Frau M. hat heute Geburtstag

Erinnert ihr euch an die Dame der ich immer vorgelesen habe? In letzter Zeit habe ich das nicht mehr so oft getan. Ich hatte irgendwie keine Energie und Lust dazu. Dass sie zu mir hätte kommen können und darum bitten, dass ich weiter vorlese, geht nicht. Sie kann ihren schweren Rolli nicht allein bewegen.

Doch heute hat sie Geburtstag. Eine Schnapszahl. 77 wird man nicht ohne etwas besonderes zu erleben. Man hätte viele Leute zu Gast. Es gäbe einen fürstlichen „Kaffee und Kuchen“-Tisch. Es würde erzählt, gefuttert, gelacht. Der kleine Beistelltisch, auf dem die Geschenke und Blumensträuße Platz gefunden hätten, würde irgendwann überquellen mit den ganzen Gaben für das Geburtstagskind.

Doch wir leben in der Zeit der Corona-Pandemie. Man darf nur einzelne Personen draußen im Garten hinter einer Plexiglasscheibe zu Besuch empfangen. Und das nur für 30 Minuten.

Gott-sei-Dank gibt es Telefone! So konnte Frau M. wenigstens mit ihrer Tochter telefonieren, erzählte sie mir.

Ich bin dem Pfleger der zuletzt zu mir kam sehr dankbar, dass er mir von Frau M.s Geburtstag erzählte: „Sie haben doch ein besonderes Verhältnis zu ihr, haben ihr immer vorgelesen. Sie sitzt auf dem Balkon.“

Da hielt mich nichts mehr. Ich packte meinen Kindle und ein Marzipan-Herz und rollte zum Balkon. Frau M. hatte einen schönen Platz, abseits des Raucher-Tisches in den letzten Sonnenstrahlen des Tages.

Ich rollte an ihre Seite und sang ihr erstmal ein Geburtstags-Lied. Dann gab ich ihr das Herz und sagte: „Ich habe auch das Buch mit von Nils Holgerson und den Wildgänsen. Wenn Sie mögen, dann lese ich Ihnen weiter daraus vor.“

„Ja“, hauchte sie glücklich. Also las ich das Kapitel 35, „Daunenfein“ vor.

Danach war es Zeit fürs Abendbrot.

7 Kommentare zu „Frau M. hat heute Geburtstag

  1. Jetzt sind die 300€/Kind beschlossen, wie selbst die Bundesgesundheitsministerin in einem TV-Inetrbiew zugab, es handelt sich um eine Wirtschaftsförderungsmassnahme. Schön, es sei ihnen gegönnt. Und jetzt warten wir mal alle, und warten und warten und warten und… auf das Gute, das jetzt für die Menschen in Alten- und Pflegeheimen von der Regierung (und den anderen Parteien) beschlossen werden wird. Sie sitzen noch immer in ihren Heimen fest, seit Monaten, ohne jemals raus zu können. Alle anderen können nu schon länger einkaufen gehen, spazieren, wandern, in Gottesdienste, zu Seminaren der Kirchen, in die Kita, in die Schule, in Urlaub. Und wann kommt jetzt das Gute für die Bewohner der Heime? Wer organisiert für sie eine Möglichkeit, dem Lagerkoller für ein paar Stunden zu entkommen? Wer zahlt das? Sollen wir wetten, das die Idee, für alle, Familien und heimbewohner gleichermassen etwas Gutes zu tun, sich niemals erfüllen wird? Sollen wir wetten, dass diese Idee innerhalb der nächsten Wochen von allen, nicht zuletzt von denen, die ja bereits etwas Gutes erhalten haben, stillschweigend unter den Tisch fallen gelassen wird? Wir sprechen uns in ein paar Monaten gerne wieder…

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  2. Anstatt jetzt auch noch 600 Euro pro Kind an Familien zu verschenken, sollte der Staat besser die Parks und Tierparks für Bewohner von Alten- und Pflegeheimen exklusiv für jeweils einige Stunden anmieten, alle anderen Besucher ausschließen und so den Bewohnern wenigstens ein paar Freistunden pro Woche vom ihrem Heim-„Gefängnis“ ermöglichen! Es wird langsam Zeit, dass nicht nur an Familien mit Kindern gedacht wird!

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      1. Wenn es denn so wäre, das mit dem etwas Gutes tun für Kinder. Tatsächlich sieht es wohl so aus, dass es um den anvisierten Konsum geht bei den 600 Euro / Kind, also um eine Wirtschaftsförderung. Denn die Wirtschaftsforscher haben festgestellt, dass jüngere Menschen weitaus mehr konsumieren als ältere, Familien mehr als Pflege- und Altenheimbewohner, auch wenn alle das gleiche Geld haben würden. Die Regierung überlegt, wie sie die Wirtschaft wieder ans Laufen bekommt. Die Angebotsseite ist da: genügend Geschäfte, Restaurants und andere Unternehmen, die gerne wieder Umsatz machen würden, allein es fehlt an der Nachfrage. Die kann man – in normalen Zeiten – mit Geldgeschenken ankurbeln, und da vor allem mit Geldgeschenken an Jüngere, bzw. Familien. Es geht nicht um was Gutes für Kinder, es geht hier an erster Stelle und vor allem um was Gutes für die Wirtschaft. Wären Alten- und Pflegeheimbewohner so konsumfreudig wie Kinder / Familien, sie würden jetzt die 600 Euro angedient bekommen.

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