Muddi!

Nach der singenden, fluchenden Kölnerin (ich erzählte davon) habe ich seit einiger Zeit wieder einen stimmgewaltigen Nachbarn.

Auch er ist dement und bettlägerig. Auch bei ihm steht die Tür zum Flur immer offen. So kann das Personal besser merken, wenn er Hilfe benötigt. Er hat zwar auch eine Klingel, über die er die Schwestern / Pfleger rufen kann. Es wird ihm auch immer wieder erklärt, wie er sie nutzen kann. Doch schnell vergisst er das wieder.

Sein Weg ist es, durch lautes Rufen auf sich aufmerksam zu machen. Und zwar ruft er nicht „Schwester!“ oder „Pfleger!“, sondern er ruft „Muddi!“, seine Mutter.

Am hellichten Tag stört mich das nicht so wahnsinnig. Es kommt auch immer relativ schnell einer vom Pflege-Personal und kann ihn beruhigen. Oder ich fliehe, verlasse mein Zimmer.

Anders ist das nachts. Mindestens ein Mal ruft er auch nachts, auch nach Mitternacht.

Es hat sich bei mir mittlerweile eingependelt, dass ich relativ spät schlafen gehe. Da wurde dann schon sein permanent laufender, recht lauter Fernseher abgeschaltet. Dann genieße ich die Ruhe!

Mitten in der Nacht schrecke ich aus dem Tiefschlaf auf. Eine donnernde Stimme ruft: „Muddi… MUddi… MUDDI!!! MUDDI!!! VERDAMMT NOCH MAL!!! WO BLEIBST DU DENN?!?“

Immer weiter ruft der Nachbar. Mal wird es etwas leiser, dann wieder lauter, dann ohrenbetäubend laut. Das Fluchen nimmt zu. Dann bricht die Stimme. Es gibt eine kurze Pause. Doch dann beginnen die Rufe wieder, etwas weniger laut.

Endlich höre ich das Klingeln eines Diensttelefons. Es kommt näher. Es ist die Nachtdienst-Pflegekraft. Da im Nachtdienst eine Pflegekraft für fast 40 Bewohner in insgesamt 2 Wohnbereichen zuständig ist, kann es durchaus schon einmal etwas länger dauern, bis die Pflegekraft beim klingelnden Bewohner ist. Wenn der Bewohner nur durch Rufen auf sich aufmerksam machen kann, muss die Nachtdienst-Pflegekraft zufällig in der Nähe des Rufenden sein.

Auf jeden Fall kam die Schwester. Sie konnte den Nachbarn beruhigen. Schnell schlief er wieder ein.

Irgendwann schlief auch ich wieder ein.

Schreien oder Rufen: Eine echte Herausforderung für Pflegende (und Mitbewohner!)

28 Gedanken zu “Muddi!

  1. Liebe Katrin,

    was Du schreibst ist eine richtige Not, ein Drama, ein richtiges Leiden – für Dich wie auch für ihn! Es gibt EINE Möglichkeit, mit dieser Not umzugehen: Du hast ja richtig erkannt, er ruft nach seiner Mutter. Spüre diese Not ein wenig nach… aber nur so weit, bis sie beginnt Dir weh zu tun. Dann gib Deinem inneren Impuls nach, ihm zu helfen. Schicke ihm Mitgefühl, Wohlwollen, Verstehen, Akzeptanz… wie bei einem Gebet für einen Dir wichtigen Menschen… schicke sein Schreien weit weg, schiebe es an den Rand Deiner Aufmerksamkeit… und komme immer wieder auf das Mitgefühl zurück. Und ganz wichtig: Hab auch Mitgefühl und Nachsehen mit Dir, wenn es nicht so klappen will; Dein Versuch und Dein Bemühen ist das alles Entscheidende. Jede weitere Nacht, jeder neue weitere Versuch wird Dich innerlich verändern… und das Schicken von Mitgefühl wird Dir immer ein klein Wenig leichter fallen…

    Ganz liebe Grüße, Rudi

    P.S.: Wenn Dich die Grundlagen interessieren: Google mal nach Tania Singer, Paul Gilbert, Christoper Germer, Kristin Neff oder Christine Brähler.

