Jammern und Weinen

Wir Bewohner, die wir im Gerhard Tersteegen Haus gelandet sind, sind alle nicht freiwillg hier. Das GTH ist keine „Seniorenresidenz“ wie sich manche Heime für betagte Bürger nennen. Es ist ein Alten- und Pflegeheim.

Hier bekommt man nur einen Heimplatz, wenn man einem Pflegegrad zugeordnet wird. Früher hieß es Pflegestufe. Seit 2017 wurden die 3 Pflegestufen in 5 Pflegegrade umgebaut. Dadurch sollen geistige und körperliche Beeinträchtigungen gleichwertig behandelt werden. Da die Menschen immer älter werden, hat die Zahl an von Demenz betroffenen Personen zugenommen. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft nennt das „Lebenszeitrisiko“. Diese Personen können nun leichter einer Pflegestufe zugeordnet werden.

Da wir alle nicht freiwillig hier wohnen, gibt es tatsächlich immer wieder Menschen hier, die ihrem Leid und Unmut durch Jammern und Weinen Ausdruck verleihen.

Das passiert oft morgens auch an meinem neuen alten Tisch im Speisesaal. Je nach meiner eigenen Tagesform kann ich das besser oder schlechter verkraften. Eigentlich bedrückt mich das meistens. Denn ich bin ein empathischer Mensch. Ich hätte am liebsten eine heile Welt.

Was habe ich also gestern Morgen getan, als Frau ABC den Tag wie so oft mit Jammern und Weinen begann? Ich wartete einige Zeit ab, bis sie ihr Frühstück beendet hatte. Dann rollte ich mit meinem E-Rolli zu ihr hinüber und nahm sie einfach in den Arm. Als hätte ich einen Lichtschalter betätigt, leuchtete ein Lächeln mir entgegen.

Ich sah auf und wunderte mich, dass Frau DEF immer noch am Tisch saß. Sonst ist sie immer sehr schnell wieder weg. Ich weiß, dass sie nur noch sehr schlecht sehen kann. Sie konnte also nicht gesehen haben, was geschehen war. Aber ihr Gesicht war mir zugewandt. Dann hob sie einen Arm. Es war eindeutig. Sie wollte auch gedrückt werden.

Gerne rollte ich zu ihr und drückte auch sie. Denn nicht nur den beiden Frauen tat diese Zuwendung gut. Auch mir tat das gut!

 

 

19 Kommentare zu „Jammern und Weinen

  1. es ist so wahr, Katrin: der Mensch braucht es wie den Atem, ab und zu liebevoll berührt zu werden. Egal ob jung oder mittel oder alt oder sehr alt. Nicht mehr, nie, von niemandem umarmt zu werden – das ist vielleicht das schlimmste für alt gewordene Menschen. Das hast du gespürt und bist einfach hingerollert. Und es hat auch dir gut getan. Schön ist das. Liebe Grüße!

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  2. Schön! Da gibt es doch diese Bewegung, da stehen Leute mit schildern um den Hals auf denen steht:FREE hugs, Umarmung umsonst, und lassen sich umärmeln und umärmeln zurück. Ich find das schön, also die Idee. Jeder Mensch braucht Zuwendung, und Umarmung sonst verarmt er innerlich. Es ist schön dass du das gemacht hast.

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  3. Liebe Katrin,
    das hast Du genau richtig gemacht!
    (Die Reaktionen bestätigen das ja auch.)
    Wir alle haben eine viel zu große Hemmschwelle, wenn es um Berührung und Umarmung geht! Das ist sehr schade! Ich wünsche mir auch immer wieder, dass wir das häufiger praktizieren, weil es auch mir gut tut, wenn ich andere umarme.
    Sei umarmt und gegrüßt! Michael

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  4. Liebe Katrin,
    mit einer richtigen Freude las ich gerade Deinen Beitrag. Besonders freut es mich, daß auch Dir diese Zuwendung (= Mitgefühl) gut getan hat. Ganz im Gegensatz zur Empathie, wo man regelrecht mitleidet, ist Mitgefühl immer eine WinWin-Situation. Natürlich braucht man die Empathie um die Not des Anderen wahrzunehmen; doch dann sollte man auf die Not mit Mitgefühl antworten. Empathie und Mitgefühl entsprechen verschiedenen neuronalen Netzwerken im Gehirn! Empathie läuft weitgehend unbewußt ab (dem Jammer am Tisch kannst Du Dich nicht willentlich entziehen); das Mitgefühl läßt sich mit dem Willen steuern (Du hast Dich entschieden die Frau in den Arm zu nehmen). Mitgefühl kann man auch üben.
    Ich wünsche Dir nach so einer schönen Erfahrung weiter einen richtig positiven Tag.

    Viele liebe Grüße
    Rudi

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