Zur Beruhigung des Gewissens der Nation

Bei meiner letzten Sitzung bei der Psychotherapie stellte ich meiner Psychologin die Frage: „Warum gibt es mich überhaupt noch? Warum knallen die mich nicht einfach ab? Ich bin doch zu nichts mehr nütze. Ich brauche für alles Hilfe und leiste nichts!“ 😡

„Und wer soll das tun?“, fragte sie.

„Keine Ahnung…“, schmollte ich.

„Dann meinen Sie also, dass alle Menschen, die behindert sind, geistig Behinderte, Menschen mit Down-Syndrom zum Beispiel, Menschen, die nie gearbeitet haben, dann haben die alle kein Recht zu leben?“, sie blieb hartnäckig.

„Ja! Nein! Ach… ich weiß nicht!“, meinen eigenen Tod konnte ich verantworten aber ich wollte nicht daran Schuld tragen, dass auch andere sterben müssten. Ich war wütend und traurig. Ich hatte Angst vor der kommenden Woche. Ich wollte Blut sehen. MEIN Blut.

„Ich kann ihnen sagen, wozu Sie da sind, was ihr Dasein für einen Sinn macht, wofür es gut ist, dass es so ist, wie es ist“, sagte die Psychologin.

„Ja??? Wofür soll das gut sein???“, bellte ich trotzig, herausfordernd.

„Zur Beruhigung des Gewissens der Nation. Nach der ganzen Euthanasie-Geschichte im 3. Reich braucht das Land dringend etwas Gutes, was es sich auf die Fahne schreiben kann. Etwas, das sagt: ‚Das leisten wir uns! Wir kümmern uns um unsere Schwachen, Kranken, Alten. Das lassen wir uns etwas kosten!‘.“ Das sagte sie ganz ernst.

1:0 für die Psychologin!

Meine Tränen hörten auf zu laufen. Ich wurde ruhiger. Ich musste nachdenken.

25 Gedanken zu “Zur Beruhigung des Gewissens der Nation

  1. Der hätte ich eine gescheppert! Sorry ich bin bestimmt nicht gut um damit die Gräueltaten des 3. Reiches wieder gut zu machen. Ich bin gut, weil ich ich bin, so wie du du du und du auch! Katrin du bereicherst mein nicht vorhandenes Wissen über den Alltag in einem Pflege/Altersheim ungemein, danke dafür. Ich habe nämlich bisher nur schreckliches gehört. Es macht SINN das DU aufklärst. LG Chrissi

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  2. Liebe Katrin,
    Hab mich in der letzten Zeit ein wenig zurückgenommen.
    Auch ich hatte , ich drücke es mal so aus, einige “ Aufgaben“ zu lösen, obwohl mir manchmal nicht danach war.
    Zuständig war nur ich alleine, gehe jeden Tag ( manchmal mit einigen Helfern ) an und wir versuchen das Beste.
    Mache keinen Schuldigen aus.
    Bin jeden Tag dankbar, dass ich überhaupt etwas tun kann.
    Es gibt soviele Menschen denen dies nicht möglich ist

    Deine Aussagen von Gestern und Heute,…… darauf mußte ich Dir schreiben.
    Du hast uns allen gezeigt.. und es war ja auch in den Kommentaren zu lesen,
    wir bewundern ( wir brauchen ) Deine Ausdauer , Deine Disziplin, Deine liebevolle Einstellung
    zu den Menschen in Deiner Umgebung.
    Bitte trockne Deine Tränen, bleib ruhig und denke nach.
    Wir sind Alle in Deiner Nähe.

    Es gibt noch sehr viel zu tun, anstoßen müssen wir es selbst.
    Es schreibt sich alles soooo leicht, wenn man noch dazu in der Lage ist.

    Ulrich

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  3. Ich verstehe die Aussage der Psychologin, sie meinte jede Person, die dich nur auf dem Papier kennt(Ämter, Krankenversicherung etc.), in der Beziehung kann man ihre Aussage nachvollziehen. Aber Du bist so viel mehr. Ich habe keine MS und ehrlich gesagt hat mich das Thema auch nie beschäftigt, bis ich euren Trupp hier kennengelernt habe. Und es ist keine Neugierde, dass ich (persönlich) euch folge, sondern weil ihr im Grunde das gleiche macht, wie wir alle. Wir teilen einen Teil unseres Lebens miteinander. Und deiner ist wirklich interessant. Dir würden nicht so viele Menschen folgen, wenn Du nicht auch so interessante EInblicke in Dein Leben geben würdest. Du schaffst es, dass man sich beteiligt fühlt. Und das wäre für mich persönlich schon Grund genug, warum es Dich gibt ! Liebe Grüße, Ann

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  4. Und auch nachdem ich die Kommentare gelesen habe, macht mich die Aussage der Psychologin irgendwie wütend, so ganz im hinteren Teil meiner sensiblen Seele. Solche ‚Braunzeitvergleiche‘ tun das immer, egal wie sie gemeint sind.
    Auf jeden Fall hast du das Recht zu wüten und zu zweifeln, auch an deiner Existenz.
    Dieses Recht sollte jeder haben und keine „bürokratische Macht“ sollte sich hier einmischen dürfen. Jeder ist seines Glückes – und seiner Wut und seiner Ängste – Schmied. Jeder für sich und das ist gut so.
    Und jeder sollte die Chance haben, negative Gefühl in positive wandeln zu können und nach angemessener Zeit aus Wut ein Lachen zu machen.
    Ich hoffe, du lachst wieder – oder bald. Ich lache mit dir.
    Lach sie weg, die Wut und die Angst. Humor besitzen die beiden nämlich nicht.

