Feiertage sind schwere Tage

Das ist so. So geht es nicht nur mir damit. So geht es den meisten Bewohnern.

„Warum das denn?“, werdet ihr fragen.

Das muss damit zusammenhängen, dass kein Bewohner wirklich freiwillig hier ist. Für uns Bewohner splittet der Einzug ins Heim unser Leben in ein Davor und ein Danach.

Davor

war das Leben noch selbstbestimmt.
hatte man seine eigene Wohnung.
hatte man Kollegen, Freunde, Familie. Die konnte man einladen und bewirten. Genau so konnte man sie besuchen.
Ich konnte Laufen, Fahrradfahren, Autofahren.
Ich brauchte nicht darüber nachzudenken, ob ich eine Wohnung betreten konnte, ob es Treppen oder Stufen gibt. Ich kam ÜBERALL hin.

Danach

ist man sehr auf die Hilfe anderer angewiesen.
muss man um Hilfe bitten, um einfache Dinge zu erreichen
arbeitet man schon lange nicht mehr, hat daher keine Kollegen mehr (teilweise auch gut, denn auch keine unliebsamen)
viele Freunde sind „verschwunden“. Bei den Senioren sind sie oft schon gestorben. Bei mir haben sich unsere Lebensrealitäten zu sehr auseinander bewegt.
Die Senioren sind oft verbittert. Verbittert, dass sie früher hart gearbeitet haben und jetzt zum Bittsteller geworden sind.
Ich bin traurig. Traurig, weil die anderen Dinge erleben, Orte besuchen die ich niemals mehr sehen werde.
Meine Familie kommt mich zwar besuchen. Aber ich kann nur mit ihnen zusammen sein, wenn wir uns in einem Lokal treffen oder bei mir im Heim. Bei meiner Schwester bin ich noch nie in der Wohnung gewesen, da Altbau, Wendeltreppe, 2½. Stock. Ich würde noch nicht mal zur Haustür kommen, da freie Treppe ohne Geländer.

Darum

also sind Feiertage schwer.
Vor allem Feiertage, die traditionell im Kreise der Familie stattfinden.
Man sieht dann irgendwann nur noch das was fehlt.
Leider rutscht man dann auch schnell ab ins Selbstmitleid. Schon laufen die Tränen über die Wangen.

Das niederzuschreiben hat gut getan. Jetzt fühle ich mich erleichtert. Ein Blog mit therapeutischer Wirkung!😉

21 Kommentare zu „Feiertage sind schwere Tage

  1. Hallo liebe Katrin, ich verstehe dieses vorher und nachher.
    Ich glaube aber auch, dass es für manche Senioren (Bewohner) besser im Heim läuft.
    Irgendwann kommt Verklärtheit dazu. Es wird nicht mehr gesehen, wie schwierig es vielleicht die letzten Jahre, die letzte Zeit zu Hause war. Für manche ist es da im Heim sicherlich objektiv besser, aber der eigene Geist, der mag das nicht sehen.
    Da, wo Leben auseinander gerissen werden, wie bei Dir, da ist es schwer, weil es unweigerlich ein vorher und nachher gibt.
    Ich habe mir meine Advents- und Weihnachtszeit inzwischen erobert. Und das wünsche ich Dir auch!
    Und vielleicht erträgst Du nicht nur irgendwann, wie andere die Zeit verleben, vielleicht freust Du Dich auch mit ihnen. Oder mit Dir. Irgendwann. LG!

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  2. Katrin, es ist kein Selbstmitleid, Du analysierst Deine Situation mit schonungsloser Offenheit – ich glaube, dass viele, die das ‚Jammern auf hohem Niveau‘ zur Kunstform gemacht haben, gar nicht wissen, wie gut es ihnen geht und dass viele Dinge im Leben trivial sind, wenn man sein Leben noch nach eigenen Wuenschen lenken kann.
    Ich wuensche Dir frohe Weihnachten, ich bin ueberzeugt, dass Du eine Inspiration fuer viele Deiner Leser bist, wir koennen alle sehr viel von Dir lernen. Liebe Gruesse von Andrea

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  3. Ich halte es nicht für Selbstmitleid, wenn man an einem Feiertag den Verlust von Selbstbestimmtheit und Freunden betrauert. Wenn nicht dann, ja wann dann? Tränen müssen manchmal raus, sonst kommt irgendwann die Bitterkeit und dann wird es ganz finster…

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      1. Für viele ist Weinen ein verbotener Vorgang, der nicht zugelassen werden darf. Wegen der inneren Stärke oder dem gefühlten Gesichtsverlust usw. Ich nehme mir manchmal einen „Tag für die Traurigkeit“, an dem ich mich bewusst von den Tränen überrollen lasse. Danach ist es besser. Jedes Mal.

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  4. Es ist kein Selbstmitleid. Nein, so empfinde ich es nicht. Es ist Trauerarbeit, denn man muss seine erste Lebenszeit mit allem drum und dran begraben. Das geht nicht von heute auf morgen, denn es will durchlebt und abgearbeitet werden. Und es ist damit noch nicht mal getan, weil mit Schüben auch in Zukunft nichts bleiben wird, wie es ist. Was du geschrieben hast macht betroffen und das soll es auch.

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  5. Ohja, das Schreiben im Blog hilft! Manchmal habe ich dann das Gefühl, das man die Gedanken und Gefühle in einen Vogel verwandelt hat und sie mit der Veröffentlichung hat fliegen lassen. Danach denkt man noch daran, aber es ist irgendwie leichter….
    Die Feiertage sind für die meisten Menschen ein Zeitpunkt, einen Summenstrich zu machen und Bilanz zu ziehen, oder? Es ist so leicht, dann zu vergleichen, wie es früher war und wie es jetzt ist und wie es noch sein mag… meine Mutter hat beim Kochen fast immer geweint. Kochtopfweinen. Ich habe es früher nicht verstanden. Ich verstehe sie langsam mehr und mehr…

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  6. So geht es jedem Rentner wohl auch. Ehrlich gesagt, nervt mich auch, dass sonntags immer alles geschlossen ist. Das verschärft das Problem. Ich denke, gerade Studenten würden gern am Wochenende arbeiten, wie ich es bspw. aus den Niederlanden kenne. So wird ein Sonntag nur für die sehr ruhig, die ihn auch ruhig brauchen. Herzliche Grüße an Dich, Barbara (Ann)

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