Sie wünscht mir den Tod!

Alzheimer ist oft eine schwierige Sache… für den Kranken UND die Angehörigen UND die ganzen anderen, die die Kranken umgeben.

Freitagmittag geleitete die Frisörin eine ihrer Kundinnen zur Toilette. Der Zugang liegt im Speisesaal. Daher beobachtete ich dies.

Nach einiger Zeit sah ich die Bewohnerin wieder den Speisesaal betreten. Zögernd sah sie sich um. Die Frisörin war nicht mehr da. Sie war wieder in den Salon zurückgekehrt.

Die Bewohnerin sah sich hilflos um. Sie wusste nicht, was sie machen sollte. Sie wusste auch nicht, wohin sie gehen sollte. Sie blickte nach rechts, nach links und fing dann an, mit zaghaften Schritten in irgendeine Richtung zu gehen.

Sie schlug die Richtung zur Tagespflege ein. Das schien ihr bekannt. Ich weiß, dass sie öfter dort ist/war. Aber das ist genau die entgegengesetzte Richtung vom Frisör-Salon. Dass sie eigentlich da herkam, wusste sie nicht mehr.

Als ich erkannt hatte, was los war, ließ ich meine Reibekuchen stehen, schaltete den E-Rolli ein und fuhr zu der Dame hin.

Sie blickte plötzlich ganz verschreckt auf, streckte ihre Arme nach vorn, als wolle sie mich abwehren und fragte: „Was wollen Sie? Gehen Sie weg!“

„Alles gut!“, sagte ich beschwichtigend, „Ich tue Ihnen nichts. Sie suchen sicher den Weg zurück zum Frisör. Ich zeige Ihnen, wo das ist.“

„Frisör? Ich muss nicht zum Friseur!“, sie war ganz aufgewühlt. Langsam nahm sie die Arme wieder herunter. „Wie wollen Sie mir denn zeigen, wo es lang geht?“

Sie kam auf den Rolli zu und hielt sich dann daran fest. Schnell schaltete ich das Gerät aus, damit sie nicht versehentlich auf eine Taste kam und der Rolli sie anfahren würde.

„Dazu gehen Sie einfach hinter mir her. Ich fahre dann dorthin, wo sie hin wollten.“

Ganz langsam nahm sie ihre Hände wieder von den Steuergeräten des Rollis weg und schlurfte fragend um den Stuhl herum und hielt sich dann von hinten daran fest. Auf langsamster Stufe setzte ich den Rolli in Bewegung. Sie ging mit!

„Sie wünscht mir den Tod!“, stammelte sie.

„Wer?“, fragte ich.

„Meine Schwester! Sie wünscht mir den Tod! … Sie verfolgt mich!“

„Nein“, sprach ich beruhigend, „Keiner wünscht Ihnen den Tod!“

Wir verließen den Speisesaal, durchquerten den Eingangsbereich und näherten uns dem Frisör-Salon. Die Frisörin sah das und erschien an der Eingangstür, um die Bewohnerin in Empfang zu nehmen.

„Wo sind wir hier?“, fragte die verwirrte Frau.

„Beim Frisör“, sagte ich, „Da kamen Sie doch her.“

„Frisör? Ich muss nicht zum Frisör!“

„Sie wollten doch, dass ich Ihnen die Haare mache“, meinte die Frisörin.

An dem Punkt zog ich mich zurück. Meine Reibekuchen waren mittlerweile bestimmt ganz kalt. :-/

10 Warnzeichen und Symptome von Alzheimer

Demografischer Wandel

18 Gedanken zu “Sie wünscht mir den Tod!

  1. Liebe Katrin, du hast toll reagiert und alles richtig gemacht.
    Alzheimer Patienten sind oft orientierungslos und verwirrt, manchmal auch aggressiv. Mein Oma war 10 Jahre in diesem Zustand und es ist nicht einfach zu erkennen, wie die Person sich stetig verändert und einen selbst nicht mehr erkennt.
    Die Erinnerung an die eigene Kindheit, an die Eltern sind geblieben.
    Auch eine noch nicht bis ins kleinste Detail erforschte Krankheit….
    Einen schönen Sonntag wünscht, Deine Christine

    Gefällt 1 Person

  2. Es ist sehr schwierig, mit Menschen umzugehen, die Alzheimer haben. Insbesondere für die Menschen, die lange Zeit mit diesem Menschen das Leben geteilt haben. Auf einmal in den Verdacht zu geraten, jemandem nach dem Leben zu trachten, ist nicht unbedingt erfreulich. Bei meiner Großmutter habe ich das bemerkt, als meine Mutter, die sie Jahrzehnte gepflegt hat, plötzlich nicht mehr erkannt wurde, und als Einbrecherin beschimpft wurde. Einfach rechts rein und links raus ist da nicht.
    Dir alle Hochachtung, dass du immer wieder siehst, wo du gebraucht wirst und dann auch agierst. Es wäre bestimmt einfacher gewesen, weiter zu essen und die Dinge laufen zu lassen.

    Gefällt 1 Person

  3. Die Mama einer guten Freundin hat Alzheimer und mittlerweile auch oft diese Art Vorstellungen. Meine Mutter hat jahrelang Alzheimer-Patienten betreut und meine Freundin beruhigt, dass das normal ist (leider) und man -egal was kommt- es nicht persönlich nehmen darf.
    Nun ist die beste Freundin meiner Mutter mit Alzheimer diagnostiziert worden. Das macht mich so traurig… 😢

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s