Früher Fremdsprachensekretärin

Frau Li. wuchs als Einzelkind bei ihrer Mutter auf. Der Vater wurde in den Zweiten Weltkrieg eingezogen. Sie war ein heller Kopf, hätte gerne Abitur gemacht, wäre gerne Kinderärztin geworden. Sie hätte durchaus das Zeug dazu gehabt. Aber ihre Mutter wollte, dass die Tochter möglichst schnell einen Beruf erlernte, um Geld zu verdienen. Sie hatte Angst, dass sie selber früh sterben müsse. Dann sollte das Kind doch für sich sorgen können. Daher sollte sie nur die minimale Zeit in der Schule verbringen.

Schon früh fiel auf, dass Frau Li. sehr klug war. Daher schaffte sie es, ein Stipendium fürs Gymnasium zu bekommen. Welch Druck muss das für das Mädchen gewesen sein. Nur bei guten Leistungen in der Schule erhielt sie das Schulgeld in Form eines Stipendiums. Die Mutter hätte das Geld trotz eigener Berufstätigkeit nicht aufbringen können. Das Schulgeld für Gymnasien wurde zum Schuljahr 1958/59 in den meisten Bundesländern abgeschafft; zu diesem Zeitpunkt lag es bei 15 bis 20 DM pro Monat.

Also besuchte Frau Li. das Ricarda-Huch-Gymnasium in Krefeld. Ihr Klassenlehrer setzte bei der Mutter durch, dass Frau Li. zumindest die höhere Handelsschule besuchen durfte, wenn sie schon nicht das Abitur machen durfte. Sie verließ die höhere Handelsschule mit der Ausbildung als Fremdsprachensekretärin für Englisch und Französisch.

Danach verbrachte sie je ein Jahr als Aupair in London und in Paris. In Paris fühlte sie sich sehr wohl. Sie begann nach ihrer Aupair-Zeit als Fremdsprachensekretärin in einer Pariser Firma.

Wenn es nach ihr gegangen wäre, wäre sie in Paris geblieben. Aber eines Tages stand ihre Mutter bei ihr vor der Tür, um sie nach Krefeld zurückzuholen. Sie würde bald sterben und wolle daher ihre Tochter in ihrer Nähe haben.

Als folgsame Tochter fügte sich Frau Li. schweren Herzens.

Ihre Mutter erreichte das stolze Alter von 92 Jahren.

14 Gedanken zu “Früher Fremdsprachensekretärin

  1. Liebe Katrin!

    Das war bei mir nicht anders. Ich wollte auch immer etwas anderes machen, doch mein Vater sagte: „Nichts da, du wirst Kaufmann, aus, Ende!“ Nebenbei bemerkt: Angst ist ein sehr schlechter Ratgeber. Ist es nicht so, dass man auf die Eltern hören sollte? Da bin ich ganz anderer Meinung. Ich habe immer das gemacht, was mir Andere sagten – ein fataler Fehler. Doch ich lernte schon früh genug, mich durchzusetzen. Wenn ich mir was in den Kopf setze, dann ziehe ich das auch durch, und zwar mit allen Konsequenzen. Gut, ich habe die Ausbildung zum Kaufmann durchgezogen, heute würde ich das nicht mehr tun, weil ich der Meinung bin, dass jeder Mensch selber bestimmen kann und soll, welchen Beruf er ausüben möchte. Hätte ich eine Tochter, die unbedingt Model werden möchte, würde ich als Vater sagen: „Probier`s aus.“ Und ich würde sie sogar dabei unterstützen. Sollte sie mit dem Job eine Bruchlandung erleben, dann ist das nicht das Ende der Welt, auch wenn viele Eltern (die Älteren), das glauben.

    Liebe Grüße,

    Rom

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  2. Irgendwie kommt mir jetzt eine kleine Szene zwischen meinen Eltern, meinem Bruder, seiner Frau und meinem damals noch winzig kleinen Neffen in den Sinn, die sich vor vielen Jahren abgespielt hatte. Mein Bruder und die Seinen waren dabei, sich nach einem kurzweiligen Kaffeekränzchen zu verabschieden. Mein Vater fragte: „Und? Was soll der Kleine mal werden? Geschäftsmann oder Akademiker?“ – „Hauptsach‘ g’sund!“, erwiderte mein Bruder. 😉

    Gefällt 5 Personen

  3. Hallo Katrin.
    Damals, damals war alles anders. Vor ein paar Tagen habe ich irgendwie gehört, dass bis 1972 die Frau nicht selbst bestimmen konnte, welche Arbeit (Beruf), sie ausführen wollte. Es bestimmten die Eltern und / oder der Ehemann. Du siehst, es ist noch gar nicht so lange her, dass das Gesetz verabschiedet wurde, das Frauen, tun können was sie wollen.
    Für junge Frauen ist es heute kaum vorstellbar, alle Pflichten zu haben, Rechte dagegen, nur eingeschränkt wahr nehmen zu können.
    Und doch haben wir Frauen, unser Leben gemeistert. Ich denke, wir dürfen unseren Eltern nicht zürnen, denn sie hatten ihre Wertvorstellungen und ihr anerzogenes Verhalten, dass sie zu den Menschen gemacht haben, wie wir sie erlebten.
    Wir dürfen sie verstehen, nicht verurteilen.
    Schule, Berufsausbildung, oder gar Studium, dass war dem Jungen vorbehalten. Er war der Mann, ein späteres Familienoberhaupt. Etc…..
    Lieben Gruß Monika

    Gefällt 2 Personen

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