Sie schreit und schreit und schreit…

Wir haben eine Bewohnerin auf meinem Wohnbereich, die schreit und schreit und schreit… egal, ob sie auf ihrem Zimmer liegt oder ob die Pflege sie mobilisiert hat und sie in ihrem Rolli auf dem Flur sitzt. Die Schreie gehen durch Mark und Bein!

tiger kl

pixabay.com

„Aaaaaaaa… Aaaaaaaa… Aaaaaaaa… „,

als würde sie mit Messern gequält oder hätte sie irgendwelche Schmerzen.

Wenn es mir zu doll wird, fahre ich mit meinem E-Rolli raus zu ihr.

„X…, was ist los???“, frage ich sie.

Da fängt sie wie irre an zu lachen.

😀 😀 😀

„X…!“, rufe ich aus.

Sie streckt ihre Hand zu mir aus. Ich ergreife sie. Sie wird ganz ruhig.

„Die kann Englisch“, sagt sie und meint mich.

„Hello! How are you?“, sage ich zu ihr.

„Die kann Englisch“, sagt sie.

„Das heißt: ‚Wie geht es dir?'“, erkläre ich.

„Gut… jó… das ist ungarisch!“, antwortet sie.

„Dir geht es also gut?“, frage ich.

„Ja! Mir geht’s gut!“, beteuert sie.

„Und warum schreist du dann so?“

„Aaaaaaaa… Aaaaaaaa… Aaaaaaaa… „,

kommt als Antwort. Aber dann wird sie wieder ruhig.

„Ich weiß nicht.“

.

.

.

Das einzige, was mich beruhigt, ist dass sie keine Schmerzen hat.

Doch irgendwie macht es mich trotzdem traurig.

.

.

Was ist das nur für ein Leben?

.

Schreien oder Rufen: Eine echte Herausforderung für Pflegende.
Vortrag von Hans-Werner Urselmann

‚Schreien und Rufen‘ – Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz
von: Hans-Werner M. Urselmann
Verlag Hans Huber, 2013
ISBN: 9783456952611 , 304 Seiten

9 Gedanken zu “Sie schreit und schreit und schreit…

  1. Ich habe ein „gefällt mir“ gegeben, nicht weil es mir gefällt, wie die Frau schreit, sondern weil mir es gefällt, das du dich um sie kümmerst, was bestimmt nicht einfach ist. Ich kenne mich zu wenig aus, und ich kann auch nicht eine Antwort darauf geben, was das für ein Leben ist. Vielleicht ein Leben in einer anderen Wirklichkeit als der unseren. Die Kommunikation ist schwer, wenn nicht sogar unmöglich.
    Bei solchen Beschreibungen muss ich immer datüber nachdenken, wer „Leben“ bewerten kann und wer es definiert. Wahrscheinlich könnte man unendlich diskutieren und käme keinen Schritt weiter. Deshalb ist der Schritt, den du auf diese Frau zugehst, das einzig Richtige – und etwas, was den meisten von uns viel Mut und Überwindung kostet
    Vielen Dank dafür, liebe Katrin

    Gefällt 3 Personen

  2. Oh je, ich kann gut nachfühlen wie schlimm es für die Pfleger/innen sein muss. Für Euch Bewohner, die nicht einfach weg können. Ich finde Du hast sehr gut reagiert. Viele wären wütend geworden, was ich auch nachvollziehen kann. 😦 Schlimm ist es auch, von den eigenen Angehörigen angeschrien zu werden, auch wenn man sich bemüht, es rational zu sehen, es verletzt trotzdem und raubt Kräfte. Ich wünsche Dir, weiterhin viel Kraft, soll Deine positive Energie nie zu Ende gehen! 🙂
    Ach und vielen Dank, für den Buch Tipp.

    Gefällt 1 Person

  3. Ich habe deinen Beitrag und die angegebene Seite mit angehaltenem Atem gelesen. Wie, dachte ich, würde ich reagieren? Du bist großartig, hast genau das Richtige getan. Und die KrankenpflegerInnen, die tagtäglich damit konfrontiert sind, außer ihren anderen Tätigkeiten – Hut ab! Hilfreich fand ich, dass im Artikel drauf hingewiesen wird, Schreien sei der allererste Ausdruck des Menschen. Das Baby schreit – und alle rennen, um herauszufinden, was der Grund sei. Sie wiegen es im Arm, die wickeln es, sie legen es an die Brust – aber es will nicht, es schreit. Tut der Bauch weh? Kommen schon Zähne?……Kinder schreien auch noch viel, besonders auf dem Schulhof. Normale Erwachsene schreien nur noch selten, eigentlich nur, wenn sie sehr stark erregt sind, durch Wut, Hass, Lust, und im Kollektiv, Es schickt sich nicht zu schreien, es macht die anderen verrückt. (Wenn jemand stark erregt ist, soll er lieber seine Zunge runterschlucken als zu schreien). Es ist wie eine Alarmanlage, die man nicht ausschalten kann. Verzweifelt sucht man nach dem Knopf, aber es gibt keinen. Manchmal hilft wohl das, was auch beim Baby hilft (umarmen, berühren, füttern). Der demente Mensch hat das Recht zu schreien, heißt es. Dennoch: Mir scheint es sehr schwer, das zu akzeptieren und nicht durchzudrehen.

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