Ich weiß nicht…

Ich höre sie, wie sie mit schlurfenden Schritten über den Flur wandert, durch meine geschlossene Zimmertür höre ich sie.

Kurz darauf höre ich sie wieder, wenn sie zurückläuft.

Dann höre ich eine Zeit lang nichts mehr.

Doch, ist sie das? Die schlurfenden Schritte kommen näher, werden lauter.

Ich entschließe mich die Tür zu öffnen.

„Hallo Frau Kv!“, spreche ich sie an, „Suchen Sie etwas?“

„Ich weiß nicht…“, antwortet sie.

„Wo wollen Sie denn hin?“, frage ich.

„Ich weiß nicht…“, sagt sie wieder.

„Suchen Sie den kleinen Speisesaal?“, mutmaße ich.

„Ich weiß nicht… ach… ich weiß gar nichts mehr…“, sie ist ganz verzweifelt.

„Kommen Sie mal mit. Wir gehen mal in den kleinen Speisesaal. Dort können Sie sich mit anderen Bewohnern unterhalten, ein wenig plaudern“, ich fahre mit meinem Rolli voran. Sie kommt mit ihrem Rollator hinter mir her.

„Ach… es wird alles immer schlimmer… ich weiß gar nichts mehr…“, sie ist so unglücklich.

Wir erreichen den kleinen Speisesaal. Dort treffen wir auf Frau A.. Sie ist auch sehr verwirrt. Es fällt ihr schwer, zusammenhängende Sätze zu bilden. Sie irrt mit ihrem Rollator durch den kleinen Speisesaal, bleibt immer wieder an Tischbeinen hängen.

„Und was soll ich jetzt hier?“, fragt Frau Kv..

„Vielleicht möchten sich die Damen zusammen an einen Tisch setzen und sich etwas unterhalten?“, schlage ich vor. Ich bin definitiv mit meinem Latein am Ende. Ich habe zum Umgang mit Dementen nichts gelernt. Ich kann nur freundlich sein, Hände halten, beruhigend Arme und Hände streicheln.

Frau Kv. wandert weiter. Sie geht in Richtung ihres Zimmers.

„Halt! Wa..wa…warten… Wohin? Halt!“, Frau A. trippelt hinter ihr her.

Ich begebe mich wieder in mein Zimmer. Das hier ist keine Formel, keine Gleichung, die ich lösen kann. Das hier ist viel komplizierter. Hier hilft nur Menschlichkeit, Zuwendung. Ich habe mein bestes gegeben.

Demenz kann so grausam sein, gerade am Anfang, wenn die Betroffenen ihre Veränderung noch so klar mitbekommen.

17 Kommentare zu „Ich weiß nicht…

  1. „Ich kann nur freundlich sein, Hände halten, beruhigend Arme und Hände streicheln“, schreibst du.
    Ich klaue dir das „nur“ und schon kannst du alles was hilft – Herzenswärme und Berührung, beides sagt deinem Gegenüber „du bist da, ich nehme dich wahr“
    Ich sage hier einfach mal „Danke“ für die die es gerade nicht können, und dir stellvertretend „Danke“ für die denen ich es vielleicht irgendwann nicht mehr sagen kann.

    Gefällt 4 Personen

  2. Liebe Katrin
    Du machst schon so viel mehr als viele andere. Das „nur“ in dem Satz ist völlig unbegründet. Du tust alles, was du machen kannst (und oft hilft „Da sein“ und „die Hand halten“ am besten), während manche andere einfach wegschauen. Aber auch dieses Wegschauen ist nicht immer böse, sondern weil viele damit überfordert sind. Du bist da und zeigst den Bewohnern, dass sie nicht alleine sind. Du gibst ihnen auch Halt damit. Und indem du auf deinem Blog darüber schreibst, öffnest du auch anderen die Augen und zeigst, wie es wirklich ist. Oft werden demente und verwirrte Menschen belächelt oder einfach darüber hinweggesehen. Daran, dass es den Betroffenen (und nicht nur den Angehörigen) damit sehr schlecht gehen kann, denken manche gar nicht. Solche kleinen Berichte wie deiner schaffen Bewusstsein und dein Handeln hilft den Personen direkt. Ich denke, dass du für die Bewohner eine große Bereicherung bist. Deine Berichte bewundere ich immer sehr, weil sie so ehrlich sind und so viel mehr dahinter steckt, als das auf den ersten Blick banal Klingende. Darum liebe ich deinen Blog.
    Alles Liebe,
    Melanie =^_^=

    Gefällt 2 Personen

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