Sind Sie immer noch da?

Ein älterer Herr, gut gekleidet, mit Rollator, verlässt das Seiden Carré (Betreutes Wohnen) und tritt hinaus in den Garten. Er wandert seinen üblichen Weg durch den Garten und anschließenden Garten des Gerhard-Tersteegen-Hauses. Das ist der Weg, den auch ich gerne nach den Mahlzeiten mit dem E-Rolli zurück lege.

In einer Ecke des Gartens des GTH steht eine Figur aus Beton von Bärbel Kolberg, die einen alten Menschen darstellt an einer Bushaltestelle. Freundlich lächelnd, in einer Hand eine dicke Zigarre, blickt sie in den Garten.

2016-07-18 09.01.10

Als der ältere Herr an ihr vorbei kommt, bleibt er stehen.

„Na! Sind Sie immer noch da?“, sagt er, „Aber Sie sollten nicht nur dort rumstehen! Spazieren Sie eine Runde mit mir!“

Auffordernd lächelt er.

Dass er dort mit einer Figur spricht, das ist ihm nicht klar. Irgendwie fand ich das anrührend. Der Herr ist oft bei einem Spaziergang zu beobachten. Ein oder zwei Mal in der Woche besucht er auch die Tagespflege im GTH.

Kunst aus Beton

Tagespflege

17 Kommentare zu „Sind Sie immer noch da?

  1. Liebe Katrin, bist du ganz sicher, dass der Herr sich täuschte und nicht wusste, dass er mit einer Figur redete? Kinder reden mit Puppen, als wären sie lebendig, ich mache das gelegentlich auch. Ich rede auch mit Tieren oder Bäumen, mit den Wellen und den Sternen, mit dem Fahrstuhl, der nicht kommen will rede ich auch. Ich rede bzw schimpfe auch mit anderen Autofahrern, die mich ärgern, obgleich sie mich nicht hören können, mit dem Auto rede ich, mit meinem Knie, das wehtut- … Alle tun wir das. Das ist eine Art der Zwiesprache, die auf keine Antwort rechnet .

      1. So hat die Bushaltestelle im Altenheim noch einen nützlichen Aspekt. Aber ich fände sie auch als „Nur-so“- Deko ganz schön, ebenso wie z.B. ein altes Telefonhäuschen. Da könnte man auch was dran und drin pflanzen. Natürlich müsste der Garten entsprechend Platz bieten, aber gefallen würde es mir

  2. Guten Morgen,
    dieser gepflegte ältere Herr scheint ein kontaktfreudiger Mensch zu sein. Eine nette Aufforderung. Danke Katrin, deine Beiträge gehen unter die Haut. Das ist gut so. Ich selbst hatte eine Mutter, die in einem Pflegeheim untergebracht war. Die Entscheidung, sie dort hin zubringen viel mir unendlich schwer. Zwei Jahre besuchte ich sie täglich und mit ihr auch die anderen Bewohner. Wenn ich zurück blicke, war es meine schwerste Lebenszeit, aber auch eine reich beschenkte. Im zunehmenden Alterungsprozess, erlebte ich eine liebevolle, zärtliche Frau. Sie hat mich in dieser Zeit für alles entschädigt, was in den Jahren zuvor schiefgelaufen ist.
    Mein Gedanke war und ist, wir müssen zu unseren Eltern gehen und mit ihnen, ihren letzten Weg.
    LG.Monika

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