Gang über den Wohnbereich der verwirrten Seelen

Letztens war in der Physiotherapie wieder Laufen angesagt.

Mein Physio-Ritter fragte mich: „Wohin soll es gehen?“

Ich überlegte kurz und meinte dann: „Den Wurzelsepp habe ich schon lange nicht mehr gesehen… „

„Also gut, dann auf seinen Wohnbereich“, sagte er.

Gesagt, getan. Also erst einmal Treppen steigen.

Dann waren wir auf der Etage mit dem „Wohnbereich der verwirrten Seelen“, wie ich ihn für mich getauft habe.

Ich gehe gerne über diesen speziellen WB. Die Wände sind in lebensfrohen Farben gestrichen. Es gibt Mobiles und Drehscheiben, Spiegel und Fühlmodule, verschiedene Finger- und Handgriffe, beruhigende Bilder. Es ist einfach gemütlich dort.

Während ich über den Gang lief, trafen wir auch verschiedene Bewohner.

„Kommst du zu mir?“, fragte Frau K. den Physio-Ritter. Sie saß zusammen mit Frau W. an einem kleinen Tischchen auf dem Flur.

„Nein“, antwortete der Physiotherapeut, „heute nicht. Heute ist Frau S. dran.“

„Na gut“, sagte Frau K. enttäuscht, ging dann aber lachend zum nächsten Thema über: „Wir sind jetzt beim DU!“ Sie zeigte auf Frau W. und beide strahlten. 🙂

So schnell die Stimmungen wechseln, so schnell werden auch die Themen gewechselt.

Als wir weitergingen, hörte ich die Stimme einer Pflegerin aus einem Zimmer: „Hallo Herr P.. Wie geht es Ihnen? Kommen Sie gleich zum Kaffee-Trinken in den kleinen Speisesaal?“

Der Bewohner sagte zu, er wolle kommen.

„Dann machen Sie aber die Hose zu, bevor Sie kommen“, sagte die Pflegerin.

Ich musste schmunzeln.

Als nächstes kamen wir an einer mageren, verhuscht blickenden Bewohnerin vorbei.

„Hallo Frau X.“, grüßte ich. Zum Glück stand sie direkt an ihrer Zimmertür wo auch ihr Name an der Tür stand.

„Bringen Sie mich zurück in mein Zimmer?“, flüsterte sie.

„Ihr Zimmer ist doch hier. Da steht doch Ihr Name an der Tür“, sprach ich beruhigend.

Sie blickte sich um. „Ja, das ist mein Zimmer. … Ist das mein Zimmer???“

„Aber sicher“, sagte ich freundlich. Dann gingen wir weiter. Als wir auf dem Rückweg wieder dort vorbei kamen, stand sie immer noch da.

Manchmal tun mir die armen, verwirrten Seelen Leid. Aber mit viel Geduld und Liebe bekommt man sehr viel Wärme und Dankbarkeit zurück. Das tut sooo gut!

Den Wurzelsepp haben wir dann doch nicht gesehen. Die Pflegerin sagte, er schlafe und wir sollten ihn schlafen lassen.

Alzheimer’s Association Deutschland

Beschäftigungsmaterial

15 Gedanken zu “Gang über den Wohnbereich der verwirrten Seelen

  1. Ich habe gerade in meiner neuen Geschichte „Zimmer einhundertundeins“ eine Szene mit eingeflochten, die mir selbst Gänsehaut verursachte (allerdings aus der Psychatrie). Das Fazit zu dieser Szene in der Geschichte: Es sind alles Menschen mit eigener Geschichte.

    Du meisterst das wunderbar. Unsere Kräfte und unsere Geduld werden oft sehr gefordert. Doch es lohnt sich – selbst wenn es nur das eigene Gefühl ist.
    Liebe Grüße
    Sylvia

    Gefällt 1 Person

  2. Ein ganz anderes Thema; Es gibt ja zwischen Deutschland und Österreich viele, viele sprachliche Unterschiede und „laufen“ heißt bei uns nicht „gehen“ wie in Deutschland sondern immer nur „rennen“. Ich muss daher immer schmunzeln bei der Vorstellung wie du mit deinem Physioritter die Treppe hinauf und durch die Gänge rennst 🙂

    Gefällt 2 Personen

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