    Liebgruß und eine Umarmung für dich
    Ele (@wortvoll)

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  5. Liebe Katrin, das ist wirklich eine sehr grenzwertige Erklärung der Therapeutin. Als wenn wir uns als Wiedergutmachung um Kranke, Behinderte, Alte kümmern. Wenn es darum ging, wäre es weiß Gott an der Zeit mehr zu investieren, oder warum gibt es nicht mehr Einrichtungen, die z.B. auf jüngere Kranke wie Dich eingestellt sind? Warum glauben wir denn, Alte, Demente, Kranke, Behinderte – können alle in eine Einrichtung, wird schon passen? Warum werden Pfleger nicht ordentlich bezahlt? Alles Wiedergutmachung? Du bist ein ganz normaler Mensch mit einem schweren Schicksal und Du hast alles Recht der Welt wütend und zornig zu sein. Viele Menschen haben solche Momente und viele davon aus wahrlich nichtigen Gründen. Wir haben alle gut reden, weil wir eben nicht das Leben aushalten müssen, das Du aushalten musst, so nett die Menschen im GTH auch sein mögen. Ich bin Gott sei Dank bisher gesund durch’s Leben gekommen, aber durch die jahrzehntelange Krankengeschichte meiner Mutter weiß ich, wie schlimm das ist, wenn man auf den Rollstuhl angewiesen ist, in so vielen Bereichen. Meine Mutter war nicht oft so wütend, aber oft so unglaublich traurig und enttäuscht. Das ist alles schlimm und kann nicht wegdiskutiert werden. Durch meine Mutter bin ich praktisch mit der Krankheit MS aufgewachsen und wenn man etwas lernt, dann dass es wunderbar ist, aufstehen, laufen zu können. Sehen zu können, Essen einfach runterschlucken zu können usw. Und Du trägst mit Sicherheit dazu bei, dass der eine oder andere mal nachdenkt, über Mitgefühl, Schicksale wie Deins, was wirklich wichtig ist im Leben, was Pfleger so leisten etc. Ich denke, Du hast mit Deinem Blog eine wichtige Aufgabe übernommen!
    Für die Chemo in der kommenden Woche alles Gute. Hoffentlich erholst Du Dich schnell wieder.
    Liebe Grüße
    Jutta

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    • Wow! Was für ein toller Kommentar, liebe Jutta! Aber du merkst, der etwas eckig erscheinende Einwurf regt zum Nachdenken an – nicht nur mich.

      Mittlerweile tut mir die Psychologin schon Leid, weil sie hier so viel Unverständnis erntet. Ich kann nur sagen, sie sagte das im Rahmen einer Therapie-Sitzung und zu MIR. ICH habe so etwas gebraucht, in der Situation. MIR hat es gut getan. Sie wollte mir nichts Böses, sondern mein Denken in eine bestimmte Richtung lenken. Das ist ihr gelungen. Sie hat die richtigen Worte für mich gefunden. Wir verstehen uns. Sie ist die richtige Psychologin für mich. 🙂

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      • Unverständnis? Nö, von mir nicht!
        Ich mag schwarzen Humor, Ironie, Sarkasmus!!! Mit der Frau würde ich auch gut zurechtkommen, jawollja!
        Tolle Psychotante. Eine Ausnahme, leider.
        Mit sowas komme ich besser zurecht als mit weichgespülten PsychoFloskeln.
        Aber, jedem das Seine.
        🙂

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  6. Meine Tante hatte auch MS. Sie sagte immer zu den nächsten Familienangehörigen, sie sollen ihr einen Hammer auf den Kopf schlagen, damit sie sterben könne. Erst kürzlich hat mein Bruder wieder davon erzählt. Und da kommt dann bei mir wieder die Frage nach Sterbehilfe auf und die Frage, wieviel lebenserhaltende Maßnahmen sich eine Gesellschaft leisten kann. Ich glaube wirklich, das meine Generation 2050 entscheiden kann, eine Tablette (die zum sanften Tod führt) zu nehmen, wenn sie sich ein Altersheim oder die Pflegekraft nicht mehr leisten können. In einer alternden Gesellschaft in der alles ökonomischen Prinzipien untergeordnet wird und sich immer wieder die Frage stellt wer soll das bezahlen (oder geht dann das Erbe für nachfolgende Generationen drauf) halte ich eine solche Tablette für realistisch. Natürlich ist die ganze Thematik schlimm. Leichte Lösungen lassen sich nicht finden. Wenn man durch schwere Krankheiten den Sinn im Leben verliert kann Religion und Spiritualität helfen.

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  7. Liebe Katrin, du hast ja Ideen!
    Ich bin auch zu nichts mehr fähig. Meinem Mann helfen kann ich höchst selten.
    So bei den Frikadellen. Die würze ich nicht mehr. Da kommt erst in den Topf Olivenöl, gehackte Zwiebeln, geschnittene Scheiben Knoblauch, und da drüber, wenn Zwiebeln glasig sind, kommt die Mischung aus viel Kurkuma, weniger Kreuzkümmel, Nelkenpulver, klein wenig scharfes Chilipulver, und schwarzer Pfeffer aus der Mühle.
    Das alles vermische ist, dann kommen die kleinen Frikadellen direkt aus der Tüte auf diese Mischung. Nach ner Weile umdrehen. Sie nehmen die Würze an.
    Und sie schmecken dann so herrlich leicht.
    Ich habe seit heute einen zusätzlichen Rollator für die Wohnung.
    Den werde ich bei Gelegenheit mal zeigen.
    Gut, dass die Psychologin so gute Argumente hatte.
    deine Bärbel

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