Update 5: Frau K.

Frau K. schlägt sich tapfer von Tag zu Tag. Aber sie hat wirklich keine Lust mehr. Seit dem 28. August, d.h. seit gut 8 Wochen hütet sie das Bett. Sie hat mittlerweile nicht einmal mehr die Kraft alleine ihre Schnabeltasse zum Mund zu heben. Auch ihr Gebiss kann sie schon länger nicht mehr tragen. Da muss sie würgen.

Letztens hatte ich ernste Worte für ihre Tochter, selbst schon 70: „Du musst sie gehen lassen! Sie will nicht mehr. 97 Jahre ist lang genug. Sie hatte ein langes, abwechslungsreiches Leben mit vielen Höhen und Tiefen. Sie weiß, dass du sehr an ihr hängst. Doch irgendwann müsse auch mal Schluss sein, meinte sie letztens zu mir.“

Die Tochter seufzte und schaute mich ganz traurig an: „Aber wir hatten doch immer gehofft, dass ich irgendwann ihr Zimmer bekommen würde… „

Doch um hier einziehen zu können, braucht sie eine Pflegestufe.

„Sei froh, dass du keine Pflegestufe bekommst. Das heißt, dass es dir noch relativ gut geht“, meinte ich.

„Ja, aber… ich bin nicht kerngesund, habe diverse Krankheiten…“, verzweifelt klang das.

„Kein Mensch ist kerngesund. Du bist schon 70 Jahre alt. Da kann keiner mehr Bäume ausreißen“, ich fühlte mich richtig unbarmherzig, ihr die Tatsachen so vor Augen zu führen. Dabei tut sie mir ehrlich Leid.

„Frau Kubens hat mich letztens zur Seite genommen und gesagt, dass Mutter nicht mehr auf die Beine käme. Es ginge dem Ende entgegen, meinte sie“, mit großen, traurigen Augen sah sie mich an. Ihren Kummer zu sehen, zu spüren, ist nicht leicht.

Wieder muss ich an das Gedicht von Dietrich Bonhoeffer denken:

Je schöner und voller die Erinnerung,
desto schwerer ist die Trennung.
Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual
der Erinnerung in eine stille Freude.
Man trägt das vergangene Schöne nicht
wie ein Stachel, sondern wie ein kostbares
Geschenk an sich.
Dietrich Bonhoeffer

Ich werde es ausdrucken und ihr morgen mitbringen!

Dieses Lied von Bonhoeffer ist auch sehr tröstlich:

Bonhoeffer schrieb es im Dezember 1944 in der Gestapo-Haft. Es ist sein letzter erhaltener theologischer Text vor seiner Hinrichtung am 9. April 1945. Was für ein starker Mann!

33 Kommentare zu „Update 5: Frau K.

  1. Ich denke, dass es völlig normal und legitim ist, dass die Tochter ihre Mutter nicht aufgeben will. Und das hat nichts, aber auch gar nichts mit Egoismus zu tun. Ich denke auch, dass es grenzwertig ist, jemand anderem zu sagen, er solle seine Mutter loslassen. Das geht nur, wenn man den anderen sehr gut kennt. Ansonsten würde ich das als Einmischung in meine Privatangelegenheiten empfinden. Sorry.

  2. Ja Katrin, da berührst du ein sehr heikles, empfindsames Thema: Tod, Abschied nehmen. Lebenskampf, Todeskampf. Schmerz, Wut und Trauer. Aber vor all diesen Dingen, steht „Warten“ in Demut und Dankbarkeit. Ein langes gelebtes Leben, heißt nicht, dass der Mensch gehen kann, weil er schon fast ein utopisches Alter erreicht hat. Es heißt nur, das wir verstehen dürfen, dass die Qualität des Lebens nicht mehr vorhanden ist. Ich verstehe gut die Schutzfunktion der Tochter. Ihr scheint ihre Existenz bedroht, wie das eines kleinen Kindes. Ich darf sagen, solange wir Eltern haben, sind wir Kinder und wir fühlen wie Kinder. Rationales und logisches Denken, ist noch kein Trost.
    Und du…. Wie fühlst du dich. Wie können wir dir zur Seite stehen.
    Monika

  3. Es ist unheimlich schwer, jemaden gehen zu lassen, den man sehr liebt. Aber es ist wichtig, dass wir es erlauben!
    Ich bin in eine „Dietrich Bonhoeffer Grundschule gegangen“ Das Lied haben wir immer wieder gesungen, es gehört zu uns und noch immer gehört es auch zu mir. Der Vortrag hier gefällt mir sehr gut!
    Alles Liebe
    Regina

  4. Ganz schön eigennützig, die Tochter. Wo bleibt die Würde des Menschen? Wo bleibt das Verstehen, dass ein Mensch in diesem Alter dankbar für ein so langes Leben sein darf und dass er auch das Recht hat, nicht mehr zu wollen.
    Möge sie bald friedlich einschlafen dürfen!

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