war es um ihre Contenace geschehen. Sie brach in Tränen aus und weinte bitterlich.

Sterben ist oft schwer. Für den Sterbenden. Für die Angehörigen.

Unser Umgang mit dem Sterben

Meine Welt ist voller Unruhe

Corona bestimmt nach wie vor das Leben im GTH.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Nachdem wir auf jedem Wohnbereich mehrere Corona-Kranke hatten, haben wir nicht mehr im großen Speisesaal gegessen. Gegessen wird nun auf den Wohnbereichen; im kleinen Speisesaal oder auf den Zimmern.

Ich esse auf meinem Zimmer. Daher kann ich im Blog auch nicht mehr kleine amüsante Geschichten erzählen.

Es gibt keine Gruppen-Angebote mehr. Doch die Damen und Herren des Sozialen Dienstes versuchen Angebote in kleinen Gruppen oder mit einzelnen Bewohnern durchzuführen. Außerdem gibt es wieder Fenster-Angebote. Zum Beispiel Fenster-Gottesdienste.

Ich bin froh, dass ich mit meinem E-Rolli ab und zu rausfahren kann.

Ukraine und Putins Krieg bestimmen fast sämtliche TV- und Radioprogramme, dazu die Zeitungen und Zeitschriften und letztendlich auch das Internet.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Die Ukrainer leiden schrecklich vor allem die Kinder.
Familien verlieren ihre Wohnungen, ihre Häuser, ihr Zuhause.

Die ukrainischen Männer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen. Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, stellt ukrainischen Streitkräfte im Kampf gegen Putins Schergen zusammen. Aber gegen die Übermacht der Russen haben die Ukrainer keine Chance. Es gibt viel Gewalt und Tod.

Wenn ich das in den Medien sehe, lese, höre macht mich das sehr traurig. Außerdem macht es mir auch Angst.

Sorgen um meinen Vater macht mein Leben zur Zeit ebenfalls sehr schwer.

So befinde ich mich also inmitten von drei großen, Angst einflößenden Szenarien.

Veranstaltungen März 2022

Trotz Corona gibt es auch im März 2022 geplante Veranstaltungen! Das Programm ist etwas abgespeckt. Aber es soll doch etwas stattfinden im GTH.

Hanns Dieter Hüsch – Das Phänomen

Hanns Dieter Hüsch rezitiert sein Gedicht
„Das Phänomen“

Dieses 1981 vorgetragene Gedicht stammt von Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) selber. Er hatte es verfasst zu der Zeit, als viele Fremde nach Deutschland kamen.

Wir hatten sie in den 50-ern 60-ern gerufen damit sie uns halfen die Arbeit zu tun die sonst Männer gemacht hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Mangel an Männern groß. Viele deutsche Männer waren im Krieg gefallen und nicht mehr nach Hause zurückgekehrt.

Auch damals war die Angst vor allem Fremden groß.

In dieser Zeit verfasste Hüsch sein Gedicht „Das Phänomen„. Es ist heute genau so passend wie früher.

Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005), von Beruf Kabarettist und vor allem Humanist, hat dieses eindringliche Gedicht 1981 auf seinem Album „Das neue Programm“ veröffentlicht. Wann immer er diesen Text live vorgetragen hat, hielten die Besucher den Atem an und bekamen mindestens eine Gänsehaut.

youtube: Anfang des Links s.u. von Bruno Kassel

Hier der Text zum Mitlesen:

Was ist das für ein Phänomen?
Fast kaum zu hören, kaum zu sehn.
Ganz früh schon fängt es in uns an:
das ist das Raffinierte dran.

Als Kind hat man’s noch nicht gefühlt,
hat noch mit allen schön gespielt.
Das Dreirad hat man sich geteilt,
und niemand hat deshalb geheult.

Doch dann hieß es von oben her:
“Mit dem da spielst du jetzt nicht mehr,
das möcht ich nicht noch einmal sehn!“
Was ist das für ein Phänomen?

Und ist man grösser, macht man’s auch.
Das scheint ein alter Menschenbrauch;
nur weil ein and’rer anders spricht
und hat ein anderes Gesicht.

Und wenn man’s noch so harmlos meint,
das ist das Anfangsbild vom Feind:
“Er passt mir nicht, er liegt mir nicht,
ich mag ihn nicht und find ihn schlicht

geschmacklos und hat keinen Grips –
und ausserdem: sein bunter Schlips!“
Dann setzt sich in Bewegung leis
der Hochmut und der Teufelskreis.

Und sagt man was dagegen mal,
dann heisst’s: „Wer ist denn hier normal,
ich oder er, du oder ich?
Ich find‘ den Typen widerlich!“

Und wenn du einen Penner siehst,
der sich sein Brot vom Dreck aufliest,
dann sagt ein Mann zu seiner Frau:
“Guck dir den Schmierfink an, die Sau!

Verwahrlost bis zum dorthinaus –
ja, früher warf man die gleich raus.
Und heute muss ich sie ernähren,
und unsereins darf sich nicht wehren.

Und auch die Gastarbeiterpest,
der letzte Rest vom Menschenrest,
die sollt’ man alle, das tät gut,
Spießruten laufen lassen bis auf’s Blut!“

Das ha’m wir doch schon mal gehört.
Da hat man die gleich streng verhört,
verfolgt, gehetzt, und für und für
ins Lager reingepfercht, und hier

hat man sie dann erschlagen all!
Die Kinder mal auf jeden Fall.
Die hatten keinem was getan.
Was ist das für ein Größenwahn?


Das lodert auf im Handumdreh’n,
und ist auf einmal Weltgescheh’n.
Denn plötzlich steht an jedem Haus:
“Die Türken und Zigeuner raus!“

Nur weil kein Mensch derselbe ist,
und weiß und schwarz und gelbe ist,
wird er verbrannt, ob Frau, ob Mann.
Und das fängt schon von klein auf an.

Und wenn ihr heute Dreirad fahrt,
ihr Sterblichen, noch klein und zart.
Es ist doch eure schönste Zeit
voll Phantasie und Kindlichkeit.

Lasst keinen kommen, der da sagt,
dass ihm dein Spielfreund nicht behagt!
Dann stellt euch vor das Türkenkind,
dass ihm kein Leids und Tränen sind.

Dann nehmt euch alle an die Hand,
und nehmt auch den, der nicht erkannt,
dass früh schon in uns allen brennt,
das, was man den Faschismus nennt.

Nur wenn wir eins sind überall,
dann gibt es keinen neuen Fall
von Auschwitz bis nach Buchenwald!
Und wer’s nicht spürt, der merkt es bald.

Nur wenn wir in uns alle sehn,
besiegen wir das Phänomen!
Nur wenn wir alle in uns sind:
…fliegt keine Asche mehr im Wind… !

https://www.youtube.com/watch?v=ny8R5XBpNVM