Verteidigung meiner Höhle

Genau so bezeichnete eine gute Freundin meine letzte, in meinen Augen etwas unrühmliche, Tat.

Ich habe in letzter Zeit einige ungebetene Besucher gehabt. Der letzte war am vergangenen Sonntag.

Es war bereits Abend. Ich kam nach dem Abendbrot wieder auf mein Zimmer. Dann begann meine Abendroutine: ausziehen, waschen, nach der Pflegerin klingeln, die mir hilft, wo ich alleine nicht weiter komme.

Da öffnete sich plötzlich meine Zimmertür. Ich war im Bad und konnte daher nicht sehen, wer es war. Das wird die Pflegerin sein, dachte ich. Doch die klopft eigentlich immer, bevor sie das Zimmer betritt. Ich hörte, wie die Person an der Badezimmertür entlang strich.

„Hallo… “ , sagte ich vorsichtig in der Hoffnung, dass sich der Eindringling zu erkennen gebe. Aber da kam keine Antwort.

Hallo!!! Wer ist denn da?“ , fragte ich wieder, dieses Mal laut und resolut.

HALLO!!!!???

Plötzlich hatte der Eindringling das Badezimmerlicht von außen ausgeschaltet.

Mittlerweile hatte ich mir etwas übergeworfen und kam aus dem Bad. Ich wollte sehen, was da los war! Ich war so wie so ganz angespannt, weil ich zuvor mit Telefonanrufen im Minutenrhythmus beschossen worden war. Ich war also ziemlich geladen.

In meinem Zimmer war eine fremde, ältere Frau.

„Wer sind Sie? Sie gehören nicht hierher! Das ist nicht Ihr Zimmer! Das ist MEIN Zimmer! Bitte gehen Sie!“, blaffte ich laut und verärgert.

„Nein. Das ist nicht mein Zimmer. Das weiß ich!“ , suchend sah sie sich um.

„Richtig!“, stimmte ich ihr zu, „Bitte gehen Sie!“

„Hier ist es nicht… “ , suchend sah sie sich um.

Halbnackt und verärgert wiederholte ich: „Bitte gehen Sie!

„Sie brauchen gar nicht so laut zu werden!“, war ihre Antwort.

Ich war ganz verzweifelt und sagte extra laut: „DAS HIER IST MEIN ZIMMER!!!“

„Mein Gott, sind Sie ordinär! Ich gehe ja schon!“, schmiss sie mir an den Kopf und verschwand hoch erhobenen Hauptes.

__________________

Einen Tag später erfuhr ich, dass sie eine neue Bewohnerin ist und an Demenz leidet. Sie würde ständig etwas suchen, es aber nie finden. Das Pflegeteam hat bisher noch nicht raus bekommen, was es ist. Sie hoffen, es herauszufinden, um ihre Not etwas zu lindern, anders auf sie eingehen zu können.

Als ich das erfuhr, fühlte ich mich ganz schlecht. Ich hätte merken müssen, dass sie krank ist. Dann wäre ich anders mit ihr umgegangen.

Landesinitiative Demenz-Service Nordrhein-Westfalen

25 Gedanken zu “Verteidigung meiner Höhle

  1. auch wenn heute Buß und Bet-Tag ist 😉 – jetzt mach dich nicht fertig deswegen – das ist in der Situation eine ganz natürliche menschliche Reaktion

    wenn sie das nächste Mal kommt, kannst du’s ja anders machen –
    ja ja – HA HA –
    ich hatte so was auch mal –
    wenn du dann in dein Zimmer kommst und da liegt ein fremder Mensch in deinem Bett…. lustig is das nicht gerade, auch wenn sie nix dafür können – diese Dame – teils licht, teils verwirrt, hat dann große Zettel an die Nachbars-Türen gepappt
    „Dieses ist nicht mein Zimmer“

    Gefällt 3 Personen

  2. Liebe Katrin, na, wenn das nicht zum vorhergehenden Beitrag passt.
    Demente und junge Zupflegende unter einem Dach. Auch, wenn du dich wohlfühlst deiner Einrichtung, sieht man doch in solch einer erlebten Situation, welches Konfliktpotential in der gemeinsamen Pflege alter, junger, verwirrter und zahlreicher anderer Pflegebedürftiger steckt. Ich denke allerdings, dass du dich nicht zu entschuldigen brauchst für deine Reaktion. Sie ist doch ganz natürlich. Halbnackt im Bad und dann so was. Ich hätte wahrscheinlich die halbe Station zusammen geschrien.
    LG und noch einen schönen Tag, Susanne von der Lernstation Pflege
    Im Übrigen nochmals Glückwunsch, dein Blog ist großartig!

    Gefällt 4 Personen

  3. Man kann nicht immer jedem alles recht machen und politisch korrekt handeln. Im eigenen Zimmer sollte man emotional und für sich – intim – sein dürfen, andernfalls würde man zu viel Druck in sich selbst erzeugen, was wiederum Stress erzeugt. Lieber mal poltern und sich hinterher entschuldigen. Ich hätte auch reagiert wie du, allein schon vor Schreck und auch aus Wut. Mach dir keinen Kopf deswegen. ❤
    Liebgruß Ele

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  4. Erst einmal musste ich lachen über die Antwort „Mein Gott sind sie ordinär“ 🙂 Katrin, mach dir keine Gedanken, jeder würde so reagieren. Es ist wirklich nicht angenehm, wenn plötzlich ein fremder Mensch im Zimmer steht. Ich hoffe sehr, dass es kein „nächstes Mal“ gibt, aber wenn, dann weißt du ja jetzt, was du zu tun hast.

