Erneute Begegnung

Gestern traf ich wieder auf meinen Überraschungsbesuch.

Es war abends. Ich kam gerade vom Abendbrot. Ich rollte in den Gang wo auch meine Zimmertür ist. Mir kam eine ältere Dame entgegen. Ganz offensichtlich suchte sie etwas. Als wir uns näher kamen, erkannte ich die Bewohnerin, die sich in mein Zimmer verirrt hatte. Ich erzählte davon.

pixabay.com / Geralt

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Da ich ja nun ‚aufgeklärt‘ war, dass sie an Demenz leidet, konnte ich mich ganz anders ihr gegenüber verhalten. Als wir einander direkt gegenüber waren, sagte ich: „Sie suchen bestimmt ihr Zimmer. Kommen Sie. Wir suchen gemeinsam.“

„Wie bitte? … Ja, das suche ich tatsächlich. Das ist aber nett, dass Sie mir helfen wollen“, meinte sie.

„Sie sind doch Frau Q., nicht wahr?“

„Hä?? … Genau!“

„Dann schauen wir doch mal hier auf der Anzeigetafel. Da stehen alle Zimmer mit den jeweiligen Bewohnern drauf…“

„Wo??“

Sie war wirklich sehr verwirrt, fragte immer wieder nach, als hätte sie mir nicht richtig zugehört. Mit einem schnellen Blick hatte ich das Zimmer entdeckt.

„Sie wohnen in einem Doppelzimmer zusammen mit Frau X., nicht wahr?“

„Frau X. … Frau X. … Die wohnt auch da. … Aber wo wohne ICH?“

„Auch da. Auch in dem Zimmer von Frau X..“

„Aber wo ich schlafen soll, weiß ich nicht!“, sagte sie ganz verzweifelt.

„Kommen Sie mal mit“, meinte ich und rollte vor, hinein in das Zimmer. Ich steuerte das unbelegte Bett an.

„Ja. Hier ist noch frei“, sagte sie und setzte sich auf das Bett.

„Aber sie wollen sich sicherlich noch frisch machen, das Nachthemd anziehen, bevor sie sich ins Bett legen“, schlug ich vor, als sie Anstalten machte, sich voll bekleidet ins Bett zu legen.

„Sicher! Natürlich!“, entgegnete sie, „Das weiß ich!“

Da verließ ich sie. Allerdings sagte ich dem Pfleger noch kurz Bescheid, dass ich Frau Q. in ihr Zimmer gebracht hatte.

Wegweiser Demenz

24 Gedanken zu “Erneute Begegnung

  1. Ich habe einmal von einem innovativen Pflegeheim gehört (war es in der Schweiz?), in dem Demenzkranke sich ein Bett aussuchen können, es stehen wohl viele Betten in Räumen, aber auch in Gängen, so müssen sie nicht ständig nach ihrem Bett suchen. In diesem Heim sind wohl auch alle Gänge kreisförmig angelegt, sodass man immer weiterlaufen kann, ohne vor einer Wand oder einer geschlossenen Tür zu stehen. Ich frage mich, ob solche Konzepte nicht öfters angewendet werden sollten. Wäre das nicht eine Erleichterung für verwirrte alte Menschen?

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      • Sich um Anpassung zu bemühen, damit wären sie überfordert. Ich finde, beide Seiten profitieren gegenseitig von einander. Das GTH hat 4 Wohnbereiche. Einer davon ist für Demente ‚reserviert‘. Aber auch auf den anderen WBs wohnen Demente. Da es jedoch hier keine geschlossene Station gibt, kann nicht jeder Demente hier wohnen.

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      • Bestimmt nicht, würdest du da mitmachen. Es würde auch nicht deinen Bedürfnissen gerecht werden.
        So wie es den Bedürfnissen, eines Dementen nicht gerecht wird, wenn sie in einer Umgebung unterbracht sind, mit gesunden älter werdenden Menschen.

        Aber wohin mit ihnen, wohin mit den – Grenzfällen -. Wir können uns alles schön reden, aber wir müssen auch der Realität gerecht werden.
        Ja es ist gut wenn die Gänge kein Ende haben, die Etagen keine Treppenabgänge, Handläufe beidseitig angebracht sind. Breite Flure. Toiletten, die auf den Etagen sind, nicht nur in den Zimmern. Für alle Behinderten gerecht ausgestattet. An den Türen deutlich sichtbar „WC“.

        Die Etagen mit unterschiedlichen Wandfarben ausgestattet. Rot, Blau, Grün, Gelb ist einfacher zu behalten als eine Zahl. Farbe spricht die Sinne an. Gelb wird mit der Sonne in Verbindung gebracht, Helligkeit. Blau mit dem Himmel, dem Meer. Grün, mit Wald, Bäumen, Wiesen. Rot, mit dem Leben, Blut, Blumen, Liebe.
        So wie Bildgeschichten an den Wänden mit großgeschriebenen Texten. Märchen, die sie kennen.
        Sitzgelegenheiten. Ruheplätze mit Blick nach draußen.
        Dinge, Gegenstände, die sie mitnehmen können. Puppen, Bälle, Tücher in verschiedenen Stoffarten, Schachteln. Die Idee mit den Betten sie überall hinzustellen finde ich gut, denn der Schlafrhythmus, ist gestört.

        Diese Menschen verlieren sich, sie sind ständig auf der Suche nach sich selbst. Das heißt sie suchen ihre Erinnerung, ihr Leben. Sie sind isoliert, verloren, verloren, und bedürfen unsere Hilfe.

        Der Gedanken, dass wir von einander lernen, ist glaube ich nicht stimmig. Demente lernen nicht mehr. Also ist alles nur einseitig.

        Monika

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