Der erhobene Zeigefinger

Seit Frau W., Frau M. und Frau V. nicht mehr unten an unserem Tisch im Speisesaal sitzen, hat sich einiges geändert dort.

Die drei Damen essen nämlich jetzt oben auf ihrem Wohnbereich. Beide sind mittlerweile über 90 Jahre alt und sind nun aus unterschiedlichen Gründen oben. Frau W. ist mittlerweile sehr verwirrt und soll unter besserer Beobachtung sein. Zum einen, damit sie etwas isst und trinkt, zum anderen, damit sie nicht stiften geht. Es ist erstaunlich wie behände sie mit ihrem Rollator durch die Gegend eilt. Wenn sie kann, dann ist sie in Nullkommanix weggelaufen.

Frau M. muss auch auf ihrem WB essen, aus ähnlichen Gründen. Sie würde zwar nicht weglaufen. Aber sie muss zum Trinken angehalten werden. Sie war stark dehydriert zum Schluss, als sie noch unten aß. Auf dem WB haben die Pfleger es einfach besser im Blick, ob sie trinkt.

Frau V. ist einfach sehr müde geworden und geht gar nicht mehr am Rollator. Sie sitzt nur noch im Rolli. Mittags wird sie im Rolli vom Personal nach unten zum Essen geschoben und auch nach dem Essen wieder abgeholt.

So waren wir also erst einmal nur noch zu dritt an meinem Tisch im Speisesaal: Frau K., Frau St.. und ich.

Dann bekamen wir einen Neuzugang. Frau Wo. war schon über 90 und schaffte es nicht mehr, allein im Betreuten Wohnen zu leben. Sie leidet auch an Demenz und vergisst sehr viel. Aber sie war und ist sehr liebenswert. Eine ruhige, feine Frau. Leider konnte sie nur einige wenige Wochen unten bei uns bleiben. Jetzt ist sie auf dem selben WB wie Frau M..

Wieder waren wir nur zu dritt.

Seit einiger Zeit haben wir eine neue Bewohnerin an unserem Tisch. Frau G. kommt nur zum Mittagessen runter. Sie spricht sehr leise. Als ich sie einmal bat, lauter zu sprechen, denn ich hätte sie nicht verstanden, sagte sie: „Das tut mir leid, dass sie nicht gut hören können.“ Ich sagte ihr nicht, dass sie keiner am Tisch verstehen könne. Denn eigentlich höre ich sehr gut! 😉

Frau G. ist wirklich sehr anstrengend. Nicht nur, weil sie so leise und undeutlich spricht. Sie weiß auch immer alles besser:

„Das habe ich früher ganz anders gemacht!“

„Das war nicht gut! An diese Suppe gehört…. „

„Als ich das selber gemacht habe, da gab es das so nicht!“

Dabei schwingt sie immer mit Vehemenz ihren rechten Zeigefinger. Hat sie zufällig mal etwas in der rechten Hand, zum Beispiel einen Löffel oder eine Gabel, dann gestikuliert sie damit.

A. Reinkober / pixelio.de

A. Reinkober / pixelio.de

Außerdem beschwert sie sich immer über ihre Mitbewohner auf dem WB.

„Das sind ja alles Bekloppte da!“

Dadurch macht sie sich nicht gerade beliebt. Letztens flüsterte mir Frau St. ins Ohr: „Ich mag sie überhaupt nicht leiden!“, und schaute auf die gestikulierende Frau G., die ihr gegenüber sitzt.

Nun ja, da ist sie nicht allein. Frau St., Frau K. und ich, wir sind uns da einig. Wir lachen gemeinsam. Das verbindet.

U. sitzt am nächsten zu Frau G.. Sie ist ihr quasi ausgeliefert. Aber sie hat die beste Taktik: Ohren auf Durchzug, immer nett lächeln, freundlich gucken. Verstehen tut sie auch nicht viel, sagte sie mir. 😀

Liste von Gesten – Wiki

28 Gedanken zu “Der erhobene Zeigefinger

  1. Liebe Katrin,

    manchmal weiss ich nicht, was ich zu Deinen Beiträgen schreiben soll, sie rütteln mich immer auf und lassen mich gleichzeitig hilflos zurück, weil man eigentlich nur eins möchte und das scheint nicht erfüllbar: Dir helfen.
    Ich war 2009 nach einer OP zur Reha. Als ich dort ankam, wurde mir ein Platz an einem Tisch mit durchweg älteren, mürrisch dreinschauenden Damen zugewiesen. Mein Gedanke damals (ich bin wirklich ein sehr positiv denkender Mensch:)) „Ok Katrin, das schaffst Du jetzt die kommenden Wochen“…. Das Personal hatte wohl alles beobachtet und reagierte: Am Abend wurde ich umgesetzt und hatte nun zwei gleichaltrige Frauen am Tisch, aber auch einen greisen Herrn, den ich „Herr Waldschrat“ nannte, weil er nicht nur so aussah, sondern auch so griesgrämig ins Leben schaute und nur am Nörgeln war. Die Reha wurde ein Erfolg, mit dem Herrn hatte ich mich auch angefreundet…An diese Zeit erinnern mich immer Deine Erzählungen, nur: Ich wusste, die Zeit geht rum und mir gehts jeden Tag besser. Das ist bei Dir völlig anders und ich kann Dich bestens verstehen. Ich finde es auch irgendwie komisch, dass es keine anderen Möglichkeiten für Dich gibt, als im Altenheim betreut zu werden. Gibt es da wirklich keine Alternative?

    Ich wünsch Dir von Herzen einen schönen Tag!

    Liebe Grüße

    Katrin

    Gefällt 2 Personen

  2. Habt Ihr stabile Tische bei Euch? Ich glaube, ich würde laufend in die Tischkante beissen…
    Und was deinen Ausspruch betrifft, dass du vielleicht auch mal Geduld lernst… Ich glaube, du hast eine wahnsinns Geduld.
    Es liest sich für uns total spannend und amüsant. Du erzählst das auch so leicht. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es da manchmal ganz schön innerlich kocht.
    Würde es zumindest bei mir.

    Gefällt 1 Person

  3. Herrlich, wie du das beschreibst!!! Genauso und ähnlich kenne ich es aus meiner Zeit als Betreuungskraft… zum Teil war es amüsant, zum Teil aber sehr anstrengend, für alle 😉
    Danke, Katrin, dass du so aufmerksam bist, obwohl du an manchen Tagen und bei manchen Situationen sicher selbst nicht so gut drauf bist oder aus „der Haut fahren“ könntest 😉
    GLG Kat

    Gefällt 1 Person

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