Frage einer Leserin über den Tod

Letztens fragte mich eine Leserin des Blogs: „Wie geht man eigentlich mit dem allgegenwärtigen Tod um?“ Das werde ich immer wieder mal gefragt. Das „man“ kann ich auf zweierlei beziehen:

1) das Gerhard-Tersteegen-Haus

und ganz persönlich
2) Ich

Zu 1) : Hier im Haus geht man mit sehr viel Respekt und Würde damit um.

Schon beim Einzug betreut eine Dame des Solzialdienstes den neuen Bewohner. Sie klärt ab, ob eine Patientenverfügung vorliegt. Wenn nicht, macht sie gemeinsam mit dem Bewohner oder seinem Betreuer eine.

Es wird auch geklärt, ob eine Betreuungsvollmacht vorliegt und eventuell eine gemacht.

Außerdem versucht sie in einigen Gesprächen, den Bewohner etwas näher kennen zu lernen, seine Vorlieben und was er nicht mag.

Das hilft dem Personal, dem ‚Neuen‘ den Einzug zu erleichtern. Immerhin wurde das bisherige Zuhause verlassen. Es wird alles versucht, dem Bewohner seinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, sei er für viele Jahre oder Monate oder nur Tage hier.

Da sich der Sozialdienst schon von Anfang an darum kümmert, kann man im Falle des Todes angemessen und im Sinne des Bewohners mit seinem Tod umgehen. Denn auch das ist ein Thema, über das mit dem Bewohner gesprochen wird.

Vierteljährlich findet eine Gedenkfeier für die in dem Quartal Verstorbenen statt. Hier wird dann noch einmal an die Verstorbenen erinnert.

Außerdem gibt es einen Stein mit Namen und Geburtstag und Todestag des Bewohners. Angehörige können ihn mit nach Hause nehmen oder sie verbleiben im Garen des GTH. Dort gibt es eine Stelle mit Kreuz, Bänken zum ausruhen und nachdenken und Säulen aus Plexiglas, in die die Steine gefüllt werden.

Andachtsecke im Garten des GTH

Andachtsecke im Garten des GTH

Kommen wir nun zu 2)

Es ist ganz verschieden, wie ich damit umgehen kann. Sicherlich spielt eine Rolle wer starb. Zu einigen Bewohnern habe ich eine innigere Beziehung, als zu anderen. Das ist hier nicht anders, als außerhalb des Heims.

Ich bin mittlerweile seit 3½ Jahren hier. Den Wurzelsepp und auch meine liebe Tischnachbarin, Frau K. hatte ich sehr in mein Herz geschlossen. Der Abschied von ihnen war nicht einfach für mich. Ich habe durchaus auch geweint. Aber ich wusste, dass für sie der Tod eine Erlösung war.

Auch mein Schachpartner, Herr R. fehlt mir. Auch er wollte schon seit seine Frau gestorben war nicht mehr hier sein. Auch für ihn war der Tod eine Erlösung.

Im Speisesaal steht ein Sideboard, auf dem Andachtstafeln für die Verstorbenen 2 Wochen aufgestellt werden. So wird der Verstorbenen gedacht und alle Bewohner werden hier informiert.

Andachts-Sideboard

Als dort die Tafeln meiner Lieblinge standen, hatte ich immer einen Kloß im Hals, wenn ich daran vorbei kam.

Doch viele der Verstorbenen kannte ich nur flüchtig oder gar nicht. Dann empfinde ich es nicht als bedrückend, zu erfahren dass es einen Todesfall gegeben hat. Das ist im Prinzip nichts anderes, als Todesanzeigen in der Zeitung. Da reagiert man nur heftiger, wenn man die verstorbene Person kannte.

Aber der Tod gehört nun mal zum Leben dazu. Von dem Tag an, wo wir auf die Welt kommen, nähern wir uns Tag für Tag dem Tod. Es ist eher tröstlich zu sehen, wie alt die meisten Bewohner des GTH werden!

