Hildegard

Oben im Wohnbereich (WB) am Rande des kleinen Speisesaals saßen 2 Bewohnerinnen und unterhielten sich. Die eine kannte ich. Das war eine Bewohnerin unseres WB. Sie hörte gebannt der anderen Dame zu, die auf sie einredete. Sehr freundlich.

Als ich an ihnen vorbei kam, grüßte ich: „Guten Morgen! Haben Sie eine neue Freundin?“, fragte ich Frau W..

„Eine neue Freundin? Ich weiß nicht… Ich weiß überhaupt nichts mehr… „, stammelte Frau W.. Sie blickte ganz verwirrt auf. „Habe ich eine neue Freundin?“

„Na, die nette Dame, die Ihnen gegenüber sitzt!“, meinte ich.

„Ach ja? Ach ich weiß nichts!“, das klang schon fast ein wenig weinerlich.

„Ich bin doch hier, um dich etwas aufzumuntern! Alles ist gut!“, sagte die andere Dame.

Da war die Aufmerksamkeit von Frau W. schon wieder ganz bei der freundlichen Dame.

„Ich kenne Sie gar nicht. Wie heißen sie denn?“, fragte ich sie.

Ich??? Ja …  “ , sie wirkte plötzlich auch ganz verwirrt. Sie zog das Kinn herunter auf die Brust und murmelte vor sich hin. Dann sah sie ganz erleichtert wieder auf: „Hildegard!

Das bin ICH!!!„, trumpfte Frau W. ganz glücklich auf.

„Sie beide! Sie heißen beide Hildegard, Hilla“, erklärte ich Frau W., sie bei ihrem Kosenamen nennend. Wobei ich noch zweifele, ob die andere Dame wirklich Hildegard heißt.

https://musikhai.com/2014/05/09/das-gebiss/

https://musikhai.com/2014/05/15/fruhstuck-mit-den-lustigen-weibern/

9 Gedanken zu “Hildegard

  1. Liebe Katrin, dieser Beitrag berührt mich sehr, mehr als mir lieb ist. So ist das Leben, es gibt nicht nur schöne, ermunternde, fröhliche Dinge (Seiten). Nein, gewiss nicht und du, du wirst täglich mit genau diesen anderen Seiten konfrontiert. So wie du die Situation beschreibst, klingt sie ruhig, beinahe alltäglich, nichts besonderes. Ebenso. Sie ist wie sie ist. Die Situation.
    Zwei Frauen, die mit einander reden, weil sie es gern tun, reden, sich mitteilen. Sie fühlen sich wohl, weil sie glauben zu harmonieren. Ein Funken Erinnerung, des Austausch durchzieht ihren Geist und genau dieses Gefühl lässt sie eine Winzigkeit an Zeit, oder sogar länger, entspannter und zufriedener sein. Sie haben einen Freund gefunden, jemanden der mit ihnen freundlich umgeht, in einer räumlichen Umgebung die ihnen zunehmender fremd wird und ist.
    Aber es währt nicht lange. Sie spüren, das etwas nicht mit ihnen stimmt. Manchmal macht es sie aggressiv. Sie können es nicht ändern. Die Suche nach sich selbst, nach dem verloren ICH, ist grausam. Erst dann, wenn sie in der dritten Phase sind, erleiden sie nicht mehr den Schmerz der Suche nach ihrem Bewusstsein.
    Ich kann nur an die Verwandten und Freunde appellieren: Besucht die Eltern, Großeltern, Onkel, Tante, Bruder oder Schwester. Lacht mit ihnen, geht mit ihnen spazieren. Singt mit ihnen. Erwartet nicht, dass sie Euch verstehen. Reicht ihnen eure Hand, damit sie die Wärme des Lebens spüren.
    Sie sind mit ihrem Unvermögen allein und das macht unsägliche ANGST
    LG. Monika

    Gefällt 7 Personen

  2. Pingback: Die 3 Hildegards | Meine Erlebnisse im Altenheim

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s