Update 9: Frau K.

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Immer wieder treibt es mich zu Frau K.. Ich bilde mir ein, sie fühlt meine Nähe und das tut ihr gut.

Als ich gestern Nachmittag kam, ließ ich mir viel Zeit. Bisher war sie nachmittags immer am ‚fittesten‘. Von Tag zu Tag baut sie mehr ab. Sie war ganz grau im Gesicht. Mit geschlossenen Augen und offenem, zahnlosem Mund lag sie still auf dem Rücken.

Ich setzte mich zu ihr ans Bett und spendete ihr ein wenig Schatten. Denn ein vorwitziger Sonnenstrahl kitzelte ihr Gesicht.

Ich erzählte ihr, was tags zuvor passiert war. Dann sagte ich ihr, dass ich sie sehr lieb habe. Sie habe mir meinen Anfang im Heim erträglicher gemacht. Nun sei ich an der Reihe, ihr zu helfen. Sie habe ein langes Leben hinter sich und könne nun ruhigen Gewissens loslassen. Ich habe mit ihrer Tochter gesprochen. Sie sehe das mittlerweile genau so.

Sie solle nicht mehr weiter kämpfen. Wir wünschen ihr, dass sie loslassen könne und dass es ihr gut gehe.

Da fing sie plötzlich an laut zu stöhnen: „Aua…AUA…AUA!„, und warf den Kopf hin und her.

Das ging mir so sehr ans Herz! Sie sollte nicht so leiden!

„Schhh… schhh… ganz ruhig… sie können jetzt loslassen… schhh… alles wird gut… “ , wollte ich sie beruhigen.

Da riss sie plötzlich das linke Auge ganz weit auf.

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Laut, kehlig und gut zu verstehen sagte sie: „Ich bin noch nicht dran! “ , dann sank sie zurück, schloss die Augen wieder.

Ich blieb verstört zurück.

19 Gedanken zu “Update 9: Frau K.

  1. Liebe Katrin,
    meine Hochachtung, du hast deinem eigenen Schmerz die Stirn geboten. In sachlicher, ruhiger Klarheit hast du deine Gefühle geäußert. Das ist bei Frau K. angekommen. Sie hat verstanden. „Aua, aua“, ist der Ruf des Erschreckens, ihres Bewusstseins. Der Vorhang ist gefallen, ihre Fassade zum Selbstschutz bröckelt. „Ich bin noch nicht dran“, ist eine spürbare Zeit Begrenzung, die sie nun selbst beeinflussen kann. Trotz Herzschrittmacher.
    Ach Katrin, du weckst in mir eine Seite, die ich bislang, so nicht wahrgenommen habe.
    Ich danke dir.
    Monika

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  2. Liebe Katrin,
    das finde ich unglaublich schön!
    Dass Du Frau K. besuchst,
    dass Du mit ihr sprichst,
    dass Du Dir Zeit lässt!

    Dass Sie Deinen Besuch wahrnimmt, hast Du ja jetzt bestätigt bekommen.
    Manchmal reagieren Sterbende für uns daneben stehende in erschreckender Weise.
    Wir haben zu tun damit, dies zu lernen.

    Du machst das genau richtig.
    Du besuchst sie und erzählst ihr.
    Du bist bei ihr.
    Erzähle ihr einfach von Dir und von den Ereignissen im Heim oder von draußen …
    Oder lies ihr etwas vor …
    Vielleicht will sie nicht mehr hören, dass sie loslassen soll.
    Wahrscheinlich weiß sie das dann ganz genau, wenn der Zeitpunkt da ist.

    Das Einzige, was wir in einer solchen Situation tun können, machst Du genau richtig. Du zeigst ihr, dass sie Dir etwas bedeutet.

    Ich wünsche Dir alles Gute dabei!
    Und ein schönes Freitagsklingeln heute!
    Lieben Gruß, M.!

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  3. Ich finde dich auch sehr mutig, selbstlos und tapfer. Deine Besuche werden ihr sicher gut tun und vielleicht fällt es ihr doch bald ein, loszulassen, wenn sie dich in ihrer Nähe weiß.
    Wir haben keinen Einfluss darauf und sollten an dieser Stelle einfach nur vertrauen.

    Lieben Gruß
    Anna-Lena

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  4. Alles was du getan hast, war gut. Ich glaube, die meisten wären da verstört gewesen; das liest sich ja schon irgendwie „gruselig“. Aber ich denke, dieses „ich bin noch nicht dran“, galt ja für den Moment, der kann kurze Zeit später schon rum sein.
    Du hast meinen vollen Respekt! Pass auf dich auf.
    Und ich bin sicher, deine Frau „K“ wird sich weiterhin sehr über deine Besuche bei ihr freuen, auch wenn sie nicht spricht und die Augen geschlossen hat. Und die Geschichten, die du ihr von den Geschehnissen des Tages, tun ihr sicher auch gut.
    Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie weiß, dass ihre Zeit gekommen ist – denke ich.

    Gefällt 2 Personen

  5. liebe Katrin, als stille Leserin deines Blogs bedanke ich mich heute einmal für deine einfühlsamen und oft liebevollen und mit großer Achtung beschriebenen Erlebnisse in deinem Wahl-Zuhause. Menschen auf ihren „letzten Metern“ begleiten zu dürfen ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Leider musste ich dabei auch erleben, dass eine gute Palliativmedizin nicht überall Anwendung findet. Das bisher beste Buch dazu war für mich
    „Über das Sterben: Was wir wissen, was wir tun können, wie wir uns darauf einstellen.“ von Gian Domenico Er beschreibt wie viel folgenschwere Fehler heute immer noch gemacht werden, wenn der Sterbeprozess begonnen hat. Dahingehend habe ich meine Verfügung geändert.
    Wir reden viel darüber, dass Menschen nicht loslassen können. Selten aber wird Sterbenden in vertrauensvoller Atmosphäre angeboten über ihre Angst sprechen zu können, Ängste vor dem was kommen mag mit diesem Moment des Lösens. Nur wenige Menschen sind im Alter auf ihr Sterben vorbereitet, viele erkennen keinen Sinn darin, für sich und ihr Dasein. Es ist schwer ohne Vertrauen auf das Gute zu leben, wie auch zu sterben.
    Danke, dass du täglich deine Kraft dafür einsetzt das Gute in den Vordergrund zu rücken. Dafür bewundere ich dich und wünsche auch für dich selbst immer wieder neue Tankstellen der Freude in deinem Leben. Isa

    Gefällt 1 Person

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