Hanns Dieter Hüsch – Das Phänomen

Hanns Dieter Hüsch rezitiert sein Gedicht
„Das Phänomen“

Dieses 1981 vorgetragene Gedicht stammt von Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) selber. Er hatte es verfasst zu der Zeit, als viele Fremde nach Deutschland kamen.

Wir hatten sie in den 50-ern 60-ern gerufen damit sie uns halfen die Arbeit zu tun die sonst Männer gemacht hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Mangel an Männern groß. Viele deutsche Männer waren im Krieg gefallen und nicht mehr nach Hause zurückgekehrt.

Auch damals war die Angst vor allem Fremden groß.

In dieser Zeit verfasste Hüsch sein Gedicht „Das Phänomen„. Es ist heute genau so passend wie früher.

Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005), von Beruf Kabarettist und vor allem Humanist, hat dieses eindringliche Gedicht 1981 auf seinem Album „Das neue Programm“ veröffentlicht. Wann immer er diesen Text live vorgetragen hat, hielten die Besucher den Atem an und bekamen mindestens eine Gänsehaut.

youtube: Anfang des Links s.u. von Bruno Kassel

Hier der Text zum Mitlesen:

Was ist das für ein Phänomen?
Fast kaum zu hören, kaum zu sehn.
Ganz früh schon fängt es in uns an:
das ist das Raffinierte dran.

Als Kind hat man’s noch nicht gefühlt,
hat noch mit allen schön gespielt.
Das Dreirad hat man sich geteilt,
und niemand hat deshalb geheult.

Doch dann hieß es von oben her:
“Mit dem da spielst du jetzt nicht mehr,
das möcht ich nicht noch einmal sehn!“
Was ist das für ein Phänomen?

Und ist man grösser, macht man’s auch.
Das scheint ein alter Menschenbrauch;
nur weil ein and’rer anders spricht
und hat ein anderes Gesicht.

Und wenn man’s noch so harmlos meint,
das ist das Anfangsbild vom Feind:
“Er passt mir nicht, er liegt mir nicht,
ich mag ihn nicht und find ihn schlicht

geschmacklos und hat keinen Grips –
und ausserdem: sein bunter Schlips!“
Dann setzt sich in Bewegung leis
der Hochmut und der Teufelskreis.

Und sagt man was dagegen mal,
dann heisst’s: „Wer ist denn hier normal,
ich oder er, du oder ich?
Ich find‘ den Typen widerlich!“

Und wenn du einen Penner siehst,
der sich sein Brot vom Dreck aufliest,
dann sagt ein Mann zu seiner Frau:
“Guck dir den Schmierfink an, die Sau!

Verwahrlost bis zum dorthinaus –
ja, früher warf man die gleich raus.
Und heute muss ich sie ernähren,
und unsereins darf sich nicht wehren.

Und auch die Gastarbeiterpest,
der letzte Rest vom Menschenrest,
die sollt’ man alle, das tät gut,
Spießruten laufen lassen bis auf’s Blut!“

Das ha’m wir doch schon mal gehört.
Da hat man die gleich streng verhört,
verfolgt, gehetzt, und für und für
ins Lager reingepfercht, und hier

hat man sie dann erschlagen all!
Die Kinder mal auf jeden Fall.
Die hatten keinem was getan.
Was ist das für ein Größenwahn?


Das lodert auf im Handumdreh’n,
und ist auf einmal Weltgescheh’n.
Denn plötzlich steht an jedem Haus:
“Die Türken und Zigeuner raus!“

Nur weil kein Mensch derselbe ist,
und weiß und schwarz und gelbe ist,
wird er verbrannt, ob Frau, ob Mann.
Und das fängt schon von klein auf an.

Und wenn ihr heute Dreirad fahrt,
ihr Sterblichen, noch klein und zart.
Es ist doch eure schönste Zeit
voll Phantasie und Kindlichkeit.

Lasst keinen kommen, der da sagt,
dass ihm dein Spielfreund nicht behagt!
Dann stellt euch vor das Türkenkind,
dass ihm kein Leids und Tränen sind.

Dann nehmt euch alle an die Hand,
und nehmt auch den, der nicht erkannt,
dass früh schon in uns allen brennt,
das, was man den Faschismus nennt.

Nur wenn wir eins sind überall,
dann gibt es keinen neuen Fall
von Auschwitz bis nach Buchenwald!
Und wer’s nicht spürt, der merkt es bald.

Nur wenn wir in uns alle sehn,
besiegen wir das Phänomen!
Nur wenn wir alle in uns sind:
…fliegt keine Asche mehr im Wind… !

https://www.youtube.com/watch?v=ny8R5XBpNVM

2 Kommentare zu „Hanns Dieter Hüsch – Das Phänomen

  1. Ja, Katrin, aber so einfach ist es eben nicht, vom Individuum auf ganze Gesellschaften oder gar Staaten schließen. Das ist letztlich eine Psychologisierung Sozialer, politischer und wirtschaftlicher Strukturen und Prozesse. Auch, wenn der kleine Putin als kleiner Junge vielleicht mal von einem ukrainischen oder, was noch unwahrscheinlicher sein sollte, von einem amerikanischen Kind geärgert worden sein sollte, erklärt das nicht seine heutige macht politischen und ideologischen Vorstellungen, geschweige denn der Krieg, den er angezettelt hat.

  2. Danke, Katrin! Den „Herrn Hüschens“, wie er sich scherzhaft selbst nannte, habe ich sehr verehrt.Einmal hatte ich in der Pause einer seierVeranstaltungen die Möglichkeit, kurz mit ihm zu sprechen – e war so unfassbar liebenswürdig, gütig und nett… Ich vermisse ihn sehr. (Sein Grab auf dem Friedhof in Moers ist leicht zu finden, übrigens ;))

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