Schachspiel mit Herrn R. ruht zur Zeit

Ich habe schon lange nichts mehr über meinen Schach-Partner Herrn R. berichtet. Auch nicht über Schachspiele. Das hat auch einen Grund:

Mehrmals hatte ich bei ihm angerufen und wollte mit ihm Schach spielen. Nie nahm er den Telefonhörer ab.

Er kann doch nicht immer auf der Toilette sein, wenn ich anrufe… „, dachte ich. Nach dem dritten Anruf, der wieder ins Leere lief, fragte ich meine Pflegerin, was denn mit ihm los sei, warum er nie ans Telefon ging.

„Herr R.? Der ist schon seit einiger Zeit im Krankenhaus“, sagte sie.

„Im Krankenhaus??? Wieso das denn???“, fragte ich entsetzt.

„Er ist gestürzt und hat sich …. gebrochen“, klärte mich die Pflegerin auf, „Trümmerbruch. Kann nicht operiert werden.“

😯

Kurz vor Ostern wurde er dann mit einem Krankentransport wieder ins Gerhard-Tersteegen-Haus gebracht. Jetzt muss er stramm auf dem Rücken liegen, hat viele Schmerzen und ist echt arm dran.

Da war für mich klar: „Ich muss ihn besuchen!“

 Da ich eigentlich nicht mehr zum anderen Ende des Flurs fahren soll, da zwischen der Bewohnerin des Zimmers gegenüber von Herrn R. und mir ganz dicke Luft herrscht, habe ich ihn bisher nicht mehr in seinem Zimmer besucht. Unser letztes Schachspiel Anfang März fand denn auch bei mir statt. Aber jetzt musste ich dort hin!

Also machte ich mich am Ostermontag-Morgen auf. Ich lud die ‚Schachnovelle‘ von Stefan Zweig auf meinen Kindle. Ich hatte überlegt, ihm etwas vorzulesen statt Schach zu spielen. Er darf das Bett ja momentan nicht verlassen. Dann packte ich den Reader ein und fuhr mit dem E-Rolli los.

Die Erstausgabe der Schachnovelle von Stefan Zweig.jpg
Von Andreas Bohnenstengelhttp://andreasbohnenstengelarchiv.de/, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39333655

Ich wollte eine  Pflegekraft bitten, mich zu begleiten. Ich war noch nicht weit gekommen, da traf ich K.. Sie stimmte sofort zu, mich zu begleiten und vorzugehen, um Herrn R. zu fragen, ob er mich empfangen wolle.

„Aber JA!“, sagte Herr R., als er gefragt wurde.

Ich rollte also in sein Zimmer.

Er lag im Bett, atmete rasselnd und freute sich total, mich zu sehen. 🙂

„Ist das schön, dass Sie gekommen sind!“, strahlte er mich an.

Er sprach sehr undeutlich, hatte beim Atmen große Schwierigkeiten, aber er war so froh mich zu sehen.

„Ent… schul… dig… ung… … … und… das… wo…wir… gerade… *hust * … an… ge… fang.. en *hust * hatten… *hust hust hust *…“

Er hustete rasselnd. Das strengte ihn alles sehr an. Er tat mir so Leid!!!

„Nicht reden“, sagte ich beruhigend. Dann erzählte ich ihm von meiner Idee, ihm vorzulesen. Ich fragte ihn, ob er die Schachnovelle kenne. Nein, kenne er nicht. Ich gab ihm eine kurze Zusammenfassung und meinte: „Wenn wir schon nicht spielen können, so können wir wenigstens ein gutes Buch zu dem Thema lesen!“ 😉

Er war der Sache gegenüber nicht abgeneigt. „Aber nicht heute…“, meinte er. Er klang ganz schwach.

Kurz darauf verließ ich ihn wieder.

„Aber Sie kommen wieder?“, meinte er flehentlich, „Ganz bald?!?“

Ich blickte ihn mit strahlendem Gesicht an: „Aber natürlich!“

21 Gedanken zu “Schachspiel mit Herrn R. ruht zur Zeit

  1. Eine wunderbare Idee – und ein bemerkenswertes Buch. Und (ich erlaube mir mal wieder unbekannterweise ein Du) weißt Du was?
    Ich werde es mir die Tage auch aus dem Regal ziehen. Ein altes, eingestaubtes Taschenbuch. Hat damals etwa DM 3,80 gekostet, so alt ist es.
    Ich werde es lesen, beim Umblättern das alte, vergilbte Papier riechen, Staub einatmen und es lesen. Danke für die Inspiration dazu.

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