Abendbrot mit Hilfe

Gestern Abend kam ich meiner Rolle als fürsorgliche ‚Tischmutti‘ wieder nach.

Ich passte auf, dass meine betagten Tischnachbarn etwas zu Abend aßen, so wie sich eine Mutter darum kümmert, dass ihre Kinder etwas vernünftiges zum Abendbrot essen.

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pixabay.com

Es fing an mit Frau St.. Sie ist in letzter Zeit sehr zerstreut. Sie kam mit ihrem Teller und hatte darauf nur Wurst, Käse und Butter geladen.

„Sie müssen sich noch etwas Brot holen“, sagte ich. „Außerdem gibt es heute Abend Kräuterquark. Den mögen Sie doch auch so gerne! Holen Sie sich eine Scheibe Brot und ein Schälchen Quark!“

Frau St. schaute herab auf ihren Teller: „Ja. Brot. Das habe ich wohl vergessen.“ Sie schaute auf ihren Teller, dann zurück zum Büfett, dann zu mir. Schließlich drehte sie sich ganz langsam um und ging schweren Schrittes zurück zum Büfett.

Dort angekommmen schaute sie sich verloren um. Sie schien nicht mehr zu wissen, warum sie dort war.

„BROT UND QUARK!“, rief ich laut durch den Speisesaal.

Als sie zurück kam, hatte sie außer Brot und Quark auch wieder Butter und Aufschnitt mitgebracht. Ich seufzte.

In der Zeit hatten U. und Frau K. ein wenig gegessen. Viel hatten sie auf ihren Tellern liegen lassen. Da waren die Augen mal wieder hungriger als der Magen. Ich seufzte.

Frau Ga. saß noch an ihrem Platz. Vor ihr stand eine leere Packung ‚Grießbrei mit Rote Grütze‘-Dessert aus dem Supermarkt. Frau Ga. ist und bleibt eine süße Naschkatze. 😉

„Frau Ga., wollen Sie sich nicht etwas zu essen holen… vom Büfett?“, fragte ich sie.

Sie grinste mich ganz breit an: „Ich habe schon gegessen!“
Sie zeigte auf die leere Puddig-Packung.

„Das war ja nur etwas zum Naschen!“, meinte ich streng.

„Grießbrei… mit OBST!!!“, sprach sie ganz rechtschaffen.

Dann kam eine der Hauswirtschaftsfrauen und erkundigte sich, was Frau Ga. essen wolle. Da Frau Ga. nicht reagierte sprang ich ein und bestellte für sie eine Scheibe Brot mit…

Ich blickte Frau Ga. an und fragte: „Käse oder Wurst?“

„Wurst“, murmelte sie.

„… also mit einer Scheibe Aufschnitt“, sagte ich zu der Hauswirtschafterin.

Die verschwand sofort und holte das erwähnte. Blitzschnell war sie zurück und stellte alles vor Frau Ga. ab. Die zog die Nase kraus.

„So! Ich mache Ihnen das“, sagte ich zu ihr. Ich schnitt die Brotrinde ab. Ich weiß, dass sie die nicht mag. Dann kam Butter aufs Brot und anschließend die Scheibe Aufschnitt. Zum Schluss teilte ich die Scheibe in Viertel. Dann stellte ich den Teller vor Frau Ga. ab. „Jetzt essen Sie wenigstens ein Viertel!“

Sie zog die Stirn kraus. Doch dann blickte sie auf den Teller und sagte: „Das haben Sie aber schön gemacht! Danke!“ Sie nahm das erste Viertel und knabberte daran. Ich blieb an meinem Platz sitzen und verwickelte Frau Ga. in ein Gespräch.

Der Speisesaal hatte sich mittlerweile ziemlich geleert. Ich plauderte. Frau Ga. nahm sich das zweite Viertel.

Was soll ich sagen: zum Schluss waren wir fast die letzten im Speisesaal aber Frau Ga. hatte das Brot komplett verputzt. Außerdem hatte sie auf meine Bitte hin auch noch etwas getrunken. Ich war sehr zufrieden! 🙂

19 Gedanken zu “Abendbrot mit Hilfe

  1. Du kannst sehr zufrieden sein! Ich finde das richtig toll, was du gemacht hast und immer wieder machst.
    Du siehst diese Dinge und es ist schade, dass für dich vieles körperlich und kraftmäßig nicht mehr möglich ist. Genau deswegen bewundere ich deinen Elan, so viel wie möglich zu erreichen. Du kannst wirklich stolz auf dich sein. Liebe Grüße von Hanna.

    Gefällt 4 Personen

  2. Ganz toll – wie Du Dich um Deine Mitbewohner kümmerst. Damit wäre wieder einmal bewiesen, dass es die kleinen Dinge im Leben sind, die das Leben schöner machen. Ich musste an einen Bekannten denken, der seit einigen Wochen auch in einer Senioreneinrichtung wohnt und der auch viel vergisst.

    Liebe Grüße

    Birgit

    Gefällt 1 Person

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