Ich kann sie so gut verstehen!

Vorhin begegnete ich Frau B. im Gang vor meiner Tür. Sie lief wieder fleißig ihre Runden mit Rollator.

„Guten Morgen, Frau B.! Haben Sie oben gefrühstückt? Ich habe Sie beim Frühstück unten vermisst!“, sagte ich.

Sie zog die Stirn ganz kraus. Dann ließ sie den Kopf hängen und murmelte: „Nein. Ich war hier oben.“

„Aber heute Mittag kommen Sie runter, oder? Wir vermissen Sie unten, Frau G. und ich!“, sagte ich ganz munter.

„Ach, ich glaube ich bleibe lieber oben“, murmelte sie ganz niedergeschlagen.

„Aber warum denn? Geht es Ihnen nicht gut?“, ganz besorgt sah ich sie an.

„Doch. Doch. Aber ich fühle mich da so beobachtet“, antwortete sie.

„Beobachtet? Von wem denn?“, ich war fassungslos.

„Na von den anderen Bewohnern unten“, meinte sie traurig.

„Warum das denn???“, fragte ich entgeistert.

„Na, weil ich irgendwann wieder gehe, weil ich kein dauerhafter Bewohner bin, nur einer zur Kurzzeitpflege“, war die betrübte Antwort.

Eigentlich sollte man sich darüber freuen. Aber Frau B. war ganz unglücklich.

Es gibt nichts schlimmeres, als zu denken was andere denken könnten. Das stimmt selten. Ich mache das leider auch immer wieder.

„Wissen Sie was? Normalerweise interessiert sich der Mensch hauptsächlich für sich selbst. Dann erst kommen, wenn überhaupt, andere. Wir sind gar nicht so interessant für andere wie wir immer meinen!“, sagte ich mit Nachdruck.

Das sagte mir früher immer meine Mutter. Jetzt, nach genügend eigener Erfahrung, muss ich ihr Recht geben. Dies zu denken, glauben, sich zu eigen machen, fällt mal leichter, mal schwerer. Man muss es immer wieder üben.

„Darf ich sie mal drücken?“, fragte ich Frau B., die da stand wie ein Häuflein Elend.

„Ja“, hauchte sie.

Ich umarmte sie und strich ihr über den Rücken.

„Ich hab sie sehr lieb“, sprach sie noch während wir uns umarmten. Dann löste sie sich von mir, sah mir in die Augen und wiederholte: „Wirklich! Ich vermisse Sie doch auch. Ich habe Sie wirklich sehr lieb! Sie … die Frau G. natürlich auch. Aber Sie ganz besonders!“

Da wurde mir ganz warm ums Herz!

pixabay.com

22 Kommentare zu „Ich kann sie so gut verstehen!

  1. Auch ich war viel zu oft in anderer Menschen Köpfe. Meinen Eltern war es wichtig, was die Leute sagen. Das war ihre Überlebensstrategie als Kinder des dritten Reiches: Nicht auffallen. Dazu ist es natürlich erforderlich, sich in den Köpfen anderer zu bewegen. Was den eigenen lähmt und bremst. Irgendwann bin ich in die entgegengesetzte Richtung gelaufen. Aus Protest laut und anmaßend geworden, auffallend, wo immer möglich. Kompensation klassisch wohl.

    Heute darf ich anders leben.
    Das wünsche ich auch der Frau B.

    Danke für den bewegenden Eintrag und lieben Gruß Dir !

    Gefällt 1 Person

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