    Gefällt 2 Personen

    1. Guten Abend, Katrin,
      durch Zufall habe ich deinen Blog entdeckt und bin ich, wie du, Apothekerin. Vor 20 Jahren hatte ich einen Autounfall und bin deshalb arbeitsunfähig. Bleibe weiter so stark und mich beeindruckt sehr, was du hier verfasst. Deine Artikel sind Gold wert! Wir haben fast den selben Vornamen und viele Grüße, Catrin

      Gefällt 1 Person

      1. Liebe Catrin,
        danke für deine lieben Worte! Du bist also auch Apothekerin. Vermisst du es noch manchmal, den Beruf nicht mehr auszuüben? Ich bin mittlerweile ganz froh, den heutigen Apothekenzirkus nicht mehr mitmachen zu müssen. Ist das schon Altersweisheit? Egal. Immerhin mache ich mir mein Leben nicht mehr dadurch schwer, indem ich dem beruflichen Arbeiten nachtrauere.
        Liebe Grüße, Katrin

        Gefällt mir

      2. Guten Morgen, Katrin, vielen Dank für deine nette Antwort. Dem Beruf des Apothekers traue ich manchmal nach. Den „Affenzirkus“ möchte ich nicht mehr mitmachen und soviel Bürokratie nervt einen. Jetzt male ich Bilder und das bringt mich schon weiter. Viele Grüße, Catrin

        Gefällt 1 Person

  2. Als ich vor einem Jahr fünf Tage auf der neurologischen Station eines Krankenhauses zugebracht habe, gab es auch so einen Fall. Die Geräuschkulisse war schon schlimm, wir waren aber auch deshalb gestresst, weil wir ganz deutlich gefühlt haben, dass die Frau sich furchtbar alleine fühlt und leidet. So eine Situation ist für alle Beteiligten schlimm, ich hoffe, es findet sich bald eine Lösung.

    Gefällt 2 Personen

    1. Es sind immer noch andere Pflegekräfte im Haus und noch eine andere auf dem selben Wohnbereich. Sie helfen sich dann untereinander wenn nötig. So hat z.Bsp. eine Pflegekraft Wohnbereich 1 und eine Hälfte von WB2. Eine weitere hat WB3 und die andere Hälfte von WB2, Für WB4 gelten ganz andere Regeln, da dort oben die Fachabteilung für Menschen im Wachkoma ist. Da gibt es eine ganz andren Personalschlüssel.

      Gefällt 1 Person

      1. das klingt ja schon relativ durchdacht… da wo ich einige Jahre tätig war, gab es in der Nachtschicht für insgesamt ca 130 Bewohner !!! nur eine Fachkraft plus eine Hilfskraft. Für alle drei Etagen (pro Etage ein Wohnbereich).
        Das war oft eine regelrechte Zumutung und wurde auch mehrmals mit der Pflegedienstleitung und der Firmenleitung „besprochen“. Leider hat sich wohl nie was an dieser Situation geändert.

        Gefällt 1 Person

  3. Ich bin als Physiotherapeutin viel in Pflegeheimen unterwegs und kenne daher schreiende Bewohner. Sie sind tatsächlich eine Belastung für ihre Mitmenschen. Sei froh, dass dein Nachbar sich beruhigen lässt. Ich habe Patienten erlebt, die um Hilfe rufen und nicht aufhören, obwohl man daneben steht und den Bewohner anspricht.

    Gefällt 2 Personen

  4. Spürte beim Lesen wie alles in mir nach „Lösungen“ rief *schmunzle
    Erstmal dir und ihm mein Mitfühlen.

    … und dann darf ich meinem Lösungsorientierten Denken freie Bahn lassen: wenn ich es recht verstehe dauert es unnötig lang, weil er nicht immer gehört wird. Könntest du mit dem Personal absprechen, dass du, da ja sowieso geweckt, klingelst? Darum wissend, dass er schnelle Hilfe bekommt, kannst du es dann vielleicht weniger belastend erleben.

    … irgendwann wird er auch vergessen haben wer „Muddi“ ist, das Rufen wird verstummen. Wen werde ich mit meinem Rufen um den Schlaf bringen?

    Gefällt 2 Personen

  5. Liebe Katrin,
    das ist schlimm, dass Du schon wieder so laute Nachbarschaft hast!
    Ich wünsche Dir sehr, dass da bald eine Lösung gefunden werden kann!