Als ich hier einzog, ging es mir ziemlich schlecht. Ich konnte mich nicht mal im Bett umdrehen ohne Hilfe. Da gab es Momente, da wollte ich am liebsten sterben. Jedes Mal, wenn ein Bewohner gestorben war, dachte ich: „Der hat es gut! Er hat’s geschafft!“

Mittlerweile geht es mir viel besser. Ich finde mich langsam damit ab, dass viele Dinge einfach nicht mehr verschwinden. Ich warte nicht mehr auf den Tag, wo ich wieder fit genug bin, das Heim zu verlassen um allein in eigener Wohnung zu leben. Diese Gedanken sind für mich viel schlimmer, als der Gedanke an den Tod.

9 Gedanken zu “Frage einer Leserin über den Tod

  1. Das ist ein weiteres sehr positives Merkmal, wie würdevoll bei Euch im Heim mit dem Tod von Mitbewohnern umgegangen wird! Und es ist in der Tat so, dass wir alle wohl sehr betroffen sind, wenn ein nahe stehender lieber Mensch stirbt. Dagegen nehmen wir eben das Sterben von uns nicht oder eher wenig bekannten Menschen eben als Tatsache hin, die auch zum Leben gehört,
    wie die Geburt.

    Wir alle sollten uns gegenwärtig sein, dass wir in jedem Moment sterben könnten, nicht nur wenn wir alt und krank sind! Vor allem wenn man schon mal erlebt hat, dass auch ganz junge Menschen sterben, wird dieser Gedanke immer gegenwärtig sein. Das Leben erhält dadurch einen anderen Sinn, jeder Tag kann so ein Geschenk sein…

    Vielen Dank für Deinen tiefgründigen Gedankenanstoß!
    Alles Gute und lieben Gruß, M.!

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  2. Hallo Katrin!

    Tod ist das eine Ereignis, von dem wir sicher wissen, dass es eintreten wird, und doch ist er, der Tod, unvorstellbar. Er bedroht uns ständig, aber, wir weigern uns, seine volle Konsequenz zur Kenntnis zu nehmen. Wenn wir ihn uns als Person vorstellen, sehen wir einen Menschen vor uns, der zwar selbst tot ist, nur noch ein Skelett, der aber doch noch sehr aktiv handelt. In diesem Bild lebt die alte Furcht nach, dass die Verstorbenen uns in ihr Totenreich nachholen wollen. Weit weniger brauchte uns der Tod eines Fremden zu betreffen, den wir weder hassen noch lieben. Doch auch er berührt uns, weil eben jeder Tod uns an die eigene Sterblichkeit erinnert. Der Schmerz um den Toten lässt solche Emotionen unrecht, ja schuldhaft erscheinen; sie werden mit einem Schuldgefühl gekoppelt, das die Trauer noch verstärkt. Wer sich vorstellt, was geschehen könnte, wenn er einmal gestorben ist, wird bald entdecken, dass er in all diesen Gedankenbildern noch selbst dabei ist, und sei es wie ein Zuschauer aus einer Turmluke. Jeder empfindet die Welt im Grunde so, als ob es sie ohne ihn gar nicht gäbe. Schon allein deshalb wird der Tod mit so vielen abwehrenden und beschwörenden Ritualen umgeben. Weil er unvorstellbar ist, gibt es keine wirkliche Todesangst – nur eine Angst vor den Qualen des Sterbens, die man an Anderen miterlebt hat, und die Trennungsangst, die auch so viele weniger absolute Verluste begleitet. Noch Fragen?

    Liebe Grüße,

    Rom

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  3. Danke für den Einblick …
    Und es ist schön zu hören, dass es auch Heime wie das Eure gibt, die versuchen den Bewohner als das zu sehen, was er ist: Mensch.

    Ein Todesfall zu verarbeiten oder sich womöglich selbst darauf vorzubereiten sind meiner Meinung nach eines der schwersten Momente im Leben. Denn in diesen Momenten ist man alleine.

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  4. Wie man bei euch im Haus mit dem Tod umgeht ist wirklich gut und richtig. Ich habe mal drei Jahre lang in einer feudalen Seniorenresidenz gearbeitet, da wurden das Sterben und der Tod verschämt und ausgesprochen unehrlich unter den Teppich gekehrt. Wenn ein/e Mitarbeiter/in starb, dann wurde dieser Person nicht öffentlich gedacht, ich glaube, es gab nicht einmal eine kurze Andacht…

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