Schon wieder ein Abschied

Abschied nehmen, das tut der Mensch eigentlich sein ganzes Leben lang. Mit der Geburt nehmen wir Abschied von unserer wohlig, warmen Umgebung all-inclusive in Mamas Bauch.

Wenn das Kind in den Kindergarten kommt, nimmt es zeitweise Abschied vom behüteten, beschützten Elternhaus/-wohnung.

Kommt es in die Schule, nimmt es Abschied vom bekannten Kindergarten und den bekannten Spielkameraden.

Aus Grundschule wird weiterführende Schule.

Aus weiterführender Schule wird Lehrstelle/Berufsschule oder Fachhochschule oder Universität.

Dann verlässt man die Schulen und kommt zu einer beruflichen Anstellung oder Selbstständigkeit.

Ein Lebensweg nimmt diesen Verlauf im günstigsten Fall. Immer wieder sind die einzelnen Stationen mit Abschieden von Menschen, Umgebungen, liebgewonnenen Dingen und Routinen verbunden.

Bei der Multiple Sklerose ist es aber so, dass die natürliche Abfolge von Lebensstufen durcheinander gerät. Man erlebt Abschiede, die eigentlich längst noch nicht dran sind. Das ist manchmal sehr schwer zu verdauen.

So bekam ich im Alter von 35 schon meine erste Rente. Erst einmal befristet auf 2 Jahre. Man glaubt es kaum, aber der Glaube an die Wissenschaft war so groß, dass man es für möglich hielt, dass man mich in dieser Zeit von der Multiple Sklerose heilen könnte.

Tja, was soll ich sagen: 2 Jahre später war die MS immer noch da. <– Schwarzer Humor, hr, hr, hr! 😈

Nicht nur, dass sie noch da war, sie nahm auch immer mehr Fahrt auf. Die Rente wurde unbefristet verlängert.

Nach und nach nahm sie mir immer mehr.

  • Ich konnte nicht mehr hören auf einem Ohr.
  • Ich konnte nicht mehr lesen, denn die Buchstaben verschwammen oder entwickelten ein Eigenleben und liefen einfach weg.
  • Ich konnte nicht mehr schreiben.
  • ~~~~~
  • Lesen geht jetzt wieder auf dem E-Reader, weil ich da die Buchstaben schön groß machen kann. Schreiben geht zumindest am PC!
  • ~~~~~
  • Ich konnte nicht mehr Autofahren.
  • Ich konnte nicht mehr als Apothekerin arbeiten,
  • Ich konnte kein Karate mehr betreiben.
  • Ich konnte nicht mehr laufen.
  • ~~~~~
  • Ich konnte nicht mehr selbstständig leben und musste in ein Pflegeheim ziehen.
  • ~~~~~
  • Ich konnte nicht mehr Waldhorn blasen.
  • Ich habe das Horn verkauft.
  • ~~~~~
  • Ich konnte meine Querflöte nicht mehr spielen.
  • Und jetzt habe ich am Samstag meine Flöte verschenkt.

Allerdings fand ich immer, dass Instrumente gespielt werden sollen. Sie nutzen niemandem, wenn sie ein schweigsames Schubladendasein fristen. Das Horn habe ich damals noch verkauft.

Aber meine Flöte habe ich einem sehr lieben Menschen geschenkt. Ich brachte ihr damals das Querflötenspiel bei. Sie ist eine der ganz wenigen Bekannten, die unseren Kontakt aufrecht erhält. Sie ruft an. Sie schreibt. Sie schickt mir ab und zu ein Päckchen. Wenn sie ihre Eltern in Krefeld besucht, hat sie auch immer Zeit, kurz bei mir rein zu schauen. (Sie wohnt selber mit Mann und Tochter in Süddeutschland.) Wenn meine Querflöte bei irgendjemandem gut aufgehoben ist, dann bei ihr. Sie spielt immer noch Flöte bei verschiedenen Anlässen. Bei ihr lebt die Flöte weiter! Das macht diesen Abschied für mich leichter!

26 Gedanken zu “Schon wieder ein Abschied

  1. Liebe Katrin,
    Du bist eine tapfere Frau, Dein blog zeigt, wie kostbar das Leben ist – und wie schnell es sich aendern kann. Du musst taeglich Hearusforderungen bewaeltigen, an die man als gesunder Mensch gar nicht denkt. Dein blog ist eine Inspiration und ich bewundere Deinen Einsatz.
    Es ist schoen, dass Deine Floete wieder gespielt wird. Es ist traurig, wenn Menschen den Kontakt einschlafen lassen, wenn jemand krank ist.
    Viele Gruesse und einen (hoffentlich) sonnigen Sonntag.
    Andrea