    Da ich nicht direkt beteiligt bin, weiß ich nicht, ob ich einen adäquaten Rat geben kann. Aber bei solchen Situationen kommen meine Gedanken immer gleich in Bewegung und suchen nach Auswegen.

    Das erste sind Möglichkeiten, Dich selbst zu schützen. Bei Meditationsübungen lernte ich mal den Satz kennen, den ich seither sehr schätze: Alles, was Du von außen hörst, hilft Dir noch mehr in Entspannung zu kommen. Bei mir hat das sogar bei lärmender Umgebung geholfen. Natürlich braucht es etwas Übung und dieser Satz muss (zunächst) eingebettet sein in die ganze Entspannungsübung.

    Vielleicht hilft auch ein Gehörschutz, wie hier schon vorgeschlagen wurde. Ich persönlich finde Oropax am angenehmsten. Ich nehme nie mehr etwas anderes.

    Auch den Vorschlag, mit den Nachtdiensten zu vereinbaren, dass Du klingelst, wenn Dein Nachbar wieder ruft, finde ich eine gute Übergangslösung. Aber besser noch ist, wenn Du Dich nicht darum kümmern musst, sondern eine andere technische Lösung gefunden wird. Es gibt Schalter, die bei Auftreten von Geräuschen Alarm geben. So etwas gibt es preiswert zu beschaffen. Das sind Funkschalter, deren Sensor sich neben der Hausklingel befindet und über Funk Alarm gibt, wenn es klingelt. Der Empfänger kann dann in der Tasche mitgenommen werden oder auch ständig dort deponiert sein, wo man die Klingel nicht hören kann, im Keller, im Garten … Ich kenne das in einem Haushalt eines älteren schwerhörigen Ehepaares, das oft seine Hausklingel überhört hat. Allerdings gibt das Gerät auch Alarm, wenn die Wohnungstüre etwas unsanft geschlossen wird … 😉

    Ich wünsche Dir alles Gute und möglichst wenig belastenden Lärm!
    Lieben Gruß, Michael

    Gefällt 2 Personen

  6. Ja liebe Katrin, das ist tatsächlich schwierig. Ich bewundere immer wieder deine besonnene Art, mit all dem als aufmerksame Bewohnerin, Nachbarin und sicher auch manchmal Freundin, umzugehen.
    Den Abstand und zugleich die Empathie zu behalten und auch an dich selbst dabei zu denken.

    Die Vorschläge der vor-mir-Schreibenden finde ich auch alle gut, es wird sich zeigen WAS davon bei euch umsetzbar ist und für eine tatsächliche Lösung hiflreich ist.
    Ich konnte mich einmal ausführlich mit einer Angehörigen eines oft schreienden, hochdementen Bewohners unterhalten. Dabei dann heraushören, dass er in seinem „früherem Leben“ (ich weiß, das klingt gemein) sehr gern gebastelt hatte und immer mal eins oder zwei seiner „Stücke“ am Bett stehen gehabt hatte, um sie zu betrachten und bei sich zu haben.
    Die Angehörige hatte dann tatsächlich einige wenige Stücke gefunden und mitgebracht. Wir haben dann ab und zu mal eins – immer gut für ihn sichtbar – für einige Tage und Nächte aufs Fensterbrett oder seinen Nachttisch gestellt, Es half ein bisschen, sein Rufen und Schreien wurde zumindest weniger…

    Ich drücke dir alle meine Daumen und hoffe, es wird eine gute Lösung für euch alle gefunden.

    Gefällt 1 Person

  7. Hallo Katrin, ich hoffe und wünsche dir, daß du es mit der Zeit immer gelassener nehmen kannst. Das muß erst mal ganz schön heftig sein. Ich habe spontan an ein Babyphone gedacht, was man dem Herrn ins Zimmer stellen könnte. So kriegen die Pfleger evtl. auch mit, wenn etwas los ist (wenn sie das Gegenstück in der Nähe haben). Ich glaube auch, daß Wichtigste ist „loslassen“. Da die lauten Bewohner nicht woanders hinkönnen, bleibt dir nur für dich selbst einen Weg der Entspannung zu finden, aber es hört sich ja so an, als wärest du schon dabei 🙂 Vielleicht weckt er dich sogar irgendwann gar nicht mehr. Ich drück die Daumen!! LG, Almuth

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s