Nikolaus war meine beste Rolle

Herr E. erzählt:

Eigentlich wollte ich ja mal Schauspieler werden. Aber das galt bei mir zu Hause als brotlose Kunst.

„Lern lieber was anständiges, womit du deine Familie ernähren kannst!“, schimpfte mein Vater damals.

Ich wollte aber kein Handwerker oder Kaufmann werden. Mein Herz schlug für die Künste. Doch das gab ein „echter deutscher Mann“ lieber nicht bekannt. Das war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau Deutschlands.

Da mir die Meinung meines Vaters sehr wichtig war, ich aber trotzdem gerne in fremde Rollen schlüpfte, suchte ich nach Gelegenheiten dies in meiner Freizeit zu tun. Daher sagte ich sofort zu, als sich mir die Möglichkeit bot, mein Gehalt aufzubessern, indem ich den Nikolaus für Kinder spielte.

pixabay.com

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Ich sah zu, dass ich mir morgens mein Kostüm, eine Liste mit den Kindern und die dazu gehörenden Tüten mit kleinen Stichpunkten zu jedem Kind abholte. Dann hatte ich den Rest des Tages Zeit, mich auf meine Rolle vorzubereiten. Um 17:30 Uhr sollte dann die große Aufführung starten.

Nach und nach kamen die Eltern mit ihren Kindern in die Gaststätte. Die Kinder bekamen einen Kakao oder einen Saft, die Väter und Mütter ein Bier oder ein Glas Wein. Die Kinder waren sehr aufgeregt.

Dann wurde es 17:30 Uhr und mein Auftritt begann. In der Ecke der Gaststätte stand ein Klavier. Eine Dame setzte sich ans Klavier und spielte und sang:

„Nikolaus ko-homm i-hin unser Haus
pack die gro-ho-sse-hen Taschen aus.

Lustig, lustig, trallerallala!
Heut ist Niko-la-haus Abend da,
heut ist Niko-la-haus Abend da.

Stell das Pfe-herd-che-hen unter den Tisch
dass es Heu und Hafer frisst.

Lustig, lustig, trallerallala!
Heut ist Niko-la-haus Abend da,
heut ist Niko-la-haus Abend da.

Heu und Ha-ha-fe-her frisst es nicht,
Zuckerplä-hätz-che-hen kriegt es nicht.

Lustig, lustig, trallerallala!
Heut ist Niko-la-haus Abend da,
heut ist Niko-la-haus Abend da.“

Spätestens beim Refrain wurde sie von den Kindern unterstützt. Es war, als müssten sie sich etwas Mut machen.

Dann nahm ich meinen großen Sack mit den Tüten und der Namensliste und rief ein Kind nach dem anderen zu mir.

„Ist denn die kleine Anna heute hier?“, fragte ich. Ein Mädchen kam ganz schüchtern nach vorne: „Ja“, flüsterte sie.

„Na, dann komm mal zu mir“, meinte ich. „Es ist mir zu Ohren gekommen, dass du immer sehr fleißig deine Hausaufgaben für die Schule machst. Allerdings wäre es noch besser, wenn du der Mama nicht immer Widerworte gibst.“

Da wurde sie ganz rot.

„Aber ich habe dir trotzdem eine Tüte mit lauter Leckereien mitgebracht!“

„Danke!“, sagte sie und machte einen Knicks. Dann rannte sie flugs wieder zu ihren Eltern.

„Ah… als nächstes steht hier der Peter… ist der Peter H. denn auch hier?“, fragte ich ganz streng.

Ein richtiger kleiner Lausbub löste sich aus der Menge: „Das bin ICH!“

„Aah… DU bist das also…“, ich wiegte meinen Kopf hin und her, „da hat man mir ja einiges erzählt!“

Mit großen Augen schaute er zu mir auf.

„Du sollst deiner Schwester immer an den Haaren ziehen… aber du lässt in der Schule deine Klassenkameraden immer abschreiben, wenn sie mal vergessen haben ihre Hausaufgaben zu machen… hm… abschreiben geht ja so gar nicht… aber du bist ja nur hilfsbereit… hm… also… hier ist eine Tüte voller Leckereien auch für dich!“

Ganz erleichtert hüpfte Peter nach vorne.

Doch ich war noch nicht ganz fertig: „Aber du musst mir versprechen, die Haare deiner Schwester in Ruhe zu lassen!“

„Klaro“, sagte er, grinste und hüpfte wieder zu seinen Eltern zurück.

So eine Rolle, bei der ich solch ein Wohlgefühl verspüren konnte, hatte ich nie wieder!

10 Gedanken zu “Nikolaus war meine beste Rolle

  1. Ja, der Nikolaus, ein schöner Brauch.
    Auch ich durfte schon ein paarmal der Nikolaus sein.
    Das Aufzählen von Untaten habe ich immer nicht so gerne gemacht. Erst später erfuhr ich, dass mit dem 6. Dezember die Bibelstelle mit den Talenten verbunden wird. Es wird also geschaut, was jeder aus seinen Talenten gemacht hat …
    Das Schenken geht zurück auf das Gold, das er als reicher Erbe drei jungen Frauen schenkte, deren armer Vater keine (damals notwendige) Mitgift aufbringen konnte. Er wollte seine Töchter deshalb zur Prostitution zwingen, um das Geld aufzubringen. Aber es gibt noch viel mehr Legenden über Nikolaus von Myra …

    Schön, dass Du die Geschichte erzählst!

    Alles Gute und lieben Gruß, M.!

    Gefällt 1 Person

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