    Gefällt 4 Personen

  2. Liebe Katrin,
    wie berührend was du uns von dir, deiner Krankheit und den damit verbundenen Abschieden schreibst.
    Mein Herz ist in der Tiefe ganz mit dir mit gegangen….
    Das sind total große Herausforderungen des Lebens vor die du immer wieder gestellt bist.
    Du bist so eine Tapfere!!!!!
    Die Entscheidung deiner Freundin die Flöte zu schenken fühlt sich goldrichtig an.
    Jemand, der dir so zugetan ist wie du es beschreibst, wird sie immer auch im Gedanken an dich spielen
    und sie schätzen ein Leben lang……Du hast den richtigen Menschen und gute Hände dafür ausgesucht
    finde ich auch…
    Vielleicht spielt sie dir ja Weihnachten einmal durchs Telefon ein Lied, dass habe ich mit einem anderen
    Instrument mal für liebe Menschen getan….
    Alles Liebe und Gute dir liebe Katrin,
    sei beschützt und immer wieder gestärkt beim Tragen,
    herzlichst
    Monika*

    Gefällt 3 Personen

  3. Liebe Katrin, die Abschiede kommen und fragen nicht, ob wir uns dafür (schon) bereit fühlen!
    Nun musstest Du Abschied nehmen und hast diesen mit einem wunderbaren Geschenk verbunden. Das nimmt nicht den Abschiedsschmerz, aber es tut doch gut, im Herzen, wenn mensch weiß, jemand liebt dieses Tun genauso, wie Du es getan hast und wird dieses Geschenk in Ehren halten!
    Dankeschön fürs Teilen!

    Gefällt 1 Person

  4. Meine liebe Katrin
    dieser Beitrag von dir macht mich sehr betroffen.
    Ich kann dir nachfühlen, wie hart dieses Abschied nehmen von deinem damaligen Leben gewesen sein muss.
    Und ich bewundere, wieviel Kraft du als relativ kleine und zarte Person in dir trägst, dass du all das ertragen konntest und dich so gut in deinem neuen Leben zurecht gefunden hast.
    Ich weiss nicht, ob ich diese Stärke und diesen Lebenswillen wie du aufbringen könnte, wenn das Schicksal mich dazu zwingen würde?

    Aber ich bin nicht traurig. Ich freue mich über jeden neuen Beitrag von dir, der mir in meine Mailbox flattert – es sind so viele mutmachende Dinge, die du mir weitergeben kannst.

    Du hast jetzt also auch deine Querflöte in die Hände eines sehr lieben Menschen weiter gereicht – einer Frau, die wie ich glaube ein wahrhaft sehr lieber Mensch ist und der es eure Freundschaft Wert ist, sich jeweils auch die Zeit zu nehmen, bei dir vorbei zu schauen und zu sehen, wie es dir geht.
    Toll, dass du so einen Menschen kennst.

    Alles Gute, liebe Katrin – ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge von dir.

    gerry aus Frankreich

    ps. mein einschneidenstes Abschied nehmen war, ( neben dem Tod meiner Eltern ) als meine Eltern mit mir von Berlin in die Schweiz übersiedelt sind und wir praktisch alles bis auf ein paar Kleinigkeiten zurück lassen mussten. Zurück auf Null . . .

    Gefällt 1 Person

  5. Liebe Katrin,

    die Abschiede (wobei ich bewusst Übergänge dazu sage) beschäftigen mich gerade auch sehr.

    Meine MS ist jetzt seit 17 Jahren diagnostiziert, nahezu mein halbes Leben… Der Übergang vom stundenlangen Erlaufen meiner Umgebung in den Rollstuhl für längere Strecken (ab 200m) letztes Jahr war der erste harte Übergang, den ich meistern musste.
    Denn er kam so plötzlich.
    Die schleichenden Übergänge integriert man gut in seinen Alltag, aber wenn man, wie Du es warst, damit konfrontiert wird, Entscheidungen plötzlich treffen zu müssen geht das nur schwer und bedarf großer Anstrengung.

    Ich gehe davon aus, dass meine aufzugebenden Dinge nicht aufhören werden, aber ich arbeite für jedes Stück Autonomie, um die Übergänge selbst gestalten zu können und ziehe auch Kraft aus Deinem Blog. Vielen Dank dafür!

    Herzliche Grüße,
    Katja

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Katja,
      das ist eine gute Idee, die Abschiede Übergänge zu nennen! Das klingt besser. Das werde ich von dir übernehmen. Es freut mich, dass dir mein Blog etwas gibt. Daran kannst du sehen, dass vieles eben doch noch geht – nur eben anders! 😉
      War das nicht die Losung des diesjährigen MS-Tags? Erst fand ich den Spruch ja doof. Aber mit Abstand gefällt er mir doch ganz gut! 🙂

      Gefällt mir

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