Mein gestriger Besuch bei Herrn R.

Auch gestern war ich wieder bei meinem invaliden Schachpartner.

Ach, er ist wirklich ein Bild des Jammers!
Blass, blass, blass…
schneller, kurzer, rasselnder Atem
liegt er im Bett
hat wohl gräßliche Schmerzen.

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Ich fuhr mit meinem E-Rolli ganz nah an seine Seite und strich sanft über seine Hand. Langsam entspannten sich seine Gesichtszüge ein wenig.

Als ich dann sagte: „Das gehört mal wieder auf die Liste: Dinge die der Mensch nicht braucht! Eine gebrochene Hüfte… Jetzt muss ich mal ordinär werden: Das ist SCHEI…!!!„, lächelte er!

„Merde, wie der Franzose sagt…“, meinte er, aber ganz schwach. Seine Mundwinkel bewegten sich ganz sanft nach oben.

Ich lächelte zurück. 🙂

„Soll ich Ihnen etwas aus der Schachnovelle vorlesen?“, fragte ich ihn.

„Wir können es ja mal versuchen *hust* …“, flüsterte er.

Ich holte den Reader hervor und begann vorzulesen. Immer wieder zog ich Querverbindungen zu seinen eigenen Schiffsreisen, die er damals mit seiner Frau gemacht hatte. Denn das Buch beginnt auf einem Passagierdampfer. So versuchte ich, seine Aufmerksamkeit zu wecken, zu halten.

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Schachnovelle

Stefan Zweig: Schachnovelle – Kapitel 2

Kapitel 2

Auf dem großen Passagierdampfer, der um Mitternacht von New York nach Buenos Aires abgehen sollte, herrschte die übliche Geschäftigkeit und Bewegung der letzten Stunde. …

Weit kamen wir heute nicht. Er war sehr schnell zu erschöpft weiter zuzuhören. Also verabschiedete ich mich.

„Aber Sie kommen doch wieder???“, sagte er noch ganz flehentlich.

„Aber sicherlich!“, war meine ernst gemeinte Antwort.

Ich will versuchen, ihn jeden Tag kurz zu besuchen.

13 Kommentare zu „Mein gestriger Besuch bei Herrn R.

  1. vielleicht könntest Du ihm liebe Grüsse von mir ausrichten liebe Katrin ?Da ich bei meinen Großeltern aufgewachsen bin,fühlte ich mich immer zu älteren Menschen hingezogen ..logisch <3 Ich wünsche Dir noch einen herrlichen Tag..und danke ,dass Du uns an Deinem Leben teilnehmen lässt ,Katrin 🙂

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