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  5. Es ist Gut das du deinen Reich verteidigt hast; man braucht schließlich einen ganz persönlichen Bereich wo niemand einzudringen hat.
    Das tragische an dieser kleinen Geschichte ist, dass diese arme Person mit Demenz geplagt wurde , und Ich hoffe nur dass mir das nie wieder fahren wird.
    Meine Mutter war 93 als sie gestorben ist. Sie war körperlich ein totales Wrack, blind und leider auch mit all den anderen Gebrechen Aber im Kopf war sie bis zur allerletzten Minute hell wach. Es tröstet mich wenn ich denke dass ich hoffentlich diese guten Gene von ihr mitbekommen habe – ein bischen selbstlos, ich weiss, aber das sind meine Gedanken.

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  6. Liebe Katrin,
    Es ist legitim, dass man sich erregt und lauter, unkontrollierter wird. Instinktiv aktivieren wir unser Fluchtgebaren. Nur aus einer sicheren Entfernung, können wir uns wieder normal verhalten und zu Gegenmaßnahmen greifen.

    Eine davon wäre, —- meine Zimmertür —– ab zu schließen. Das Pflegepersonal hat einen Universalschlüssel, wenn ich meinen Toilettengang mache, und in der Regel kloppt es an.

    Genauso gilt es, wenn ich mich zur Nachtruhe lege, denn wer will schon jemanden vor seinem Bett stehen haben. Womöglich legt er / sie sich dazu. Nee, nee. den Schock würde ich nicht überleben.
    Bei meiner Mutter, die an vaskuläre Dement im Alter von 91 Jahren litt, hatten wir auch das „Vergnügen“, immer wieder „Besuch“ zu bekommen. Ein Herr hielt sie für seine Frau. Eine Frau, für ihre Schwester und manche Menschen betraten ihr Zimmer und suchten, suchten und nahmen auch einfach etwas mit. Aber weißt du, das Schönste war, wenn meine Mutter und ich sangen, dann öffnete sich die Tür und die, die liefen kamen hinzu . Setzten sich, oder sangen mit.
    Nun gut, es war privat.
    LG: Monika

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  7. Das liest sich ja wie ein Krimi. Anfangs dachte ich, ein Perversling hätte sich ins Heim geschmuggelt. Gewundert hätt`s mich nicht. Am Friedhof werden Senioren beraubt, in den Kliniken wird gestohlen etc. Kann es sein, dass die Menschen immer schlechter werden? Sieht mir ganz danach aus.

    LG.,

    Rom

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  8. Liebe Katrin. Entschuldigen für deine Reaktion brauchst du dich nicht, hast du ja selber am Schluss geschrieben:
    Als ich das erfuhr, fühlte ich mich ganz schlecht. Ich hätte merken müssen, dass sie krank ist. Dann wäre ich anders mit ihr umgegangen.
    Du warst nicht ganz angezogen, vermutlich auch mit dem Rücken zur Badezimmertür und das ist schon alles unheimlich.
    Bei meiner Mutter war auch immer mal eine „Verirrte“ drin und selbst sie lag mal in einem Bett, 2 Türen weiter als ihr eigenes Zimmer. Ausgerechnet auch noch bei dem „ General“, der ständig mit dem Krückstock klopfte, wenn es nicht so abläuft, wie sonst. Also wenn das Mittagessen nicht Punkt 12 Uhr da war oder ähnliches. Die Flure sind immer gleich, die Zimmertüren auch und meist steht das Bett auch an der gleichen Stelle. Meine Mutter sagte dann später, sie habe gleich gedacht „hier stimmt was nicht“.
    Und auch heute noch schäme ich mich fremd dafür, dass mein Vater in den letzten Wochen auf der Suche nach seinem Zimmer oder dem von Muddi bei fremden Leuten gefragt hat, ob er hier auf die Toilette gehen dürfte.
    Ich finde den Vorschlag von Susanne von der Lernstation Pflege, die Türe abzuschließen wirklich gut. Ich weiß, dass auch in „unserem“ Heim Bewohner, die zwar alt aber nicht so verwirrt waren, immer ihre Türen abgeschlossen hatten. Bei den meisten Bewohnern geht das natürlich nicht und trotzdem ist es irgendwie doof, dass die Türen nicht verschlossen sind. Kann doch, bis auf Nachts, ständig jeder ins Haus und bei der leider dünnen Personaldecke könnte man ungehindert in jedes Zimmer spazieren.
    Bei meiner Mutter hatten wir ein großes Schild mit ihrem Namen und einer Eule (sie war leidenschaftliche Eulensammlerin) an die Türe angebracht, sodass sie eben erst dann Halt machte, wenn sie ihre Eule sah.
    Gräm dich nicht und liebe Grüße Hanna. (Bin leider etwas ins Plaudern gekommen.)

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  9. Du brauchst dir keine Vorwürfe machen. Es ist nicht deine Aufgabe innerhalb von wenigen Minuten irgendwelche Krankheitsbilder zu erkennen und spezifisch darauf zu reagieren. Meiner Meinung nach hast du richtig reagiert. Dein Reich ist dein Reich. Ich glaube ich hätte genauso reagiert. Also alles gut 😉

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  10. Pingback: Erneute Begegnung | Meine Erlebnisse im Altenheim

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