Unfassbare Kondition

Meine kölsche Nachbarin ist unglaublich. Sie hat eine Kondition… also ihre Ausdauer im Singen übersteigt meine Ausdauer im gelassen Zuhören bei weitem. 😦

Letztens begleitete ich Herrn Regels vom Sozialdienst, als er ihr einen Besuch abstattete. Das fällt unter ‚Aufsuchende Betreuung‘ und wird von den Mitarbeitern des Sozialdienstes regelmäßig gemacht. Gerade die immobilen Bewohner genießen diese Besuche. Das ist eine willkommene Unterbrechung der Monotonie des Alltags im Bett. Ich glaube, dass die Kölnerin sehr selten Besuch bekommt. Ihr Sohn kommt regelmäßig von außerhalb – ein Mal die Woche?

Als Herr Regels letztens zu ihr ging, fragte ich, ob ich ihn begleiten dürfe. Ich wollte sie einfach mal wieder sehen, nicht nur hören. Vielleicht könnte ich dann die Dauerbeschallung besser ertragen, dachte ich.

Was soll ich sagen… sie tat mir unendlich Leid, wie ich sie da blass und mager liegen sah. Ich konnte nicht bleiben. Sie singt so kräftig und ausdauernd. „Sie sang früher im Chor“, sagte mir Herr Regels.

Ich hätte nie und nimmer gedacht, dass sie mittlerweile so eine zarte Person geworden ist. Dabei flucht sie manchmal wie die Kesselflicker! Als wir ins Zimmer kamen, hörte sie sofort auf zu singen. Sie probiert ihre Stimme aus um sich selbst zu spüren, sagte mir eine Pflegerin.

Musiktherapie – Simone Willig

Musiktherapie – Wiki

18 Gedanken zu “Unfassbare Kondition

  1. Liebe Katrin, was du da schreibst, ist nicht nur schwer auszuhalten, sondern auch schwer zu lesen. Mein Magen dreht sich bei dem Gedanken, dass eventuell meine, deine, unsere, eure Zukunft ähnlich verlaufen wird. Und wir nichts, aber auch gar nichts dagegen tun können, als unsere Stimme zu erheben und singen, damit wir gehört werden. Vielleicht uns selbst hören, um der Einsamkeit des vegetierenden Alltags zu entrinnen. Das Singen dieser Frau hat vielerlei Bedeutung, aber verstehen wir sie? Hat irgend jemand Zeit, um sich ihrer anzunehmen?
    Ist da wer, der sich zu ihr setzt und ihre Hand nimmt. Die eigene Hand unter der ihrigen legt, damit sie Wärme, menschliche Nähe spürt. Sie anspricht mit leiser Stimme, ihr Märchen die sie kennt aus ihrer Kindheit, vorliest. Ein Zimmer kann ein Käfig sein, ein Bett ebenso, warum nicht die Stimme erheben, um der Einsamkeit und des lauernden Todes mit der einzigen Kraft die ihr noch verblieb, ihrer Stimme, zu entrinnen?

    LG. Monika

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  2. Liebe Katrin,
    es ist ein großes Problem, dass gebe ich zu und aus meiner Position heraus kann ich keine Lösungsvorschläge machen. Eine Lösung kann nur im Teamwork mit allen Betroffenen, deren Angehörigen (Heimbeirat), Pflegepersonal, etc., geschehen. Ich kenne nicht die Struktur der Abläufe in eurem Heim. Aber es geht um Belange und Bedürfnisse, die gestillt werden dürfen und müssen. Ich glaube schon, dass das GTH viel Gutes tut. Auch bin ich mir sicher, dass das Pflegepersonal, nach ihren Kräften und Möglichkeiten, alles machbare unternimmt. Aber der Mensch muss zum „Denken“ gebracht werden, erst dann kann er seine Kreativität in positive Lösungsvorschläge umsetzen.
    Ich wünsche dir von Herzen, dass du andere Klänge wahrnehmen darfst. Solche die dir gut tun. Einen angenehmen Sonntag.
    Monika

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  3. Liebe Katrin, ich kann das nachempfinden. In „unserem“ Heim haben wir auch so eine Dame, weit über Hundert,sie bewegt sich im Rollstuhl auf dem Flur. Sie ruft pausenlos nach den Schwestern, selbst wenn eine bei ihr ist. Ich sah, als ich mal Kaffee für meine Mutter holte, 2 Betreuer, die sich ausgiebig mit ihr beschäftigt hatten (schon damit es auf dem Flur ruhiger wird), wie sie sich von ihr verabschiedet hatten. Sofort ergriff sie meinen Arm: „Schwester, wo sind die denn alle, ich bin ganz allein und weiß nicht, wo ich wohne.“ Und sofort fing sie wieder lautstark an, nach einer Schwester zu rufen. Ich habe sie schon ein paar male auf dem Flur herum gefahren, dann ist sie glücklich (und die anderen auch), aber sie brauchte 24 Stunden Betreuung, ich glaube, sie schläft immer nur 2 Stunden lang an einem Stück. Das kann keiner leisten und eine Lösung für dieses Problem ist, so leid es mir tut, wohl nur Ohrstöpsel. Ich weiß nicht, ob sie unter ihrer „Einsamkeit“ leidet, denn wenn man sich mit ihr beschäftigt, scheint sie glücklich zu sein und alles scheint vergessen. Nur, geh mal wieder weg… Aber sie bekommt auf jedenfall keine Lungenentzündung. ( Sorry…)
    In diesem Sinne Liebe Grüße Hanna

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