Update: Frau St.

Mittlerweile habe ich ja zwei Kranke in unserer Tischfamilie. Daher besuche ich die beiden nun auch regelmäßig. Schließlich hält man in einer Familie zusammen.

Länger abwesend von unserer Tischrunde unten im Speisesaal ist die 97-jährige Frau K.. Aber auch Frau St. fehlt seit einiger Zeit. Sie wird im November 92. Es sind also beide sehr betagte Frauen, die schon eine Menge mitgemacht haben in ihrem langen Leben.

Gestern Morgen habe ich erst Frau St. besucht. Sie saß im kleinen Speisesaal ihres Wohnbereichs an einem Tisch zusammen mit einer anderen Bewohnerin. Sie saßen sich gegenüber, jede mit ihrem Frühstück vor sich. Frau Se. fing nach kurzer Zeit dann auch an zu essen. Frau St. saß stumm vor ihrem Brettchen. Zwei Brothälften lagen darauf. Eine Dame von der Hauswirtschaft hatte das Brot mit Butter und Aprikosenmarmelade bestrichen. Aus  einer großen Tasse stieg Dampf. Es roch verführerisch nach Kaffee. Außerdem stand ein Glas Multivitaminsaft an ihrem Platz – unberührt.

„Sie sitzt schon die ganze Zeit so da und will nichts essen“, Frau Se. schüttelte streng den Kopf.

Ich wandte mich an Frau St.: „Wollen Sie nicht einen Happen essen? Einen Schluck Kaffee trinken?“

Sie schüttelte wild den Kopf und stöhnte.

„Sie hat Rückenschmerzen“, meinte Frau Se..

„Tut Ihnen der Rücken weh?“, fragte ich Frau St..

„Ja…“, stöhnte sie.

„Hmh… wissen Sie, was ich glaube? Sie sind sonst immer viel spazieren gegangen, haben sich bewegt. Jetzt, seit einiger Zeit, seit fast zwei Wochen sitzen oder liegen Sie nur noch. Ihnen fehlt die Bewegung. Als sie die Grippe hatten, mussten sie das Bett hüten. Aber jetzt haben Sie die Grippe überwunden. Jetzt müssen Sie wieder laufen, Bewegung haben!“

„Hmpf!!“, schüttelte sie den Kopf.

„Aber Frau St. ist noch ein bisschen wackelig auf den Beinen“, meinte die Hauswirtschafterin besorgt. Ich ignorierte das.

„Also… dann laufen wir erst mal ein bisschen. Dann sehen wir weiter“, sagte ich.

Sofort stand Frau St. auf, schnappte sich ihren Rollator und stapfte los. Ich fuhr mit meinem E-Rolli langsam hinterher. Als sie mit dem Aufzug fahren wollte, sagte ich: „Nein, wir wollen noch nicht nach unten. Lassen Sie uns auf dem WB bleiben.“

Wir machten dann noch eine Runde um den gläsernen Lichthof. Ohne Aufforderung steuerte Frau St. dann wieder ihren Platz im kleinen Speisesaal an, setzte sich an ihren Platz und begann zu frühstücken! 🙂


Nachmittags schaute ich dann noch einmal nach ihr. Wo war sie? Sie lag mit trüber Stimmung im Bett! Fast hatte ich das befürchtet.  Ich wandt mich an den Pfleger, mit dem ich das Zimmer betreten hatte: „Eigentlich wollte ich fragen, ob Frau St. nicht wieder mit uns unten im Speisesaal essen kann. Dann hat sie ein bisschen Bewegung, sieht etwas anderes und kommt auf andere Gedanken.“

Erleichtert sagte der Pfleger: „Ich habe mir gestern Abend zu Hause darüber Gedanken gemacht, ob wir Frau St. nicht wieder unten essen lassen sollen. Allerdings müsste man darauf achten, dass sie auch wirklich etwas isst und genügend trinkt.“

„Ich werde aufpassen“, meinte ich, „sollte es mir zu viel werden, sag ich Bescheid.“

Der Pfleger sah mich ganz erlöst an: „Die Erkrankung schreitet zwar fort, aber Frau St. ist noch nicht so weit, dass sie nur noch hier oben bleibt.“ Er würde dafür sorgen, dass Herr P. sie mit nach unten nähme.

Das fand ich gut. Ich war gespannt, ob die beiden abends unten aufkreuzen würden.


Herr P. war da, aber ohne Frau St.. 😞

Schade!

Doch da hatte wohl irgendetwas mit der Kommunikation nicht geklappt. *seufz* Herr P. war direkt von der Physiotherapie in den Speisesaal gekommen, hatte also gar nicht gewusst, dass Frau St. nun wieder runter kommen sollte. Na ja, ein neuer Tag würde eine neue Chance bieten. *daumendrück* ✊  ✊

9 Gedanken zu “Update: Frau St.

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