Zeitzeugen sind echte Edelsteine

Die betagten Bewohner, die nicht geistig abgeschaltet haben oder verwirrt sind, sind Zeitzeugen von früher. Das sind echte Edelsteine. Kein Geschichtsbuch kann so interessant berichten wie sie. Sie haben es echt erlebt. Sie waren dabei!

Letztens hatte ich wieder ein sehr interessantes Gespräch mit Frau A. K..

Mit ihr hatte ich ja auch schon Frau Claudia Pfeil von Quilt & Co. besucht. Darüber hatte ich im Beitrag vom 04.08.2015 berichtet.

Dieses Mal waren Frau A. K. und ich vor einem einsetzenden Regenschauer ins Innere des GTH geflüchtet. Wir wollten warten, bis es wieder aufhörte. Dann kam Frau A. K. ins Erzählen.

„Letztens unterhielt ich mich mit meinem Sohn… ‚Und ihr habt immer gefragt / gesagt, warum habt ihr damals nichts gesagt, niemanden aufgenommen…‘ und jetzt… jetzt kommen die ganzen Flüchtlinge… und das sind nicht mal Deutsche… und sie werden alle aufgenommen… und es werden immer mehr… und jetzt sagt ihr, ihr wollt nicht mehr… wir damals, hätten wir was gesagt, einen Juden aufgenommen… dann wären wir verhaftet worden und ins KZ gekommen… also schwiegen wir… ihr sagt heute offen, ihr wollt nicht, dass noch mehr Flüchtlinge kommen… und müsst nichts fürchten…“

Dann erzählte sie über ihr eigenes Leben während und nach dem Zweiten Weltkrieg. „Mit 39 war ich schon zum zweiten Mal Witwe. Mein erster Mann fiel im Krieg, mein zweiter wurde krank und starb. Das war 1957.“

Aha… ich rechnete… jetzt weiß ich also, dass sie 1918 geboren wurde. 😉

„Ja… das Leben hat es nicht immer gut mit mir gemeint…“, sagte sie und blickte aus dem Fenster.

Dann erzählte sie von der Zeit mit ihrem zweiten Mann: „Er war ein sehr guter Schneider und hat für einen Schneider gearbeitet, der für die Hautevolee Kleidung machte… wichtige, betuchte Bürger… dazu gehörten damals auch die Stahl- und Eisenhändler… die hatten alle O-Beine… „, sie kicherte. 🙂

„Wenn ich zu viel erzähle, müssen Sie mich bremsen“, sagte sie zu mir.

Ich fand das Ganze sehr spannend. Das sagte ich ihr auch. Aber es ist auch sehr anstrengend für mich, so konzentriert zuzuhören. Also verabschiedeten wir uns.

„Bis zum nächsten Mal!“, sagte ich, „Dann müssen Sie weiter erzählen!“

Deutscher Eisenhandel tilgt Verlust – 15. Dezember 1955, ZEIT

Zeitzeugen

11 Gedanken zu “Zeitzeugen sind echte Edelsteine

  1. Die Zeitzeugen sind sehr wichtig. Und es ist auch wichtig, sie erzählen zu lassen, wie es damals war, wie man gefühlt und gelebt hat. Viele Dinge müssen wir hören, richtig zuhören, um dann vielleicht ansatzweise zu verstehen. Meine Mutter ist jetzt 85, war also zur Zeit des Naziregimes drei bis fünfzehn Jahre alt. Was können wir aus unserer Kindheit erzählen?
    Die Zeitzeugen des „Dritten Reiches“ sterben langsam aus. Dies hat auch Steven Spielberg schon erkannt. Wie kann man solche Geschichten „konservieren“? Was ist ein Buch gegen ein lebendiges Wort, gegen einen lebenden Menschen? Wie kann ich ein Buch fragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe?

    Ich kann mir gut vorstellen, dass es anstrengend ist, den Geschichten zuzuhören. Aber bestimmt, wie du sagst, sind diese Geschichten Edelsteine, unendlich viel wert.
    Ich wünsche dir noch viele solche Gespräche.

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    • @ freidenkerin:
      Danke für die wunderbare Beschreibung. Als Buchbinderin kann ich das nur bestätigen 😉
      Leider werden viele Geschichten von niemandem mehr angehört und gehen so für immer verloren!
      Ich habe keine Ahnung, von wem das Zitat ist, doch es ist zutreffend:
      „Wenn ein Mensch stirbt, verliert die Welt eine Bibliothek!“

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  2. Meine Eltern sind und waren auch Zeit Zeugen. Meine Mutter ist jedes Jahr wenn, die Sirene am Ort geprüft wurde mit den Händen auf den Ohren unter dem Tisch gesessen und hat geweint. Fliegeralarm Traumata. Ferner hat sie gesehen wie ein Russe einen Säugling gegen einen Panzer geworfen hat, auch das hat Sie bis zu ihrem Lebensende verfolgt. Mein Vater hat mir sehr viel erzählt und ich bin froh darüber.

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  3. Liebe Katrin,

    ich stimme Dir, bei allem, was Du sagst, zu. Nur: Wenn man im TV, fast auf allen Sendern, Reportagen über das Nazi-Regime sieht, und das immer und immer wieder, und immer dasselbe, dann wird man (Andere vielleicht nicht, aber ich), der Sache überdrüssig. Deshalb, und auch aus sehr vielen anderen Gründen, bleibt mein Gerät auf „DAUER-AUS.“

    Liebe Grüß,

    Rom

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