Am Tisch der Invaliden

Im Speisesaal im Erdgeschoss des Gerhard-Tersteegen-Hauses sind in der Regel 2 Tische so zusammen gestellt, dass ein großer Tisch entsteht. Drumherum können dann 6 Bewohner sitzen. Dann ist die kleine Tischfamilie komplett. Es gibt 6 solcher Tische im Hauptteil des Saals. Dann grenzt das Büfett einen kleineren Teil des Saals ab in dem es noch 2 Zweiertische und einen großen Sechsertisch gibt.

Allerdings sind nie alle Tische komplett besetzt. Es hat ja jeder Wohnbereich noch seinen eigenen kleinen Speisesaal. Zudem hat jeder WB eine kleine Küche, wo Speisen aufgewärmt werden können. Einige wenige Bewohner bekommen das Essen aufs Zimmer gebracht.

Als ich im August 2013 ins GTH einzog, besetzte ich den letzten freien Platz am Tisch ‚meiner Tischfamilie‘. Eine ganze Zeit lang blieben wir komplett an unserem Tisch. Als erste verließ uns Frau M.. Sie kam nicht mehr nach unten zum Essen. Sie war dann auch die erste von uns, die starb.

Die nächste, die nicht mehr unten im Speisesaal aß, war Frau W.. Sie war eine ganze Weile oben. Sie starb vor Kurzem.

Frau V. isst auch schon seit längerer Zeit oben im kleinen Speisesaal. Sie ist auch schon 96, glaube ich. Für viele Bewohner ist es irgendwann einfach zu beschwerlich nach unten in den Speisesaal zu kommen.

Zwischenzeitlich hatten wir Zuwachs. Frau Kv. nahm Platz auf Frau V.s altem Platz. Allerdings war sie schon sehr krank, als sie ins Heim zog. Daher war sie nur kurze Zeit im GTH bevor sie verstarb.

Frau K., meine liebe Tischnachbarin, war sehr lange Bewohnerin des Gerhard-Tersteegen-Hauses. Sie war 17 – 18 Jahre hier, bevor sie erst vor kurzem im Alter von 97 starb.

Jetzt ist mein Tisch schon seit vielen Wochen erneut schwach besetzt. Frau St. und Herr P., der den Platz von Frau Kv. eingenommen hat, erfreuen sich zwar noch des Lebens, essen aber nicht mehr unten. Frau St. ist schon recht betagt mit ihren 92 Jahren. Herr P. ist momentan gesundheitlich nicht fit genug.

So sind morgens nur U. und ich beim Frühstück. Da wir häufig unterschiedliche Zeiten haben, frühstückt jede von uns oft allein am Tisch. Frau Ga. kommt immer erst zum Mittag- und Abendessen runter.

Vor drei Tagen sind Frau Ga. und U. unabhängig von einander jede heftig gefallen. Von den blauen Flecken, die sie sich zugezogen haben, sieht man kaum etwas. Die meisten sind unterhalb der Kleidung. Doch beide bewegen sich extrem langsam und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ja, ja, „wer nicht hören will, muss fühlen“. Denn ganz unschuldig an ihrem Sturz waren sie wohl nicht.

Ich sitze echt am Tisch der Invaliden.

Hôtel des Invalides, North View, Paris 7e 140402 1.jpg
Hôtel des Invalides, North View, by Daniel Vorndran / DXR, CC BY-SA 3.0, Link

11 Gedanken zu “Am Tisch der Invaliden

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s