Schamgefühl

Was mir jetzt schon häufiger aufgefallen ist: das Schamgefühl scheint sich im Alter zu verschieben. Vor allem, wenn der alte Mensch auch Anzeichen einer Demenz aufweist.

In der Öffentlichkeit wird ungehemmt

  • laut genießt, ohne die Hand vor den Mund zu halten,
  • gefurzt,
  • gerülpst,
  • onaniert.

Letztens war ich auf WB1, wo sich die Station mit den dementen Bewohnern befindet, die einzige Station mit geschlossenen (nicht abgeschlossen) Türen.

Dort konnte ich Bewohner sehen, die am Tag im Nachthemd herum liefen.

Plötzlich hörte ich die laute Stimme einer Pflegerin: „Herr X., Sie haben ja immer noch keine Hose an! Gehen Sie und ziehen Sie sich erst mal eine Hose an, bevor Sie in den Aufenthaltsraum kommen!“

Als ich ihn dann sah, war er komplett gekleidet. Ein Baum von einem Mann. Noch gar nicht so sehr alt.

Schamgefühl, vor allem körperliche Scham, setzt voraus, dass der Mensch sich als Person erkennt. Daher setzt sie auch erst ab einem gewissen Alter ein.

Babys haben noch kein Schamgefühl. Ab einem gewissen Alter fangen sie an, sich selbst im Spiegel zu erkennen. Dann lernen sie zu verstehen, dass sie auch von anderen erkannt werden. Körperscham entsteht bei Kindern etwa mit fünf Jahren und ist bei den meisten mit sieben Jahren ausgeprägt.

Scham im Alter kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Ist der alte Mensch noch geistig gesund, erkennt er sich als Person und schämt sich für den Verlust gewisser Fähigkeiten, die lange Jahre die Normalität darstellten:

  • Körperpflege
  • Intimpflege
  • Betten machen
  • Kochen
  • Einkaufen
  • geschäftliche Dinge selber regeln
  • und viele andere alltägliche Dinge

Die Demenz kann mit sich bringen, dass sich der Mensch nicht mehr als Person erkennt. Somit fällt auch das Schamgefühl weg.

Doch manchmal passieren auch Dinge, die einen nur den Kopf schütteln lassen, die nichts mit Demenz zu tun haben. So brachte eine Bewohnerin eine Klopapierrolle mit an den Esstisch im Speisesaal. Nach jedem verzehrten Bissen und nach jedem Schluck Getränk riss sie ein neues Blatt von der Rolle ab und wischte sich damit über den Mund. Dabei steht ein Servietten-Halter auf jedem Tisch! So war denn auch der Protest der Tischgenossen groß.

Schamgefühl (Wikipedia)

Schamgefühle – Peinlich (SZ)

14 Kommentare zu „Schamgefühl

  1. Denke, dass ist ein sehr kompliziertes Thema ,

    ich mache mir aber Gedanken um Katrin.
    Jeden Tag Wegsehen… Weghören….. und doch erleben.
    Für Dich sicher nicht einfach.
    Dann, dort für uns noch soviel gute, liebe Geschichten und Erlebnisse zu erkennen.
    Ich wünsche Dir täglich, diese Kraft..

  2. Wenn man sich nicht mehr so richtig bewegen kann, die Hände keine Kraft mehr haben, kann es schon mal zu sowas kommen.
    ich muss mich echt anstrengen, eine Hose hochzuziehen, geht nur im angelehnten Modus und meist nur mit einer Hand. Das dauert.
    Aber vergessen tu ich es noch nicht.

  3. Ein junger Mensch erkennt und entwickelt das Schamgefühl. Und es verändert sich vermutlich im weiteren Lebenslauf. Rolli, ich fahre doch niemals mit so einer doofen Kiste durch die Gegend. Heute denke ich ganz anders darüber. Das Schamgefühl verändert sich im Verlauf des Lebens. Geade im letzten Lebensabschnitt sind die Veränderungenn mitunter schwer zu verstehen.

  4. Sicherlich ist dem Menschen mit der Klo-Papierrolle nicht bewusst, dass er eine Klo-Papierrolle mit am Tisch hat.
    Mit Scham oder vielmehr nicht mehr vorhandenem Schamgefühl hat das meiner Meinung gar nichts zu tun.
    Meines Wissens machen demente Menschen Dinge, die wir überhaupt nicht verstehen und sie wahrscheinlich selber noch viel weniger.

  5. Es gibt dazu ein sehr interessantes Buch, welches sich auf humorvolle Weise mit dem Verlust der Fähigkeiten bei der MS beschäftigt. Maximilian Dorner, Ich schäme mich. — Sehr zu empfehlen.

  6. Selbst bei Demenz muss das Schamgefühl nicht zwingend verloren gehen. Bei meinem Mann wurde z.B. Körperpflege und überhaut das Reinlichkeitsgefühl sogar noch ausgesprägter. Es gibt da halt viele Facetten. In einem Heim kommt da natürlich alles zusammen.

  7. Also, außer dem Onanieren habe ich all die anderen Dinge schon sehr häufig in den Öffentlichen miterleben müssen. Und was Körper- und Intimpflege anbelangt, da kenne ich so einige, die nicht dement sind, aber dennoch nicht viel davon halten. 😉

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