Was bedeutet Demenz für Betroffene?

Dieser Frage stellte sich Sabrina Maar, Auszubildende in der Altenpflege. Sie schrieb dazu das Gedicht „Namenlos“ und trug es beim fünften „Care Slam“ in Berlin-Friedrichshain vor.

Der Care Slam ( = „Sorgenschlacht“), soll der Pflege eine Stimme geben, so Yvonne Falckner, die die Veranstaltungsreihe vor einem Jahr ins Leben rief.

12 Gedanken zu “Was bedeutet Demenz für Betroffene?

  1. Liebe Katrin,
    “ Was bedeutet Demenz für Betroffene“?, diese Frage können wir (ich) doch gar nicht beantworten.
    Wir stecken nicht in ihnen. Wir erleben diesen Zustand nicht.
    Wir schämen uns nicht, wenn wir mal etwas vergessen haben, einen Namen, oder einen Begriff der nicht sofort einfällt.
    Wir sehen keine Gespenster. Vor unseren Augen verwandelt sich kein Wollknäul in eine Maus, oder Ratte.
    Wir erschrecken nicht, wenn ein Stück Holz wie eine Schlange aussieht.
    Wir sehen nicht in jedem Menschen, eine Bedrohung.
    Wir erkennen Blumen und glauben nicht es sind Süßigkeiten.
    Wir nehmen und erkennen Medizin, als notwendiges Mittel zur Besserung unserer Gesundheit, an.
    Wir denken nicht daran, es will uns jemand vergiften.
    Wir können Geräusche zuordnen.
    Wir denken nicht ein Unwetter kommt auf.
    Wir suchen nicht Schutz und glauben auch nicht es wird geschossen, beim Klang einer zuknallenden Tür.
    Wir wissen was unser Besitz ist. Unsere Zahnbürste, unsere Uhr, Schmuck, Geld.
    Wir suchen nicht unseren Ehering, unser Kartoffelschälmesser.
    Wir finden den Weg zu unserem Arzt, Apotheker, Discounter, Bäcker, Friseur.
    Wir erkennen unseren Nachbarn, unseren Ehepartner unsere Verwandten und unsere Kinder.
    Wir laufen nicht den Tag lang, weil uns eine Unruhe treibt.
    Wir haben auch nicht verlernt zu lachen.
    Wir werden auch nicht unkontrolliert wütend, schlagen um uns, greifen weder jemanden an, noch stehen teilnahmslos im Raum.
    Wir wissen, wann wir hungrig und durstig sind.
    Wir wissen auch wo die Toilette ist, oder pinkeln keine Zimmerpflanze im Haus, an.
    Wir verwechseln nicht mein, mit dein.
    Wir sind uns des eigenständigem Lebens bewusst.

    Ich kann dir nur die Frage beantworten: Was bedeutet Demenz als “ Angehörige“ und wie verändert es dein Leben.

    LG.Monika

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Monika, du hast sehr gut beschrieben, was Menschen, die an Demenz leiden, alles so machen können. Du meinst, wir werden nie wissen, wie die Krankheit von Betroffenen gesehern/empfunden wird. Das ist wahr und gilt ja eigentlich immer, bei jedem Menschen. Trotzdem finde ich, dass es Sabrina Maar in ihrem Gedicht ansatzweise gut gelungen ist, in die Rolle des Dementen zu schlüpfen und es uns spüren zu lassen, wie sich ein Mensch fühlt, dessen Wirklichkeit sichg Stück für Stück auflost.

      Gefällt 1 Person

  2. Danke Monika, auch Dein Kommentar berührt mich sehr!

    Ob man nun als Angehöriger oder als Pfleger damit konfrontiert ist, es ist eine sehr schwere Aufgabe! Wobei man, als Angehöriger schrittweise über einen langen Zeitraum einen nahestehenden Menschen verliert. Das erfordert enorme Kraft vor allem, wenn zum davonschwebenden Menschen eine große Herzensbindung besteht.
    Ich finde den Vortrag dieser jungen Frau sehr schön, weil sie sich viele Gedanken gemacht hat!

    Danke Katrin für’s weiterleiten!

    Lg Babsi

    Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Katrin,
    ich melde mich noch einmal zu Wort. Endlich, nach, ich weiß nicht wie vielen Versuchen, habe ich den Text von „Sabrina Maar“ gehört. Ein sehr einfühlsamer, auf das genaueste Beobachten ausgerichteter Text. Sie hat die Empfindungen, die die Zwischenräume füllen, deutlich nahe gebracht.
    Für die Zeit der Lesung, fühlte ich mich zurückversetzt, in die Zeit, als ich meine Mutter begleitete. Ich schrieb schon des Öfteren davon. Noch einmal erlebte ich das fragende Gesicht meiner Mutter. Die großen Augen, die durch mich hindurchsahen. Den Mund, der leicht geöffnet nach Worte der Verständigung suchte. Und die Hand die meine ergriff, um gehalten zu werden.
    Ihre raue, alte von Schwielen gezeichnete Hand, lag in meiner. Plötzlich kam mir diese, wie die eines Kindes, vor. Nicht mehr die Hand, die zu meiner Mutter gehörte.
    Die Krankheit nahm immer mehr Besitz von ihr. Täglich, stündlich, Wochen, Monate bis nichts mehr von dem war, was sie eigentlich ausgemachte. Eine zerbrechliche, hilflose, vergängliche Gestalt.
    Aber es gab nicht nur traurige Momente. Für mich war es eine beschenkte Zeit. In meinem gesamten, bisherigen Leben habe ich nicht so viel Liebe, Wärme und Nähe gespürt, wie in dieser Zeit.
    LG. Monika

    Besser kann man es nicht nahe bringen. Toll.

    Gefällt 4 Personen

  4. das ist ein wundervoll einfühlsamer Text, und es macht froh, wenn Menschen wie diese junge Frau sich als Pflegerin ausbilden lassen. Besonders gefiel mir die Bitte, keine Anti-Depressiva zu verabreichen, um eine künstliche Heiterkeit herzustellen, die vielleicht den Angehörigen und Pflegern, aber nicht dem Betroffenen hilft,

    Gefällt 1 Person

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