Ein grantelnder Wurzelsepp

 

S. Hofschleager  / pixelio.de
S. Hofschleager / pixelio.de

Als mich letztens die Reinigungskraft aus dem Zimmer schickte, damit sie in Ruhe den Fußboden putzen konnte, dachte ich, es sei mal wieder an der Zeit nach dem Wurzelsepp zu schauen.

Als ich ihn Anfang Mai das letzte Mal sah (siehe Post vom 12. Mai 2015) dachte ich ja, er hätte nicht mehr all zu lang zu leben. 🙁 Sein Name fiel aber bisher nicht im Zusammenhang mit den Verstorbenen. Also machte ich mich auf den Weg.

Ich kam auf seinem Wohnbereich an. Dort wurde ich von einem Angehörigen einer Bewohnerin hereingelassen. Hier sind die Türen ja geschlossen und für mich nicht ohne Hilfe zu öffnen. Ich begrüßte die Bewohner im Aufenthaltsraum. Dann machte ich mich auf den Weg zu Wurzelsepps Zimmer. Mutig aber beklommen. Was würde mich erwarten?

Als ich mich dem Zimmer näherte, sah ich, dass seine Tür offen stand. Also klopfte ich an und rollte langsam hinein. Ich hörte ein Grummeln und Brummeln.

Der Wurzelsepp saß komplett angezogen auf seinem Bett. Die Beine baumelten über den Rand. Er ist ja so klein, dass die Beine nicht den Boden berühren, wenn er auf dem Bett sitzt. 😀 Geschäftig schien er etwas zu suchen.

„Wo ist er hin… der Brief… da stehen sie alle drauf… alle, die gestorben sind… ich muss das doch wissen, ob sie schon tot sind… der war doch hier, der Brief… wo ist er nur… der ist bestimmt runter gefallen…..“ Ganz unglücklich brabbelte er vor sich hin.

Plötzlich hüpfte er mit einem beherzten Satz vom Bett und war tatsächlich, trotz seiner 93 Jahre auf allen Vieren und schaute unters Bett!

Ich versuchte ihn zu überzeugen, dass die Putzfrau den Brief bestimmt gefunden hätte, wenn der auf dem Boden gelandet wäre.

Er brummelte: „Hier läuft auch längst nicht alles wie es soll…“, und starrte weiter unter das Bett. „Man müsste eine Lampe haben…“

Zuletzt versuchte er wieder aufzustehen. Aber das war dann doch nicht so einfach. Er prustete und schnaufte. Dann hatte er es auf die Knie geschafft und hielt sich an meinem E-Rolli fest.

Schnell schaltete ich den aus. Nicht, dass er versehentlich auf eine der Tasten kam und der Rolli nach vorne schoss! 😯

Ich reichte ihm einen Arm und mit vereinten Kräften schafften wir es. Er stand! Zittrig – aber er stand! Puh… der Mann raubt mir noch den letzten Nerv!

Nun hockte er wieder auf dem Bett. Das Granteln aber ging weiter. Er steigerte sich richtig da hinein, grummelte, brummelte, schniefte, stieß Schimpftiraden aus. Ich versuchte ihn zu beruhigen. Doch das war gar nicht so einfach. Wie ich ja schon mehrfach erzählt habe, hört er nicht mehr gut, so dass ich extrem laut reden musste, um überhaupt eine Chance zu haben, zu ihm durchzudringen. Das war sehr anstrengend für mich. Irgendwann wusste ich mir nicht mehr anders zu helfen und ich rief ihn laut bei seinem Vornamen:

VORNAME!!!

Sein Kopf schnellte hoch. Er verstummte, schaute mich mit großen Augen an. 😯

Hör mir mal zu! – Das Leben ist wie ein Kinderhemd – kurz und beschissen!

Er schaute mich an… und dann… fing er an… schallend zu lachen! 😀

Damit war seine Wut verraucht. Er entspannte sich, kicherte und sagte mir auf Wiedersehen. 🙂

7 Kommentare zu „Ein grantelnder Wurzelsepp

  1. Guten Morgen, liebe Katrin!
    Schön, dass du den Wurzelsepp besucht hast.
    ( 93 Jahre alt, wow! So alt will ich auf gar keinen Fall werden… )
    Du bist sehr feinfühlig und findest für jeden Heim – Bewohner den richtigen Ton. Weiß nicht ob ich das könnte…
    Liebe Grüße
    Mimi

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